zuletzt aktualisiert vor

Kampmann, Pistorius, Kühnert Die Bewerber für den SPD-Vorsitz – und wer noch im Gespräch ist

Die Duos Roth/Kampmann (oben rechts) und Scheer/Lauterbach (unten links) bewerben sich um die SPD-Führung. Klingbeil (oben links) und Kühnert denken über eine Kandidatur nach. Fotos: dpa/Carsten Koall/Kay Nietfeld; imago images/Christian Spicker/Thomas Imo, Collage: NOZDie Duos Roth/Kampmann (oben rechts) und Scheer/Lauterbach (unten links) bewerben sich um die SPD-Führung. Klingbeil (oben links) und Kühnert denken über eine Kandidatur nach. Fotos: dpa/Carsten Koall/Kay Nietfeld; imago images/Christian Spicker/Thomas Imo, Collage: NOZ

Berlin. SPD-Chef gesucht: Nach Christina Kampmann und Michael Roth bewerben sich auch Karl Lauterbach und Nina Scheer auf den Parteivorsitz. Als mögliche Anwärter werden auch noch andere Kandidaten gehandelt.

Mit der Bewerbung von SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach und Umweltpolitikerin Nina Scheer ist ein zweites Tandem in den Wettstreit um den SPD-Vorsitz eingestiegen. Zuvor hatten bereits Europa-Staatsminister Michael Roth und die ehemalige nordrhein-westfälische Familienministerin Christina Kampmann  ihre Kandidatur angekündigt. Der SPD-Bezirk Hessen-Nord hat die beiden offiziell als mögliche Doppelspitze für den Vorsitz der Bundes-SPD nominiert. Wer die Bewerber sind und wer noch als Kandidat gehandelt wird – ein Überblick.

Karl Lauterbach und Nina Scheer

Karl Lauterbach und Nina Scheer bringen sich als zweites Duo für den SPD-Vorsitz ins Spiel. Fotos: dpa/Ralf Hirschberger/imago images / Christian Spicker, Collage: NOZ

Wer sie sind: Die 47 Jahre alte Umwelt- und Energiepolitikerin Scheer stammt aus Berlin, lebt in Schleswig-Holstien und ist Tochter des langjährigen SPD-Bundestagsabgeordneten Hermann Scheer. Der 56 Jahre alte Mediziner und Nordrhein-Westfale Lauterbach ist seit 2013 SPD-Fraktionsvize im Bundestag.

Ihr Profil: Das Duo will eine "klar linkere SPD" und plädiert für einen Ausstieg aus der Großen Koalition. Es gehe ihnen um eine Politik, die Ungleichheiten vermindere, die natürlichen Lebensgrundlagen schütze und unverwässert sozialdemokratisch sei, sagten sie dem "Spiegel". "Wir stehen als Team für einen sozial-ökologischen Aufbruch."

Ihr Slogan: "Sozial. Ökologisch. Klar."

Twitter, Facebook: @Karl_Lauterbach@NinaScheer_SPD@Karl.Lauterbach.spd@ninascheer.spd

Michael Roth und Christina Kampmann

Michael Roth und Christina Kampmann wollen gemeinsam SPD-Chefs werden. Foto: imago images/Thomas Imo/photothek.net

Wer sie sind: Der 48 Jahre alte Hesse Michael Roth sitzt seit 1998 im Bundestag und ist seit 2013 Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt. Die 38 Jahre alte NRW-Landtagsabgeordnete Christina Kampmann war von 2015 bis 2017 Landesfamilienministerin und nun netzpolitische Sprecherin der SPD-Landesfraktion.

Ihr Profil: Die beiden kennen sich seit mehreren Jahren, sie selbst sagen, sie vertrauten einander. Roth bringe sowohl die notwendige Erfahrung wie auch frische Ideen mit, die der SPD und ihren Mitgliedern neues Selbstbewusstsein geben könnten, betonte der hessische Bezirksverband. Das Duo selbst teilte in seinem Bewerbungsschreiben mit: "Wir wollen eine SPD, die mitten im Leben steht und auf der Höhe der Zeit ist". Dazu müsse die SPD beim Thema Klimaschutz "lauter und unbequemer" werden. Außerdem solle künftig mindestens ein Drittel des Parteivorstands aus der Kommunalpolitik kommen. Bei Wahlen solle jeder fünfte Listenplatz Menschen ohne Parteibuch offen stehen.

Ihr Slogan: "Mit Herz und Haltung. Gemeinsam den Aufbruch wagen."

Twitter, Instagram, Facebook: @c_kampmann@MiRo_SPDchristinak1107michael.roth.mdb@ChKampmann@michael.rothmdb 

Hans Wallow

Ex-Bundestagsmitglied Hans Wallow im Jahr 2000. Der 79-Jährige will SPD-Chef werden. Foto: dpa/Michael Jung

Wer er ist: Der 79 Jahre alte ehemalige Bundestagsabgeordnete aus Göttingen lebt in Bonn und stellt sich als Einzelkandidat auf.

Sein Profil: Er saß für die SPD Anfang der 80er- und in den 90er-Jahren im Bundestag. Aktuell ist er in der Arbeitsgruppe Migration und Vielfalt des SPD-Landesverbands Rheinland-Pfalz tätig. Wallow wolle vor allem die Wirtschaftspolitik seiner Partei reformieren, um eine Rezession abzuwenden und mehr soziale Gerechtigkeit zu ermöglichen. "Der Tanker SPD ist im Sturm. Vielleicht sitzt er sogar fest im Treibsand und kann nicht vor und zurück. Notwendig ist, dass einer, wenn man im Sturm ist, die letzte Verantwortung trägt."

Twitter, Instagram, Facebook: -

Die aussichtsreichsten Bewerbungen werden in Parteikreisen erst gegen Ende der Frist im August erwartet. Wenn sich ein weiteres Duo aufstellt, muss mindestens eine Frau dabei sein. Als mögliche weitere Bewerber für die SPD-Spitze gelten unter anderem folgende Genossen:

Franziska Giffey 

Franziska Giffey steht für zwei Minderheiten in der Bundespolitik: Sie ist eine Frau und kommt aus einem Ost-Bundesland. Foto: dpa/Michael Kappeler

Wer sie ist: Die 41 Jahre alte Bundesfamilienministerin aus Brandenburg will sich die Entscheidung zur Kandidatur noch offen halten. 

Ihr Profil: Die frühere Neuköllner Bezirksbürgermeisterin ist erst seit rund einem Jahr in der Bundespolitik aktiv, gilt noch als unverbraucht. Die großen Stärken der Frau aus dem Osten sind ihre zupackende Art und Bürgernähe. Zurzeit wird jedoch Giffeys Doktorarbeit auf Plagiate überprüft. Erhärten sich die Vorwürfe, könnte sie ihren Doktortitel verlieren und mit ihm die Chancen auf den SPD-Vorsitz.

Facebook: @franzsika.giffey

Lars Klingbeil

Als Generalsekretär organisiert Lars Klingbeil Wahlkämpfe, Parteitage und Mitgliederentscheide. Foto: imago images / Reiner Zensen

Wer er ist: Der 41 Jahre alte SPD-Generalsekretär aus Niedersachsen ist politisch erfahren und redegewandt. Er wünscht sich eine Doppelspitze. Über eine eigene Kandidatur mache er sich durchaus Gedanken, sagte er unlängst der "FAZ", doch er wolle nichts übereilen.

Sein Profil: Er gilt als Liebling von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Bevor er Generalsekretär wurde, hat Klingbeil das digitale Grundsatzprogramm der SPD entworfen. Als Netzexperte ist er über sämtliche Kanäle zu erreichen. Er gehört zum konservativen Flügel der SPD.

Twitter, Instagram, Facebook: @larsklingbeillarsklingbeil@klingbeil.lars

Kevin Kühnert 

Der Shootingstar: Kevin Kühnert, Bundesvorsitzender der Jusos, ist strikter Gegner der Großen Koalition. Foto: dpa/Georg Wendt

Wer er ist: Der 30 Jahre alte Juso-Vorsitzende Kühnert aus Berlin sagte, er sei noch unschlüssig, ob er für den Parteivorsitz kandidieren soll.

Sein Profil: Kühnert steht für ein klar linkes Profil und ist auch dank seines Geschicks im Umgang mit den Medien einer der bekanntesten SPD-Politiker Deutschlands. Allerdings mangelt es dem begabten Nachwuchspolitiker an beruflicher und politischer Erfahrung. Parteiintern polarisiert er und steht damit eher für Spaltung als Zusammenhalt.

Twitter, Instagram, Facebook: @KuehniKevkuehni_kev@KuehnertKevin

Gesine Schwan

Politikprofessorin Gesine Schwan will inhaltlich den Schwerpunkt auf Solidarität legen. Foto: imago images / Oryk HAIST

Wer sie ist: Die 76 Jahre alte Wissenschaftlerin aus Berlin kandidierte 2004 und 2009 für das Amt des Bundespräsidenten, verlor aber stets gegen CDU-Kandidat Horst Köhler.

Ihr Profil: Die Professorin für Politikwissenschaft gilt als schnörkellose Rednerin. Als Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission half sie bei der Ausarbeitung der Partei-Grundsatzpapiere. Sie sieht es als Vorteil an, dass sie nicht zu den "typischen Führungspersonen" der SPD gehöre. Ihre Wunsch-Koalition wäre eine aus SPD, Grünen und Linken.

Twitter, Facebook: @Gesine_Schwan@gesineschwan (beide Accounts nicht verifiziert)

Thomas Kutschaty

Thomas Kutschaty, SPD-Fraktionsvorsitzender, hat sich früh als möglicher Nahles-Nachfolger ins Gespräch gebracht. Foto: dpa/Federico Gambarini

Wer er ist: Der 51 Jahre alte Anwalt aus Essen ist seit 2018 nordrhein-westfälischer SPD-Fraktionschef. Er sagte, er schließe seine Kandidatur nicht aus. Er führe mit Landesgenossen Gespräche darüber, ob sie seine Aufgabe in Düsseldorf oder Berlin sehen.

Sein Profil: Kutschaty war in NRW sieben Jahre Justizminister. Er gilt als loyal, zielstrebig und unauffällig. Kutschaty war von Beginn an ein hartnäckiger Gegner der Großen Koalition in Berlin. Er fordert eine linkere Ausrichtung der Partei und soll es auch auf den SPD-Landesvorsitz abgesehen haben.

Twitter, Facebook: @thomaskutschaty@Kutschaty (beide Accounts nicht verifiziert)

Boris Pistorius

Boris Pistorius, Innenminister Niedersachsen, sieht sich eher als Notfallkandidat. Foto: dpa/Ronny Hartmann

Wer er ist: Der 59 Jahre alte Jurist und niedersächsische Innenminister sagte, er würde nur kandidieren, wenn er die anderen Bewerber persönlich ablehne – und auch dann nur "im Tandem" für eine Doppelspitze.

Sein Profil: Der langjährige Landespolitiker und vorherige Oberbürgermeister von Osnabrück ließ schon früher bundespolitische Ambitionen durchblicken. Sigmar Gabriel hält große Stücke auf ihn. Pistorius gilt als guter Stratege und pointierter Politprofi, aber nicht als Herzerwärmer. 

Twitter, Instagram, Facebook: @borispistoriusboris.pistorius@borispistorius (Instagram-Account nicht verifiziert)

Mehrere SPD-Spitzenpolitiker haben dagegen klargemacht, dass sie nicht zur Verfügung stehen – darunter alle drei kommissarischen Parteichefs, die Ministerpräsidentinnen von Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz, Manuela Schwesig und Malu Dreyer, sowie der hessische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel. Auch Finanzminister Olaf Scholz hat das für sich ausgeschlossen.

Weiterlesen: Nächste Absage – Heil will nicht für SPD-Vorsitz kandidieren

Bewerbungen bis 1. September – dann Mitgliederentscheid

Kandidaten für die Nachfolge der zurückgetretenen Parteichefin Andrea Nahles haben bis zum 1. September Zeit, ihren Hut in den Ring zu werfen. Wer sich offiziell als SPD-Kandidat für den Parteivorsitz bewerben möchte, muss formal von mindestens fünf Unterbezirken, einem Bezirk oder einem Landesverband nominiert werden. 

Der Vorsitz soll nach einer Mitgliederbefragung auf einem Parteitag Anfang Dezember besetzt werden. Die kommissarischen Parteichefs hatten ausdrücklich Teams zur Kandidatur ermutigt. Anders als bei anderen Parteien sollen sich die Zweierteams schon vor der Wahl finden und zusammen antreten.

Ab September sollen sich die Kandidaten auf 20 bis 30 Regionalkonferenzen deutschlandweit vorstellen. Danach können die rund 426.000 SPD-Mitglieder per Brief oder online über sie abstimmen. Das Ergebnis soll am 26. Oktober feststehen – wenn es keine Stichwahl geben muss. Den Gewinner will der Vorstand beim Parteitag am 6. bis 8. Dezember zur Wahl vorschlagen. 

2019 mehr als 11.000 SPD-Austritte

Die SPD steckt tief im Umfrage-Keller – das wirkt sich immer mehr auch auf die Mitgliederzahlen aus. Seit Jahresbeginn hätten die Sozialdemokraten mehr als 11.000 Mitglieder verloren, berichtete die "Rheinische Post". Auch in den vergangenen Jahren schwankte die Zahl. Zulauf bekamen die Sozialdemokraten vor allem rund um die Nominierung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten 2017 und zur Abstimmung über den Koalitionsvertrag im Februar 2018.

(mit dpa)


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN