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Alle Bewerber im Überblick Das Rennen um die SPD-Spitze ist eröffnet – Wen wünschen Sie sich?

Wird einer von ihnen zukünftig die SPD führen? Collage: Noz/Imago ImagesWird einer von ihnen zukünftig die SPD führen? Collage: Noz/Imago Images

Berlin. Nach Boris Pistorius und Petra Köpping soll auch Olaf Scholz seine Bewerbung für den SPD-Vorsitz angekündigt haben.

Der Endspurt im Nominierungs-Rennen um den SPD-Vorsitz geht in seine heiße Phase: Nach SPD-Bundesvize Ralf Stegner und Gesine Schwan, Chefin der SPD-Grundwertekommission, ist ein weiteres Tandem in den Wettstreit um den SPD-Vorsitz eingestiegen: Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius und Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping haben am Freitag intern ihre Kandidatur angekündigt. Das bestätigte das niedersächsische Innenministerium.

Der "Spiegel" verkündete außerdem die Kandidatur des ersten hochrangigen SPD-Bundespolitikers: Laut Informationen des Magazins soll Bundesfinanzminister Olaf Scholz eine Kandidatur um den SPD-Vorsitz anstreben. "Ich bin bereit anzutreten, wenn ihr das wollt", sagte Scholz nach Informationen des Nachrichtenmagazins am Montag in dieser Woche in einer Telefonschalte mit den Interimsvorsitzenden Malu Dreyer, Manuela Schwesig und Thorsten Schäfer-Gümbel. Seitdem sondiere Scholz im Hintergrund das Feld und suche eine Tandempartnerin, mit der er als Doppelspitze antreten kann. Scholz hatte bisher erklärt, aus zeitlichen Gründen nicht für den Parteivorsitz zur Verfügung zu stehen. 

Zuvor hatten bereits Flensburgs Oberbürgermisterin Simone Lange und Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens ihre Kandidatur angekündigt, ebenso wie Fraktionsvize Karl Lauterbach und Umweltpolitikerin Nina ScheerAls Kandidatenduo für den Parteivorsitz formell nominiert wurden bislang nur Europa-Staatsminister Michael Roth und die ehemalige nordrhein-westfälische Familienministerin Christina Kampmann.

Die Bewerbungsfrist läuft noch bis 1. September. Wer die Bewerber bisher sind und wer noch als Kandidat gehandelt wird – ein Überblick:

Boris Pistorius und Petra Köpping

Boris Pistorius ist seit 2013 niedersächsischer Innenminister, Petra Köpping seit 2014 Integrationsministerin in Sachsen. Collage: Imago Images/Henning Scheffen/Jürgen Heinrich
  • Wer sie sind: Der 59-jährige Pistorius ist seit 2013 Ressortchef in Hannover und gilt als einer der profiliertesten Innenpolitiker der SPD. Zuvor war er Oberbürgermeister in Osnabrück. Die 61 Jahre alte Köpping ist in Dresden seit 2014 Staatsministerin für Gleichstellung und Integration. 
  • Ihr Profil: Vor allem Pistorius hebt sich von den bisherigen Bewerbern ab, die überwiegend auf dem linken Flügel der SPD verortet sind. Pistorius ist Sozialdemokrat durch und durch. Er bürstet Themen auch gerne gegen den Strich, etwa mit seinem Vorstoß, kontrolliertes Zünden von Pyrotechnik in Stadien zu erlauben. Oder zuletzt mit seiner beharrlichen Weigerung, Abschiebungen nach Afghanistan auszuweiten. Köpping ist die unbekanntere Kandidatin in diesem Duo. Sie hatte sich bereits vor zwei Monaten dafür ausgesprochen, dass die SPD "eine Person, die den Osten ganz oben in der Parteispitze vertritt" brauche. 

Gesine Schwan und Ralf Stegner 

Politikprofessorin Gesine Schwan will inhaltlich den Schwerpunkt auf Solidarität legen. Fotos: imago images / Oryk HAIST/dpa/Carsten Rehder; Collage: NOZ
  • Wer sie sind: Die 76 Jahre alte Wissenschaftlerin Gesine Schwan aus Berlin kandidierte 2004 und 2009 für das Amt des Bundespräsidenten, verlor aber stets gegen CDU-Kandidat Horst Köhler. Der 59 Jahre alte Ralf Stegner war jahrelang Minister und Oppositionsführer in Schleswig-Holstein. Seit fünf Jahren ist er einer der SPD-Vizevorsitzenden.
  • Ihr Profil: Schwan und Stegner werden zum linken Flügel der SPD gezählt. Beide gelten als schnörkellose Redner. Während Stegner als stellvertretender Parteichef eher ein politisches Schwergewicht ist, entspricht Schwan im Vergleich einer Außenseiterin. Die Professorin für Politikwissenschaft half als Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission sie bei der Ausarbeitung der Partei-Grundsatzpapiere. Sie sieht es als Vorteil an, dass sie nicht zu den "typischen Führungspersonen" der SPD gehöre. Ihre Wunsch-Koalition wäre eine aus SPD, Grünen und Linken.

Simone Lange und Alexander Ahrens

Simone Lange und Alexander Ahrens sind Amtskollegen. Sie wollen den Parteivorsitz und ihren Rathausposten unter einen Hut bringen. Fotos: imago images / Willi Schewski/xcitepress, Collage: NOZ

Wer sie sind: Bereits 2017 kandidierte die Oberbürgermeisterin von Flensburg Simone Lange für den SPD-Vorsitz. Sie erhielt rund 28 Prozent der Stimmen, verlor aber gegen Andrea Nahles. Die 42-Jährige will es jetzt nochmal probieren – mit dem Oberbürgermeister von Bautzen, Alexander Ahrens. Der 53-Jährige habe Lange schon bei ihrer ersten Kandidatur unterstützt, sagte sie im Interview. Seitdem hielten sie Kontakt.

Ihr Profil: Die beiden Kommunalpolitiker wollen die SPD von der Basis, aus den Kommunen heraus, erneuern. Als drängendste Themen nennen sie soziale Sicherheit, "menschzentrierte Klimapolitik" und die Stärkung der Demokratie. Ahrens erklärte, wenn er Parteichef wäre, wolle er die Große Koalition verlassen.

Karl Lauterbach und Nina Scheer

Nina Scheer und Karl Lauterbach wollen den SPD-Parteivorsitz übernehmen. Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Wer sie sind: Die 47 Jahre alte Umwelt- und Energiepolitikerin Scheer stammt aus Berlin, lebt in Schleswig-Holstien und ist Tochter des langjährigen SPD-Bundestagsabgeordneten Hermann Scheer. Der 56 Jahre alte Mediziner und Nordrhein-Westfale Lauterbach ist seit 2013 SPD-Fraktionsvize im Bundestag.

Ihr Profil: Das Duo will eine "klar linkere SPD" und plädiert für einen Ausstieg aus der Großen Koalition. Es gehe ihnen um eine Politik, die Ungleichheiten vermindere, die natürlichen Lebensgrundlagen schütze und unverwässert sozialdemokratisch sei, sagten sie dem "Spiegel". "Wir stehen als Team für einen sozial-ökologischen Aufbruch."

Ihr Slogan: "Sozial. Ökologisch. Klar."

Michael Roth und Christina Kampmann

Michael Roth und Christina Kampmann wollen gemeinsam SPD-Chefs werden. Foto: imago images/Thomas Imo/photothek.net

Wer sie sind: Der 48 Jahre alte Hesse Michael Roth sitzt seit 1998 im Bundestag und ist seit 2013 Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt. Die 38 Jahre alte NRW-Landtagsabgeordnete Christina Kampmann war von 2015 bis 2017 Landesfamilienministerin und nun netzpolitische Sprecherin der SPD-Landesfraktion.

Ihr Profil: Die beiden kennen sich seit mehreren Jahren, sie selbst sagen, sie vertrauten einander. Roth bringe sowohl die notwendige Erfahrung wie auch frische Ideen mit, die der SPD und ihren Mitgliedern neues Selbstbewusstsein geben könnten, betonte der hessische Bezirksverband. Das Duo selbst teilte in seinem Bewerbungsschreiben mit: "Wir wollen eine SPD, die mitten im Leben steht und auf der Höhe der Zeit ist". Dazu müsse die SPD beim Thema Klimaschutz "lauter und unbequemer" werden. Außerdem solle künftig mindestens ein Drittel des Parteivorstands aus der Kommunalpolitik kommen. Bei Wahlen solle jeder fünfte Listenplatz Menschen ohne Parteibuch offen stehen.

Ihr Slogan: "Mit Herz und Haltung. Gemeinsam den Aufbruch wagen."

Hans Wallow

Ex-Bundestagsmitglied Hans Wallow im Jahr 2000. Der 79-Jährige will SPD-Chef werden. Foto: dpa/Michael Jung

Wer er ist: Der 79 Jahre alte ehemalige Bundestagsabgeordnete aus Göttingen lebt in Bonn und stellt sich als Einzelkandidat auf.

Sein Profil: Er saß für die SPD Anfang der 80er- und in den 90er-Jahren im Bundestag. Aktuell ist er in der Arbeitsgruppe Migration und Vielfalt des SPD-Landesverbands Rheinland-Pfalz tätig. Wallow wolle vor allem die Wirtschaftspolitik seiner Partei reformieren, um eine Rezession abzuwenden und mehr soziale Gerechtigkeit zu ermöglichen. "Der Tanker SPD ist im Sturm. Vielleicht sitzt er sogar fest im Treibsand und kann nicht vor und zurück. Notwendig ist, dass einer, wenn man im Sturm ist, die letzte Verantwortung trägt."

Im Gespräch – bzw. noch unschlüssig über eine Kandidatur sind:

Als mögliche weitere Bewerber für die SPD-Spitze gelten unter anderem folgende Genossen:

Olaf Scholz

Olaf Scholz soll eine Kandidatur vorbereiten. Foto: Imago Images
  • Wer er ist: Scholz ist Bundesfinanzminister und Vizekanzler. Seit 2009 ist er einer der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD.
  • Sein Profil: Bisher hatte Scholz immer betont, keine Zeit für den Parteivorsitz zu haben. Das scheint er nun anders zu sehen. In einem Interview mit der "Faz" sagte er, dass die SPD sowohl das Leben der Verkäuferin als auch das der Theaterdirektorin verbessern wollen müsse. Er scheint eine Doppelspitze zu unterstützen, hat aber laut "Spiegel"-Recherchen noch keine geeignete Kandidatin gefunden.

Lars Klingbeil

Als Generalsekretär organisiert Lars Klingbeil Wahlkämpfe, Parteitage und Mitgliederentscheide. Foto: imago images / Reiner Zensen

Wer er ist: Der 41 Jahre alte SPD-Generalsekretär aus Niedersachsen ist politisch erfahren und redegewandt. Er wünscht sich eine Doppelspitze. Über eine eigene Kandidatur mache er sich durchaus Gedanken, sagte er unlängst der "FAZ", doch er wolle nichts übereilen.

Sein Profil: Er gilt als Liebling von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Bevor er Generalsekretär wurde, hat Klingbeil das digitale Grundsatzprogramm der SPD entworfen. Als Netzexperte ist er über sämtliche Kanäle zu erreichen. Er gehört zum konservativen Flügel der SPD.

Kevin Kühnert 

Der Shootingstar: Kevin Kühnert, Bundesvorsitzender der Jusos, ist strikter Gegner der Großen Koalition. Foto: dpa/Georg Wendt

Wer er ist: Der 30 Jahre alte Juso-Vorsitzende Kühnert aus Berlin sagte, er sei noch unschlüssig, ob er für den Parteivorsitz kandidieren soll.

Sein Profil: Kühnert steht für ein klar linkes Profil und ist auch dank seines Geschicks im Umgang mit den Medien einer der bekanntesten SPD-Politiker Deutschlands. Allerdings mangelt es dem begabten Nachwuchspolitiker an beruflicher und politischer Erfahrung. Parteiintern polarisiert er und steht damit eher für Spaltung als Zusammenhalt.

Thomas Kutschaty

Thomas Kutschaty, SPD-Fraktionsvorsitzender, hat sich früh als möglicher Nahles-Nachfolger ins Gespräch gebracht. Foto: dpa/Federico Gambarini

Wer er ist: Der 51 Jahre alte Anwalt aus Essen ist seit 2018 nordrhein-westfälischer SPD-Fraktionschef. Er sagte, er schließe seine Kandidatur nicht aus. Er führe mit Landesgenossen Gespräche darüber, ob sie seine Aufgabe in Düsseldorf oder Berlin sehen.

Sein Profil: Kutschaty war in NRW sieben Jahre Justizminister. Er gilt als loyal, zielstrebig und unauffällig. Kutschaty war von Beginn an ein hartnäckiger Gegner der Großen Koalition in Berlin. Er fordert eine linkere Ausrichtung der Partei und soll es auch auf den SPD-Landesvorsitz abgesehen haben.

Wer eine Kandidatur ausschließt

Mehrere SPD-Spitzenpolitiker haben dagegen klargemacht, dass sie nicht zur Verfügung stehen – darunter alle drei kommissarischen Parteichefs, die Ministerpräsidentinnen von Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz, Manuela Schwesig und Malu Dreyer, sowie der hessische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel. 

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sagte, er habe keine Ambitionen auf einen Wechsel nach Berlin. Arbeitsminister Hubertus Heil würde sich den 60-Jährigen jedoch in der Position gut vorstellen können, sagte er im Interview. Heil selbst hatte eine Kandidatur früh ausgeschlossen.

Bewerbungen bis 1. September – dann Mitgliederentscheid

Kandidaten für die Nachfolge der zurückgetretenen Parteichefin Andrea Nahles haben bis zum 1. September Zeit, ihren Hut in den Ring zu werfen. Wer sich offiziell als SPD-Kandidat für den Parteivorsitz bewerben möchte, muss formal von mindestens fünf Unterbezirken, einem Bezirk oder einem Landesverband nominiert werden. 

Der Vorsitz soll nach einer Mitgliederbefragung auf einem Parteitag Anfang Dezember besetzt werden. Die kommissarischen Parteichefs hatten ausdrücklich Teams zur Kandidatur ermutigt. Anders als bei anderen Parteien sollen sich die Zweierteams schon vor der Wahl finden und zusammen antreten.

Ab September sollen sich die Kandidaten auf 20 bis 30 Regionalkonferenzen deutschlandweit vorstellen. Danach können die rund 426.000 SPD-Mitglieder per Brief oder online über sie abstimmen. Das Ergebnis soll am 26. Oktober feststehen – wenn es keine Stichwahl geben muss. Den Gewinner will der Vorstand beim Parteitag am 6. bis 8. Dezember zur Wahl vorschlagen. 

2019 mehr als 11.000 SPD-Austritte

Die SPD steckt tief im Umfrage-Keller – das wirkt sich immer mehr auch auf die Mitgliederzahlen aus. Seit Jahresbeginn hätten die Sozialdemokraten mehr als 11.000 Mitglieder verloren, berichtete die "Rheinische Post". Auch in den vergangenen Jahren schwankte die Zahl. Zulauf bekamen die Sozialdemokraten vor allem rund um die Nominierung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten 2017 und zur Abstimmung über den Koalitionsvertrag im Februar 2018.

(mit dpa)


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