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Sieben Duos wollen den Vorsitz Wettstreit um SPD-Spitze: Die Kandidaten im interaktiven Überblick

23 Mal Vorstellungsrunde: Die Kandidaten für den SPD-Parteivorsitz. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich23 Mal Vorstellungsrunde: Die Kandidaten für den SPD-Parteivorsitz. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich 

Berlin. SPD-Chef gesucht: Der Wahlvorstand hat acht Duos und einen Einzelkandidaten für das weitere Bewerbungsverfahren um den SPD-Vorsitz zugelassen. Während der Regionalkonferenzen gaben einige Bewerber auf. Wer die übrigen Kandidaten sind und für was sie stehen – ein Überblick.

Die Zahl der Bewerber um den SPD-Parteivorsitz schrumpft weiter: Acht Duos und ein Einzelbewerber waren ursprünglich für den Wettstreit um den Vorsitz nominiert worden. Der Satiriker Jan Böhmermann war mit seiner Kandidatur gescheitert. Auf der ersten von 23 Regionalkonferenzen überraschte das Kandidatenduo Simone Lange und Alexander Ahrens mit ihrem Rückzieher. Die Oberbürgermeister aus Flensburg und Bautzen wollen stattdessen ein anderes Duo unterstützen, sagten sie. Mitte September zog auch der Einzelkandidat Karl-Heinz Brunner seine Kandidatur zurück. "Mit diesem Schritt möchte ich eine deutlichere Zuspitzung im Kandidierendenfeld und damit eine klarere Wahlentscheidung ermöglichen", erklärte der bayerische Bundestagsabgeordnete auf seiner Homepage.

Vorstellung bei Regionalkonferenzen – Abstimmung im Dezember

Die übrigen sieben Duos tingeln derweil weiter durch Deutschland. Auf den Regionalkonferenzen gibt es laut SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil für die Kandidaten jeweils fünf Minuten Vorstellungszeit. Dann folgt eine Runde mit Fragen der Moderatoren an alle zu aktuellen Themen. Anschließend sind Fragen aus dem Publikum an einzelne Kandidaten an der Reihe. Für alle Antworten gibt es ein Zeitlimit von 60 Sekunden. Am Ende sind noch Schlussstatements vorgesehen. Jede Veranstaltung soll maximal zweieinhalb Stunden dauern.

Die formale Entscheidung über den künftigen Vorsitz fällt ein Parteitag im Dezember. Die Bewerbungsfrist war am 1. September, 18 Uhr, abgelaufen. Wer die verbliebenen Kandidaten sind und für was sie stehen – ein Überblick:

Hilde Mattheis und Dierk Hirschel

Hilde Mattheis und Dierk Hirschel vom Verein "Forum Demokratische Linke 21" (DL 21) stellen sich als weiteres Bewerberduo vor. Foto: dpa/Wolfgang Kumm
  • Wer sie sind: Die 64-jährige Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis aus Ulm und der 48-jährige Verdi-Chefökonom Dierk Hirschel aus Nürnberg wollen gemeinsam an die SPD-Spitze.
  • Ihr Profil: Sie setzen auf einen traditionellen Linkskurs, sind für Umverteilung und die Überwindung von Hartz IV. Ohne einen solchen "Neuaufbruch" sehen sie die Krise der SPD nicht als überwindbar an. Außerdem machen sich die beiden für einen kostenlosen Personennahverkehr stark.

Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken

Ex-Finanzminister Walter-Borjans und Saskia Esken wollen gemeinsam an die SPD-Spitze. Fotos: imago images/Rainer Unkel/dpa/Michael Kappeler, Collage: NOZ
  • Wer sie sind: Der 66 Jahre alte Norbert Walter-Borjans aus Köln war von 2010 bis 2017 Finanzminister in NRW. Bundesweit bekannt wurde er durch den Ankauf sogenannter Steuer-CDs mit Daten von Steuerhinterziehern. Die 58 Jahre alte gebürtige Stuttgarterin Saskia Esken ist seit 2013 Bundestagsabgeordnete.
  • Ihr Profil: Sie seien ein "Tandem auf Augenhöhe" und ergänzten sich ideal, schreibt Walter-Borjans auf Twitter. "Gemeinsam stehen wir für klar sozialdemokratische Botschaften und Haltungen ohne Schnörkel." Der kurz "Nowabo" genannte Politiker gilt als beliebt in der Partei. Esken gehört im Bundestag zum linken Flügel der SPD. Auf Twitter kritisiert sie die Groko und kündigte an, ein linkes Bündnis anstreben zu wollen.

Boris Pistorius und Petra Köpping

In Leipzig präsentierten sich Petra Köpping und Boris Pistorius als Bewerberduo. Foto: dpa/Peter Endig
  • Wer sie sind: Der 59-jährige Pistorius ist seit 2013 Ressortchef in Hannover und gilt als einer der profiliertesten Innenpolitiker der SPD. Zuvor war er Oberbürgermeister in Osnabrück. Die 61 Jahre alte Köpping ist in Dresden seit 2014 Staatsministerin für Gleichstellung und Integration. 
  • Ihr Profil: Vor allem Pistorius hebt sich von den bisherigen Bewerbern ab, die überwiegend auf dem linken Flügel der SPD verortet sind. Pistorius ist Sozialdemokrat durch und durch. Er bürstet Themen auch gerne gegen den Strich, etwa mit seinem Vorstoß, kontrolliertes Zünden von Pyrotechnik in Stadien zu erlauben. Oder zuletzt mit seiner beharrlichen Weigerung, Abschiebungen nach Afghanistan auszuweiten. Köpping ist die unbekanntere Kandidatin in diesem Duo. Sie hatte sich bereits vor zwei Monaten dafür ausgesprochen, dass die SPD "eine Person, die den Osten ganz oben in der Parteispitze vertritt" brauche. 

Olaf Scholz und Klara Geywitz

Ein weiteres Duo mit Wurzeln in West- und Ostdeutschland: Olaf Scholz und Klara Geywitz. Fotos: dpa/Michael Kappeler/Ralf Hirschberger, Collage: NOZ
  • Wer sie sind: Der 61 Jahre alte gebürtige Osnabrücker ist Bundesfinanzminister und Vizekanzler. Von 2011 bis 2018 war er Erster Bürgermeister von Hamburg. Seit 2009 ist er zudem einer der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD. Die 43 Jahre alte gebürtige Potsdamerin Klara Geywitz sitzt seit 2004 für die SPD im brandenburgischen Landtag. Von 2013 bis 2017 war sie Generalsekretärin der Brandenburger SPD.
  • Ihr Profil: Scholz gilt als eher konservativ ausgerichtet. Bisher hatte er immer betont, keine Zeit für den Parteivorsitz zu haben. Das scheint er nun anders zu sehen. In einem Interview mit der "FAZ" sagte er, dass die SPD sowohl das Leben der Verkäuferin als auch das der Theaterdirektorin verbessern wollen müsse. Geywitz gilt als Pragmatikerin, die weiß, was sie will. In der auslaufenden Wahlperiode war Geywitz Vorsitzende des wichtigen Landtags-Innenausschusses, in der SPD-Fraktion Sprecherin für Medienpolitik und Religion. Bei ihren Reden im Landtag beweist sie durchaus ironischen Humor: "Es dürfte in Brandenburg ungefähr so viele Burka-Trägerinnen geben wie illegal eingewanderte Elche aus Polen", sagte sie 2016 in einer Debatte über ein Burka-Verbot. 

Gesine Schwan und Ralf Stegner 

SPD-Bundesvize Ralf Stegnet und Politikprofessorin Gesine Schwan wollen gemeinsam die Partei führen. Foto: imago images / Metodi Popow
  • Wer sie sind: Die 76 Jahre alte Wissenschaftlerin Gesine Schwan aus Berlin kandidierte 2004 und 2009 für das Amt des Bundespräsidenten, verlor aber stets gegen CDU-Kandidat Horst Köhler. Der 59 Jahre alte Ralf Stegner war jahrelang Minister und Oppositionsführer in Schleswig-Holstein. Seit fünf Jahren ist er einer der SPD-Vizevorsitzenden.
  • Ihr Profil: Schwan und Stegner werden zum linken Flügel der SPD gezählt. Beide gelten als schnörkellose Redner. Während Stegner als stellvertretender Parteichef eher ein politisches Schwergewicht ist, entspricht Schwan im Vergleich einer Außenseiterin. Die Professorin für Politikwissenschaft half als Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission sie bei der Ausarbeitung der Partei-Grundsatzpapiere. Sie sieht es als Vorteil an, dass sie nicht zu den "typischen Führungspersonen" der SPD gehöre. Ihre Wunsch-Koalition wäre eine aus SPD, Grünen und Linken. Das fordert unter anderem mehr Verteilungsgerechtigkeit und "Klartext-Kommunikation".
  • Ihr Slogan: "Leidenschaftlich – echt sozialdemokratisch."

Karl Lauterbach und Nina Scheer

Nina Scheer und Karl Lauterbach wollen den SPD-Parteivorsitz übernehmen. Foto: dpa/Wolfgang Kumm
  • Wer sie sind: Die 47 Jahre alte Umwelt- und Energiepolitikerin Scheer stammt aus Berlin, lebt in Schleswig-Holstien und ist Tochter des langjährigen SPD-Bundestagsabgeordneten Hermann Scheer. Der 56 Jahre alte Mediziner und Nordrhein-Westfale Lauterbach ist seit 2013 SPD-Fraktionsvize im Bundestag.
  • Ihr Profil: Das Duo will eine "klar linkere SPD" und plädiert für einen Ausstieg aus der Großen Koalition. Es gehe ihnen um eine Politik, die Ungleichheiten vermindere, die natürlichen Lebensgrundlagen schütze und unverwässert sozialdemokratisch sei, sagten sie dem "Spiegel". "Wir stehen als Team für einen sozial-ökologischen Aufbruch."
  • Ihr Slogan: "Sozial. Ökologisch. Klar."

Michael Roth und Christina Kampmann

Christina Kampmann und Michael Roth waren das erste Bewerberduo im Wettstreit um die SPD-Spitze. Foto: imago images / Reiner Zensen
  • Wer sie sind: Der 48 Jahre alte Hesse Michael Roth sitzt seit 1998 im Bundestag und ist seit 2013 Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt. Die 38 Jahre alte NRW-Landtagsabgeordnete Christina Kampmann war von 2015 bis 2017 Landesfamilienministerin und nun netzpolitische Sprecherin der SPD-Landesfraktion.
  • Ihr Profil: Die beiden kennen sich seit mehreren Jahren, sie selbst sagen, sie vertrauten einander. Roth bringe sowohl die notwendige Erfahrung wie auch frische Ideen mit, die der SPD und ihren Mitgliedern neues Selbstbewusstsein geben könnten, betonte der hessische Bezirksverband. Das Duo selbst teilte in seinem Bewerbungsschreiben mit: "Wir wollen eine SPD, die mitten im Leben steht und auf der Höhe der Zeit ist". Dazu müsse die SPD beim Thema Klimaschutz "lauter und unbequemer" werden. Außerdem solle künftig mindestens ein Drittel des Parteivorstands aus der Kommunalpolitik kommen. Bei Wahlen solle jeder fünfte Listenplatz Menschen ohne Parteibuch offen stehen.
  • Ihr Slogan: "Mit Herz und Haltung. Gemeinsam den Aufbruch wagen."

Wer eine Kandidatur ausschließt

Mehrere SPD-Spitzenpolitiker hatten klargemacht, dass sie nicht zur Verfügung stehen – darunter alle drei kommissarischen Parteichefs, die Ministerpräsidentinnen von Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz, Manuela Schwesig und Malu Dreyer, sowie der hessische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel

Als weiterer Hoffnungsträger schloss Lars Klingbeil seine Kandidatur aus. Der 41-jährige SPD-Generalsekretär erklarte in einem Youtube-Video, dass er zwar Gespräche geführt habe, aber keine "passende Konstellation" gefunden habe, "die zu 100 Prozent passt".

Auch Familienministerin Franziska Giffey will nicht für das Amt der SPD-Vorsitzenden kandidieren. In einem Brief an SPD-Interimschefin Malu Dreyer habe sie erklärt, dass sie ihren Ministerposten aufgeben werde, falls die Freie Universität Berlin ihr den Doktortitel aberkennen sollte, wie es in Parteikreisen hieß. Die 41-Jährige wolle nicht zulassen, dass das anhängige Überprüfungsverfahren die personelle Neuaufstellung der SPD überschatte, schrieb sie demnach in dem Brief.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil ließ relativ früh wissen, dass er keine Ambitionen auf einen Wechsel nach Berlin habe. Auch wenn sich Arbeitsminister Hubertus Heil den 60-Jährigen in der Position gut vorstellen könnte, wie er im Interview sagte. Heil selbst hatte eine Kandidatur früh ausgeschlossen.

Ende August beendete auch Juso-Vorsitzender Kevin Kühnert Spekulationen über eine mögliche Kandidatur. "Ich trete nicht an", sagte er dem "Spiegel". Er wolle das Duo Walter-Borjans und Esken unterstützen. "Da würde ich die Partei in guten Händen sehen."

Video: Was muss ein SPD-Chef können?

Kür des neuen SPD-Chef im Dezember erwartet

Kandidaten für die Nachfolge der zurückgetretenen Parteichefin Andrea Nahles hatten bis zum 1. September Zeit, ihren Hut in den Ring zu werfen. Wer sich offiziell als SPD-Kandidat für den Parteivorsitz bewerben möchte, muss formal von mindestens fünf Unterbezirken, einem Bezirk oder einem Landesverband nominiert werden. 

Der Vorsitz soll nach einer Mitgliederbefragung auf einem Parteitag Anfang Dezember besetzt werden. Die kommissarischen Parteichefs hatten ausdrücklich Teams zur Kandidatur ermutigt. Anders als bei anderen Parteien sollen sich die Zweierteams schon vor der Wahl finden und zusammen antreten.

Ab September sollen sich die Kandidaten auf 20 bis 30 Regionalkonferenzen deutschlandweit vorstellen. Danach können die rund 426.000 SPD-Mitglieder per Brief oder online über sie abstimmen. Das Ergebnis soll am 26. Oktober feststehen – wenn es keine Stichwahl geben muss. Den Gewinner will der Vorstand beim Parteitag am 6. bis 8. Dezember zur Wahl vorschlagen. 

(mit dpa, afp)


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