"Aber das Klima wird rauer" Industrie-und Handelskammertag: Zu Panik kein Anlass - "Aber das Klima wird rauer"

Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie-und Handelskammertags (DIHK) , setzt sich für mehr Unterstützung von Berufsschulen ein. "Wir müssen nach dem besteh streben", sagt er. Foto:dpaEric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie-und Handelskammertags (DIHK) , setzt sich für mehr Unterstützung von Berufsschulen ein. "Wir müssen nach dem besteh streben", sagt er. Foto:dpa

Berlin. Der deutsche Arbeitsmarkt hat schwächelnder Konjunktur, dem Brexit, Trumps Handelskriegen und Strafzöllen lange Zeit getrotzt. Jetzt aber weist die Statistik mehr Kurzarbeit aus. Kommt die „German Angst“ um Jobs zurück? Dazu im Interview Eric Schweitzer, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags.

Herr Schweitzer, Kahlschlag bei der Deutschen Bank, Einbußen bei Daimler: Deutschland steckt in einer Konjunkturkrise. Droht eine Rezession?  

Die Konjunktur in Deutschland steht unter Druck. Ob eine Rezession kommt, weiß im Moment keiner. Fakt ist aber: Laut unserer jüngsten Umfrage fällt der Ausblick der hiesigen Betriebe auf die wirtschaftliche Entwicklung der kommenden Monate trübe aus. Der DIHK hat seine Prognose für das Wirtschaftswachstum im Jahr 2019 daher auf 0,6 Prozent gesenkt, nach 0,9 Prozent zu Jahresbeginn. Gerade die Industrieunternehmen spüren die deutlich langsamere Gangart der Weltwirtschaft. Wir leben in nicht einfachen Zeiten.

Die Industrie war bislang eine der wichtigsten Stützen für unsere Wirtschaft. Bleibt das so?

Tatsache ist: Das Klima wird rauer. Im Auslandsgeschäft sind die Erwartungen so niedrig wie seit zehn Jahren nicht mehr. Der DIHK rechnet insgesamt für 2019 mit einem Exportwachstum von mageren ein Prozent. Das ist sehr ernst, denn jeder vierte Arbeitsplatz hängt von der Industrie ab. Und die Herausforderungen speziell für ausfuhrorientierte Unternehmen wachsen im selben Maß, wie die internationalen Spannungen zunehmen.

Drohen Massenentlassungen?

Ich warne dringend vor Panik. Ja, es gibt Unwägbarkeiten, das rechtfertig aber nicht unzulässige Übertreibungen. Ja, die Dynamik ist geringer, das nehmen wir ernst. Aber zu Alarmismus besteht derzeit kein Anlass. Neben Personalabbau in großen Unternehmen gibt es zugleich weiter einen großen Fachkräftemangel in vielen Branchen. Wahr ist: Konjunkturell segeln wir hart am Wind. Die Risiken für die Geschäfte deutscher Unternehmen sind vielfältig. International wirken sich Handelshemmnisse negativ aus. Der Brexit, Sanktionen, Energiekosten und die Frage, wie es mit der Kfz-Industrie weitergeht – Stichwort E-Mobilität – , sind weitere Risikofaktoren. In Deutschland stellen zudem zunehmende Bürokratie, zu hohe Steuern sowie eine in Teilen mangelhafte Infrastruktur beträchtliche Hemmnisse dar. Damit unsere Industrie auch in Zukunft erfolgreich bleibt, müssen wir auch etwas tun. Bundeswirtschaftsminister Altmaier hat mit seiner industriepolitischen Strategie eine wichtige Diskussion angestoßen. Es wäre wichtig, dass seine Strategie auf bezahlbare Energie, ein wettbewerbsfähiges Steuersystem und eine steuerliche Forschungsförderung abzielt.

Die Statistik weist mehr Kurzarbeit aus. Ein böses Omen?

Der Arbeitsmarkt zeigt sich trotz der aktuellen Risiken insgesamt in guter Verfassung. Schauen Sie auf die Zahlen: Der DIHK erwartet in diesem Jahr ein Plus von 400 000 Erwerbstätigen. Die Arbeitskräftenachfrage liegt nach wie vor auf hohem Niveau. Der Fachkräftemangel ist für die Unternehmen weiterhin das größte Geschäftsrisiko. Mit dem Instrument der Kurzarbeit können einzelne Unternehmen ihre Beschäftigten auch bei zeitweisem Auftragsrückgang halten – das ist in Zeiten knapper Fachkräfte wichtig. Aber trotz leichtem Anstieg der Kurzarbeit – ausgehend von sehr geringem Niveau – sind wir von einem Negativszenario noch ein gutes Stück entfernt. Die Dynamik ist geringer, das nehmen wir ernst.

Die britische Wirtschaft steckt wegen des Brexits im Tief. Wie hart trifft es deutsche Unternehmen, die in GB aktiv sind?

Deutsche Unternehmen haben in Großbritannien 2500 Niederlassungen und beschäftigen dort ca. 400.000 Mitarbeiter. Etwa 750.000 Arbeitsplätze in Deutschland hängen vom Export nach Großbritannien ab. Direktinvestitionen deutscher Unternehmen im Vereinigten Königreich betragen bis heute über 160 Milliarden Euro. Der Brexit ist bereits jetzt eine große Belastung für die deutschen Unternehmen vor Ort: 70 Prozent der deutschen Unternehmen mit UK-Geschäft erwarten für 2019 eine Verschlechterung ihrer Geschäfte. Drei Viertel der Unternehmen sorgen sich vor zusätzlicher Zollbürokratie. Daneben sind höhere Kosten für Zölle und Einfuhrsteuern sowie die rechtliche Unsicherheit die größten Risikofaktoren. Ein harter Brexit würde zu Mehrbelastungen durch die zusätzliche Zollbürokratie sowie die Zahlung von Zöllen in Milliardenhöhe führen. Seit dem Referendum im Jahr 2016 sind die deutschen Exporte nach UK bereits merklich gesunken – von 89 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf 82 Milliarden Euro im letzten Jahr. Das heißt: Unser früher drittwichtigster Exportpartner ist nur noch der fünftwichtigste. Gleichzeitig dazu sind die Exporte in die EU insgesamt um 12 Prozent gestiegen.

Was ist dagegen zu tun?

Die Vorbereitung im Unternehmen ist weiterhin nur begrenzt möglich. Für mehr als die Hälfte der Unternehmen sind die konkreten Auswirkungen des Brexits unklar. Insbesondere der Mittelstand steht vor kostenintensiven Herausforderungen. Wir raten den Betrieben dringend, sich etwa mithilfe der DIHK-Online-Brexit-Checkliste auf die möglichen Folgen des Brexits vorzubereiten. Wir haben dort bereits über 42 000 Abrufe – ein Zeichen für den weiterhin hohen Beratungsbedarf der Unternehmen.

Hilft ein Aufschub für die Briten?

Ich begleite den Prozess sehr intensiv und habe sehr viele Hochs und Tiefs erlebt. Mit einem Aufschub ist immer die Hoffnung verbunden, dass es doch noch zu einem Brexit-Deal kommt. Doch ein Aufschub bringt sicher vor allem eines: eine Verlängerung der Unsicherheit – und die können Unternehmen überhaupt nicht gebrauchen.

Neues Thema: Die Digitalisierung konfrontiert auch gut Ausgebildete damit, dass sie ersetzbar sind. Was macht die Wirtschaft?

Sie investiert, um die Arbeitskräfte vorzubereiten für die digitalen Herausforderungen. Für knapp 90 Prozent der Unternehmen ist Weiterbildung die entscheidende Stellschraube. Aber auch die Politik ist gefordert: Nur mit der geeigneten Infrastruktur kann die Wirtschaft die Chance der Digitalisierung bestmöglich nutzen. Leistungsfähige Breitbandnetze sind für die Unternehmen das A und O.

Die Politik redet seit Jahren über lebenslanges Lernen. Hat sie den Umbau zur 2008 ausgerufenen Bildungsrepublik verpasst?

Es ist bereits eine Menge passiert. Aber mir ist wichtig, nach dem Besten zu streben. Es darf beispielsweise nicht sein, dass die Ausstattung mancher Berufsschulen auf dem Niveau der 70er-Jahre stecken bleibt. Nur wenn wir Berufsschülern gute Chancen geben, werden wir gute Fachkräfte gewinnen.


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