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"Populistischer Unfug" Kein Deutsch, keine Einschulung? Kritik an Linnemanns Grundschul-Vorstoß

"Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen", sagt Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann. Foto: dpa/Arno Burgi"Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen", sagt Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann. Foto: dpa/Arno Burgi

Berlin. Für seinen Vorstoß, dass nur Kinder eingeschult werden sollten, die richtig Deutsch verstehen, erhält Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann heftige Kritik – auch aus der eigenen Partei.

Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann fordert, dass Kinder ausrechend Deutsch sprechen müssen, bevor sie an der Grundschule aufgenommen werden. "Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen", sagte er der "Rheinischen Post" (Dienstag). Der CDU-Politiker schlägt für betroffene Kinder eine Vorschulpflicht vor. Notfalls müsse eine Einschulung auch zurückgestellt werden, sagte er. Der Deutsche Lehrerverband gibt ihm teilweise recht. 

Linnemann warnte vor "neuen Parallelgesellschaften"

Es müssten alle Alarmglocken schrillen, wenn bei Sprachtests wie in Duisburg mehr als 16 Prozent der künftigen Erstklässler gar kein Deutsch könnten, sagte Linnemann. "Bis tief hinein in die Mittelschicht erlebe ich Eltern, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken, weil das Niveau an staatlichen Schulen sinkt." 

Carsten Linnemann (CDU). Foto: dpa/Michael Kappeler

Er warnte in dem Zusammenhang vor "neuen Parallelgesellschaften". "Die Vorfälle in Freibädern, die Tat auf dem Frankfurter Bahnsteig, die Schwertattacke in Stuttgart – das alles wühlt die Menschen auf und befeuert die Sorge, dass neue Parallelgesellschaften entstehen könnten. Dem müssen wir jetzt vorbeugen."

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Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger sagte der Deutschen Presse-Agentur am Montag, Linnemann habe natürlich Recht damit, dass die eigentliche sprachliche Förderung vor der Grundschule erfolgen müsste. Kinder sollten nach Meidingers Ansicht schon lange vor der Einschulung verpflichtende Sprachtests durchlaufen. "Ich bin ein absoluter Anhänger von bundesweiten, flächendeckenden Sprachstandstests bei Drei- und Vierjährigen." Es gebe Ansätze dafür in einigen Ländern, aber leider passiere dann zu wenig, weil ausgebildetes Personal fehlten, und Grundschullehrer seien sowieso Mangelware.

"Populistischer Unfug": Kritik aus der eigenen Partei

Kritik am Vorstoß des Unionsfraktionsvizes kommt vom Verband Bildung und Erziehung (VBE). Die Forderung, Kinder, die kein Deutsch könnten, nicht einzuschulen, sei eine Bankrotterklärung der Politik, sagte der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann der dpa. Zudem sei sie diskriminierend. "Denn es läuft doch darauf hinaus, dass vor allem Kinder mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung zurückgestellt werden würden." Der VBE forderte mit Blick auf Sprachförderung von der Politik mehr Unterstützung für die Kitas. Fast alle Kinder gingen inzwischen vor der Einschulung dorthin. Aber trotz hohen Engagements der Erzieherinnen und Erzieher führten Gruppengrößen, unzureichende Personalschlüssel und fehlende Sprachexperten dazu, dass manche Kinder nicht angemessen gut Deutsch sprächen.

Die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien (CDU) wies den Vorstoß von Linnemann ebenfalls vehement zurück. Prien sprach in der "Süddeutschen Zeitung" (Dienstag) von "populistischer Unfug" und "der völlig falsche Weg". Diese Kinder gehörten vielmehr "im Rahmen der Regelbeschulung" in Deutsch-als-Zweitsprache-Klassen.

"Stimmenfang im rechten Sumpf"

Linke-Chefin Katja Kipping sagte der Deutschen Presse-Agentur: Mit seinen Äußerungen zu Grundschulkindern gehe Linnemann auf "Stimmenfang im rechten Sumpf". Kipping warf dem CDU-Politiker vor, das Thema mit Meldungen über Gewalttaten von Erwachsenen zu vermengen. "Ist ihm nicht bekannt, dass der Täter von Frankfurt, der offensichtlich eine psychotische Störung hatte, fließend deutsch spricht und als Schweizer praktisch den gleichen Migrationshintergrund hat wie Alice Weidel?" 

Die SPD-Bildungspolitikerin Marja-Liisa Völlers sagte der dpa, die Aussagen Linnemanns seien "wirklich zum Fremdschämen und populistisches Getöse wie in Wahlkampfzeiten". Man könne Kinder nicht von der Grundschule ausschließen, nur weil sie schlecht Deutsch sprächen. Das schaffe Parallelgesellschaften und langfristige Integrationsprobleme, anstatt sie zu lösen. "Die Kinder sind genau richtig da, wo sie sind. Ein besseres Lernumfeld für alle Kinder als Schulunterricht mit Gleichaltrigen gibt es doch gar nicht." 

Integrationsbeauftragte fordert Sprachförderung

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), hält ebenfalls nicht viel von dem umstrittenen Vorstoß ihres Parteifreunds. "An der Schulpflicht gibt es nichts zu rütteln", sagte sie der "Rheinischen Post". "Was wir aber brauchen, ist gezielte Sprachförderung von Anfang an." Gebraucht würden verpflichtende Sprachtests und Förderprogramme, die möglichst früh ansetzen. Widmann-Mauz verwies auf ihre entsprechende Initiative mit den CDU-Bildungsministern bei der Kultusministerkonferenz. 

Weiter sagte sie, Lehrer verdienten im Alltag mehr Unterstützung, beispielsweise durch mehr begleitende Sprachvermittlung an Schulen und gemischte Teams mit Sozialarbeitern, Erziehern und Sozialpsychologen. "Und auch die Eltern müssen wir stärker in die Pflicht nehmen. Denn Bildung ist entscheidend für die Integration und Zukunftschancen aller Kinder."

Kritik in den sozialen Medien

Auch in den sozialen Medien gibt es vor allem Kritik an Linnemanns Forderung – teilweise aber auch an der Berichterstattung darüber. Die Musikerin Reyhan Şahin, als Rapperin bekannt unter ihrem Künstlernamen Lady Bitch Ray, schrieb bei Twitter, sie hätte erst in der Grundschule gelernt, richtig Deutsch zu sprechen, inzwischen hat sie in Linguistik promoviert. "Kinder müssen gefördert werden, nicht am Lernen gehindert!", fordert sie. 

Ähnlich wie sie äußern sich auch viele andere Twitter-User. Die Journalistin Manuela Tomic habe ebenfalls vor ihrer Einschulung kein Deutsch sprechen können, schreibt sie. "Damals hat der Schuldirektor gesagt, wir versuchen es mal."

"Unseren Politikern fehlt leider zu oft Empathie und Phantasie, wozu Menschen fähig sind, wenn sie gefördert werden", schreibt der Berliner Sachar Klein. 

Der SPD-Politiker Karl Lauterbach wirft der CDU vor, Kinder von Migranten mit schlechten Deutschkenntnissen seien aus ihrer Sicht "ein Störfaktor, der die biodeutschen Kinder beim Lernen" behindere. "Wie gemein diese Haltung den anderen Kindern gegenüber ist erklärt sich selbst. Auch Kinder sehen es zum Glück anders."

Ein anderer Twitter-Nutzer weist darauf hin, dass Linnemann im entsprechenden Interview von einer Vorschulpflicht gesprochen hat und zitiert ihn weiter: "notfalls muss seine Einschulung auch zurückgestellt werden." 


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