Wenn Rettungsdienste zum Notfall werden Kongress fordert „Revolution“ – Spahn-Reform „nicht mutig genug“

Die Rettungsdienste in Deutschland sind überlastet und "unterirdisch schlecht organisiert", so der Tenor auf einem Kongress der Björn-Steiger-Stiftung in Berlin.
Foto: Nicolas Armer/dpaDie Rettungsdienste in Deutschland sind überlastet und "unterirdisch schlecht organisiert", so der Tenor auf einem Kongress der Björn-Steiger-Stiftung in Berlin. Foto: Nicolas Armer/dpa

Berlin. Auf ihrem Kongress "Wege zum Rettungsdienst der Zukunft" in Berlin hat die Björn-Steiger-Stiftung den Notstand ausgerufen: Überlastete Ambulanzen, nicht besetzte Notarztstellen und ein "Missbrauch" der Ressourcen. Um die Lage zu lindern, sei eine "Revolution" notwendig, sagte Stiftungspräsident Pierre-Enric Steiger unserer Redaktion.

Wie dramatisch ist die Situation? Elf Millionen Menschen suchen jährlich die Rettungsstellen der Krankenhäuser auf. Die Zahl der Rettungsdienst-Einsätze ist binnen acht Jahren um 100 Prozent gestiegen. Durch Krankenhausschließungen hätten sich die Anfahrtszeiten für Rettungswagen teils verdoppelt, im ländlichen Raum sei die Lage mancherorts dramatisch, sagte Steiger. 

Die steigenden Einsatzzahlen und wachsender Personalmangel führen zu akuten Versorgungsproblemen. Nach Angaben des "Forums Rettungsdienst" sind in einigen Orten Notarzt-Posten zu einem Drittel der Zeit "nicht verfügbar". Weil die Notfallversorgung Ländersache ist, gibt es keine einheitlichen Standards und Qualitätskontrollen. Was das im Einzelfall bedeutet, ist daher nicht klar. Forum-Mitglied Michael Fries nannte eine Zahl von 350.000 "erfolglosen Herz-Lungen-Wiederbelebungen" - denn die Überlebenschance bei einem Kreislaufstillstand sinkt bereits nach fünf Minuten auf 50 Prozent.

Was unternimmt die Politik? Die gewaltigen Probleme sind seit Jahren bekannt. Gesundheitsminister Jens Spahn legte vor einem halben Jahr Eckpunkte für eine Reform vor, der Gesetzentwurf steht noch aus.

Die wichtigsten Elemente der geplanten Reform: Der Aufbau gemeinsamer Notfallleitstellen, die unter den Nummern 112 (Rettungsdienst) und 116117 (ärztlicher Bereitschaftsdienst) zu erreichen sind. Dort sollen Patienten rund um die Uhr nach qualifizierter Einschätzung an die richtige Versorgungsebene weitervermittelt werden.

Überdies sollen Kassenärzte und Kliniken integrierte Notfallzentren (INZ) einrichten. Nach dem "Ein-Tresen-Prinzip" können Patienten dann entweder an niedergelassene Ärzte oder in die Rettungsstelle weitergeleitet werden. Beides soll die "Fehlinanspruchnahme" von Ambulanzen und Rettungsdiensten eindämmen.

Reicht das aus? Spahns Pläne gingen in die richtige Richtung, seien aber nicht mutig genug, sagte Ulrich Schreiner, Geschäftsführer der Steiger-Stiftung, im Gespräch mit unserer Redaktion. In Deutschland hätten die Disponenten auch in den von Spahn vorgesehenen Leitstellen keine andere Möglichkeit, als einen Rettungswagen zu schicken. Um die „Fehlnutzung des Systems“ einzudämmen, müssten aber auch strukturierte beratende Gespräche möglich sein.

Schreiner verwies auf das Österreichische System, wo Intensivpfleger den Erstkontakt übernehmen, die Einblick in die Gesundheitsakten der Anrufer hätten. „Das Ergebnis: in Österreich werden bei 600 Anrufen 200 Rettungswagen losgeschickt. In Deutschland sind es bei 600 Anrufen 599 Wagen.“ Notwendig dafür wäre auch eine Novelle des Notfallsanitätergesetzes. Rainer Hesse, ehemaliger Vorsitzender des gemeinsamen Bundesausschusses, plädierte dafür, Sanitätern Arzt-Aufgaben zu übertragen.

Stiftungspräsident Steiger pochte auf „eine Überwindung der föderalen Strukturen durch den Aufbau von bundesweit maximal 16 Notrufzentralen“. Großbritannien komme mit vier solcher Leitstellen aus, Frankreich mit sieben. Durch die „Kirchturmpolitik vieler Landesfürsten“ gebe es hierzulande 178 Leitstellen. „Auf Klein-Klein-Ebene sind die notwendigen Veränderungen aber nicht möglich“, betonte Steiger.

Welche weiteren Forderungen gibt es? Die Abschaffung der Wehrpflicht und damit des Zivildienstes habe enorme Personallücken ins Rettungswesen gerissen, sagte Steiger weiter. „Ich plädiere für die Wiedereinführung des Zivildienstes, weil das viele Probleme lösen würde.“

Der Blick in andere Länder führt ferner vor Augen, dass die Schulung von Laien in Deutschland dramatisch vernachlässigt wird. So sind in Polen 65 von 100 Ersthelfern bei Kreislaufstillständen Nichtmediziner. In Norwegen mehr als 70. In Deutschland aber nur 17. Es könne daher viele Leben retten, wenn Notfallhilfe schon in den 7. und 8. Klassen auf dem Lehrplan stünde, betonte Michael Fries vom "Forum Rettungsdienst". "Jeder will den Rettungsdienst sofort, aber niemand will selbst erste Hilfe leisten", beklagte Stiftungsgeschäftsführer Schreiner.



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