Im Interview: Heinz-Peter Meidinger Lehrerverband kritisiert Aufgabenpool fürs Abi: "Das ist ein Desaster"

Ist das bundesweite Zentralabi eine Lösung? Foto: dpaIst das bundesweite Zentralabi eine Lösung? Foto: dpa

Osnabrück. Petitionen gegen das Matheabi, Schülerfrust und entsetzte Lehrer: In diesem Jahr haben die Abituraufgaben aus einem gemeinsamen Pool der Bundesländer für Chaos gesorgt. Wird es nun Zeit für ein echtes Zentralabitur? Deutschlands oberster Lehrervertreter, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, hat dazu mehrere Ideen.

Mittlerweile wird wieder verstärkt über ein bundesweites Zentralabitur diskutiert. Es gibt ja seit zwei Jahren einen Aufgabenpool, aus dem sich die Länder freiwillig bedienen. In Mathe führte das jüngst zum Chaos. Am Ende haben Hamburg, Bremen und das Saarland Noten hochgezogen. Funktioniert die Freiwilligkeit?

Eindeutig nein. Innerhalb meines Verbandes gibt es unterschiedliche Einschätzungen zu einer Lösung des Problems. Einig sind sich alle darin, dass das Konzept der Kultusministerkonferenz, Vergleichbarkeit und Qualität durch freiwillige Aufgabenpools zu gewährleisten, gescheitert ist. Die Kultusministerkonferenz hat es nicht geschafft, dass alle Länder verbindlich Aufgaben aus diesem Pool beziehen. Rheinland-Pfalz etwa hat noch nie eine Aufgabe daraus genommen. Andere Länder wie Hamburg haben in Mathe alle vier Aufgaben aus dem Pool genommen. Paradoxerweise hat der Schulsenator hinterher die Bewertungsmaßstäbe ausgerechnet bei einer Poolaufgabe geändert. Dazu kommt, dass die Poolaufgaben offenbar in ihrem Schwierigkeitsgrad doch nicht vergleichbar waren. Das ist ein Desaster.

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Foto: dpa


Wie soll es nun weitergehen?

Möglichkeit eins: Man hält am gescheiterten freiwilligen Aufgabenpool fest und schreibt das Chaos fort. Es gab ja in diesem Jahr Online-Petitionen von Schülern, die in Bremen, Hamburg und dem Saarland erfolgreich waren. Ich prophezeie, dass es im nächsten Jahr nicht nur in Mathe Petitionen geben wird, sondern auch in weiteren Fächern – egal wie schwer die Prüfung war. Möglichkeit zwei: Man sorgt für mehr Verbindlichkeit und verpflichtet die Länder, dass die Hälfte des Matheabiturs aus dem Aufgabenpool stammt und diese Aufgaben bundesweit identisch sind. Das gilt natürlich auch für Englisch, Französisch und Deutsch. Oder man geht noch einen Schritt weiter und schreibt das gleiche Abitur in den Kernfächern überall in Deutschland.

Wie sähe eine gerechtere Lösung aus?

Derzeit hat ein Abiturient, der in Thüringen sein Abitur macht, eine deutlich höhere Chance, einen Einserschnitt zu erreichen, als ein Abiturient in Niedersachsen. Aber wir können nicht sagen, ob der Thüringer Schüler wirklich besser ist. Das ist eine riesige Ungerechtigkeit, denn die meisten Studienfächer werden ausschließlich oder überwiegend über die Abiturnote vergeben. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil zur Medizinerzulassung festgestellt: Abiturnoten sind zwischen den Bundesländern nicht vergleichbar. Diese Feststellung des höchsten deutschen Gerichts darf die Politik nicht ignorieren.

Wie groß ist die Gefahr, dass dadurch Prüfungen leichter werden und das Niveau weiter sinkt? Der Vorsitzende der Hochschulrektorenkonferenz beobachtet jetzt schon gravierende Defizite bei angehenden Studenten.

Zentralisierung muss nicht immer einen Niveauverlust bedeuten. Nach dem Pisa-Schock haben mit Ausnahme von Rheinland-Pfalz alle Länder ohne Landeszentralabitur auf selbiges umgestellt und gute Erfahrungen damit gesammelt. Eine Übertragung auf den Bund braucht sicher einen längeren Vorlauf. Aber am Ende würden die wahren Leistungsunterschiede zwischen den Ländern deutlich. Im Moment haben wir einen Wettbewerb um immer bessere Noten, nicht einen Wettbewerb um die besten Leistungen und den größten Bildungserfolg. Aber darum muss es doch eigentlich gehen.

In Mülheim an der Ruhr wird eine Gruppe von 12- bis 14-Jährigen verdächtigt, eine junge Frau vergewaltigt zu haben. Die Schüler sollten bis zu den Sommerferien nicht mehr am Unterricht teilnehmen. Wie soll eine Schule mit solchen Fällen umgehen?

Das ist eine berechtigte Frage. Richtig ist es, die Schüler zunächst bis zu den Ferien vom Unterricht auszuschließen. Die nächste Frage ist: Sind unsere Schulen darauf vorbereitet, mit solchen Kindern und Jugendlichen dauerhaft umzugehen? Gibt es ein Bildungs- und Betreuungsangebot und entsprechende psychotherapeutische Behandlung, was ihnen hilft, sich wieder zu sozialisieren? Da sieht es schlecht aus. Selbst eine gut ausgestattete Brennpunktschule ist nicht in der Lage, das aufzufangen. Eigentlich bräuchte es eine ganztägige Eins-zu-eins-Betreuung, etwa in einem darauf spezialisierten Internat. Da gibt es aber in Deutschland viel zu wenige solche Einrichtungen.

Mindestens zwei der mutmaßlichen Täter sind noch nicht strafmündig. Das Jugendamt steht bei den Eltern zum Teil vor verschlossener Tür. Sitzen die Schüler nach den Sommerferien wieder im Klassenzimmer?

Bei dem Fall ist die öffentliche Aufmerksamkeit so groß, dass ich annehme, dass das Land oder die Kommune handeln und etwa Betreuungsplätze suchen und finden wird. Wir haben aber vergleichbare Fälle, wo wenig passiert.

Bei dem Vorfall in Mülheim handelt es sich um einen Extremfall. Inwiefern beobachten Lehrer, dass Schüler grundsätzlich aggressiver werden?

Ich glaube nicht, dass es in Schulen generell gefährlicher geworden ist. Allerdings gibt es an Brennpunktschulen definitiv mehr Gewalttaten. Das hängt von der Schulart, der Region, von der sozialen Zusammensetzung, auch vom Migrantenanteil ab und davon, ob die Schule in einer Metropolregion liegt – Berlin ist ein Beispiel dafür.

Was kann man gegen Gewalt an Schulen machen?

Da fällt natürlich immer das Stichwort Gewaltprävention. Das ist auch richtig. Insgesamt wird verstärkte Gewaltprävention aber das Problem von Jugendkriminalität an Schulen nicht lösen, weil die Einflüsse von außen zu stark sind. Schule ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Es gibt Wohnviertel, in denen 90 Prozent der Schüler aus sozial schwachen Familien, oft mit Migrationshintergrund aus ganz anderen Kulturkreisen und mit traumatischen Fluchterfahrungen kommen. Das kann die Schule nicht auffangen.

Zuletzt ein Blick auf Fridays for Future: Was glauben Sie – überlebt die Bewegung die Sommerferien?

Die Sommerferien wird die Bewegung wohl überleben. Ich freue mich sehr darüber, dass wir wieder eine Jugend haben, die sich engagiert. Allerdings schadet die Fokussierung auf den Regelverstoß des Schulschwänzens deren Zielen. Das Fernbleiben vom Unterricht hat viel mediale Aufmerksamkeit erregt. Sollte es dabei bleiben, glaube ich nicht, dass die Bewegung eine Zukunft hat. Die Schüler sitzen nicht am Verhandlungstisch und der so genannte Streik schadet nicht der Schule vergleichbar einem Betrieb, sondern in erster Linie den Schülern selbst. Was ich mir wünsche, ist, dass dieses jugendliche Engagement nicht wieder erlahmt, weil es vielleicht keinen ganz schnellen Erfolg hat, sondern dass sich diese jungen Leute dauerhaft in der Gesellschaft engagieren. Es gibt für die FFF-Aktivisten genügend Handlungsoptionen, was sie an ihrer eigenen Schule, in ihrem eigenen Umfeld, in ihrem persönlichen Handeln für den Umweltschutz und ihre Zukunft tun können. Das hat dann auch mit Glaubwürdigkeit zu tun.

Wie soll es nach den Ferien weitergehen? Bislang gibt es zum Beispiel Einzelfalllösungen für Schüler, die demonstrieren. Was, wenn sich das Schwänzen langfristig etabliert?

Dauerhaftes Fehlen kann keine Schule akzeptieren. Wobei das im Moment nur ein Problem im Promillebereich ist. Nur sehr wenige Schüler fehlen regelmäßig am Freitag. In solchen Fällen muss es der Schule freigestellt sein, zu Ordnungsmaßnahmen zu greifen. Ansonsten werden schulische Regeln nicht mehr ernstgenommen. Es ist ja auch widersinnig, wenn sich Schüler einerseits auf die Brust klopfen und als mutig darstellen, weil sie dem Unterricht fernbleiben, und auf der anderen Seite über die daraufhin erteilten Verweise jammern.


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