Heimatfilme aus Zwickau Wie eine junge Künstlerin in Osnabrück den Schrecken des NSU verarbeitet

Mit zwanzig Jahren Sicherheitsabstand erzählt: die Zwickauerin Henrike Naumann vor ihrem Werk in der Kunsthalle Osnabrück. „Ich habe nun einen anderen Blick auf den Begriff Heimat“, sagt sie. Foto: Hermann PentermannMit zwanzig Jahren Sicherheitsabstand erzählt: die Zwickauerin Henrike Naumann vor ihrem Werk in der Kunsthalle Osnabrück. „Ich habe nun einen anderen Blick auf den Begriff Heimat“, sagt sie. Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück. Als Ende 2011 die schrecklichen Taten des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) aufgedeckt wurden, waren viele Menschen entsetzt. Tief sitzt nach wie vor der Schock darüber, dass Neonazis über Jahre unerkannt morden konnten. „Die Sache mit dem NSU hat mir die Augen geöffnet“, sagt die Künstlerin Henrike Naumann. Sie zeigt das Leben der Zwickauer Neonazis als Video-Installation in der Kunsthalle Osnabrück.

Wenn die Reichskriegsflagge nicht wäre, sähe es hier aus wie in einem gewöhnlichen Jugendzimmer von damals. An der Wand blickt tränenumflort ein Harlekin aus seinem Glasrahmen, schräg gegenüber eine Alf-Postkarte und Plüschtiere in Scharen. Mittendrin der Bildschirm eines Fernsehers, darauf das feine Gesicht einer jungen Frau. Wie der Harlekin auf dem Bild blickt das Mädchen mit großen Augen in die Welt. Schaut und schaut. Verzieht ihr Gesicht. Grimasse. Dann der Zoom. Ihre Bomberjacke ist jetzt deutlich zu sehen. Ihre und die ihrer beiden Kumpane. Szenen einer Jugend aus dem Jahr 1992. „Mit zwanzig Jahren Sicherheitsabstand erzählt“, sagt Henrike Naumann. Es ist ein Blick ins Jugendzimmer von Beate Zschäpe.

Henrike Naumann stammt aus Zwickau. Bis vor eineinhalb Jahren hätte das nicht unbedingt zu weiteren Fragen geführt. Fragen nach Rechtsextremismus etwa. Seit aber die sächsische Stadt als Domizil des rechtsextremistischen NSU bekannt wurde, ist das anders. Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos haben dort, in der Frühlingsstraße 26, gewohnt. Und Henrike Naumann, 1984 geboren, Szenenbildnerin und Regisseurin, hat darauf reagiert. In der Ausstellung „Mapping Time“, die das 26. European Media Art Festival in Osnabrück begleitet, präsentiert Henrike Naumann f iktive Ausschnitte einer rechtsextremistischen Jugend und stellt sie denen einer feierwütigen, scheinbar sorglosen, unpolitischen gegenüber.

Mehr als die Hintergrundgeschichte einer Jugend

Hier die Reichskriegsflagge über dem Bett, wie es in Beate Zschäpes Wohnung tatsächlich war. Dort das Hotelzimmer auf der Partyinsel Ibiza mit Metall-CD-Ständer und Sekt-Kübel. Belebt werden die Kulissen von je einem kastigen Fernsehbildschirm, auf dem die Darsteller entweder diese oder jene Jugendtage zelebrieren. „Das, was wir hier sehen, habe ich so erlebt“, sagt die Künstlerin, die zwischen ihren Requisiten in der Kunsthalle Osnabrück Platz genommen hat.

Sommer der Unschuld

Die VHS-Videos liefern aber mehr als die Hintergrundgeschichte einer ostdeutschen Kindheit und Jugend nach der Wende. „Die Sache mit dem NSU hat mir die Augen geöffnet“, sagt Naumann. Sie selbst habe sich während ihres Studiums an der Konrad-Wolf-Hochschule in Potsdam-Babelsberg in eine hedonistische Enklave zurückgezogen. „Ich habe in Berlin gewohnt. Da wurde einem alles geboten.“ Inzwischen hatten sich Zschäpe und ihre Verbündeten längst radikalisiert und zu morden begonnen. „Vielleicht war 1992 der letzte Sommer der Unschuld.“

Natürlich marschierten sie damals schon bei Neonazi-Demonstrationen mit. Jugendlich, mit grimmigen Gesichtern, entschlossen, es denen zu zeigen, die anders dachten und anders waren als sie. „Besonders nach der Wende war es in unserer Region normal, rechts zu denken“, sagt Naumann. Viele ihrer Bekannten hätten so gedacht. „Es war üblich, zur Konfirmation eine Bomberjacke geschenkt zu bekommen.“ Sie selbst habe sich als Jugendliche lieber ihre Haare grün gefärbt und Punk-Klamotten getragen. „Davon gab es aber nicht viele.“

Rechtsextremismus nach der Wende

Mit dem Phänomen Rechtsextremismus nach der Wende hat man sich ausgiebig befasst. In dem Jahr, das Naumanns Videos darstellen, brach der rechtsextremistische Terror in Rostock-Lichtenhagen gegen Vietnamesen aus. Ein Dreivierteljahr vorher griffen Neonazis im sächsischen Hoyerswerda Flüchtlingswohnheime an. Die Verbrechen zwangen Menschen in den neuen wie den alten Bundesländern, über das Problem Rechtsextremismus nachzudenken und dagegen anzugehen. Auch in Mölln in Schleswig-Holstein und im nordrhein-westfälischen Solingen gab es Anschläge.

„Rechtsextremismus ist kein Privileg der neuen Bundesländer“, sagt der Hannoveraner Soziologe Gunter A. Pilz, der über Rechtsextremismus bei Jugendlichen forscht. „Nehmen Sie Dortmund, Aachen, Düsseldorf oder Braunschweig. Dort sind rechte Kameradschaften mindestens genau so aktiv wie im Osten.“ Für Jugendliche aus Ostdeutschland hätten sich mit dem Fall der Mauer aber binnen kurzer Zeit Lebensbedingungen und Perspektiven extrem verschlechtert. „Dass so etwas der ideale Nährboden für rechtes Gedankengut ist, ist ja bekannt.“

Bekannt ist auch, dass rechtsextremistische Verbrechen die Stadt, in der sie verübt werden, stigmatisieren können. Vor Kurzem, mehr als zwanzig Jahre nach den rassistischen Übergriffen, sagte ein Pfarrer aus Hoyerswerda, dass seine Stadt den Ruf, ausländerfeindlich zu sein, nicht verloren habe. Was ist mit Zwickau? Hier hat Beate Zschäpe versucht, den letzten Unterschlupf des NSU zu vernichten. Hier gab und gibt es Rechtsextremismus, mal mehr und mal weniger sichtbar. Von hier gingen Bilder des Rechtsextremismus um die Welt – die am Montag gespannt nach München blickt, wenn dort vor dem Oberlandesgericht der NSU-Prozess beginnt.

Ausgeprägter als anderswo sei der Rechtsextremismus in Zwickau nicht, versichern die Stadtoberen. Sie müssen sich gegen einen dumpfen Verdacht wehren. Seit das hellgelbe Haus in der Frühlingsstraße in Flammen aufging, wo mutmaßlich Morde an Migranten geplant wurden, klingt bei dem Wort Zwickau etwas mit. Etwas Ungeklärtes, vielleicht Unheilvolles. „Meine Großmutter wohnt gleich um die Ecke“, sagt Henrike Naumann. „Vielleicht ist sie zu demselben Bäcker gegangen wie Beate Zschäpe.“

Dokumente einer Ära

Naumanns Videos sind – obwohl fiktiv – Dokumente einer Ära. Wer heute über dreißig ist, kann sich an Alf und Gameboys und metallene CD-Türme erinnern. Daran, dass sie damals eine Rolle gespielt haben in der Welt oder auch nur im eigenen Leben. Mit Reichskriegsflaggen über dem Bett ist es anders. Das ist keine Erinnerung, sondern ein Problem. Henrike Naumann ist noch nicht dreißig. Dennoch erinnert sie sich. Weil sie es wollte. Oder musste. Und sie hat sich mit einem Problem auseinandergesetzt. Sie habe nun einen anderen Blick auf den Begriff Heimat, sagt sie. Ihre Heimat. Das ist Zwickau. Und mehr als das Haus in der Frühlingsstraße 26.


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