Sipri-Jahresbericht Zahl der Atomsprengköpfe geht weltweit zurück, aber...

Protest in Osnabrück: Atomwaffen und Rüstungsexporte waren auch in diesem Jahr wichtige Themen des Ostermarsches. Foto: Robert SchäferProtest in Osnabrück: Atomwaffen und Rüstungsexporte waren auch in diesem Jahr wichtige Themen des Ostermarsches. Foto: Robert Schäfer

Osnabrück. Obwohl die Zahl der nuklearen Sprengköpfe sinkt, ist die Welt noch weit von einer echten Denuklearisierung entfernt.

Zu Beginn des laufenden Jahres kamen die neun Atommächte USA, Russland, Großbritannien, Frankreich sowie China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea auf rund 13 865 Atomwaffen, etwa 2000 davon in Betriebsbereitschaft. 

Das geht aus dem Jahrbuch hervor, das das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri an diesem Montag veröffentlichen wird und das unserer Redaktion bereits vorliegt. Anfang 2018 besaßen die neun Staaten laut Sipri noch schätzungsweise 14 465 Atomsprengköpfe. 

Zur Entwarnung sehen die Friedensforscher dennoch keinen Anlass. „Trotz eines allgemeinen Rückgangs der Zahl der Atomsprengköpfe im Jahr 2018 modernisieren alle Staaten, die im Besitz von Atomwaffen sind, ihre nuklearen Arsenale", sagte Sipri-Verwaltungsratschef Jan Eliasson. Eine echte Denuklearisierung bleibt demnach Zukunftsmusik.

Indien und Pakistan rüsten nuklear auf

So erweitern Indien und Pakistan ihre Produktionskapazitäten für militärische Spaltmaterialien in einem solchen Ausmaß, "dass dies in den nächsten Jahren zu einer deutlichen Erhöhung der Bestände an Atomwaffen führen könnte", mahnt Shannon Kile, Direktor für nukleare Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung bei Sipri. Beide Länder sind dabei, Atomwaffenlager sowie die Entwicklung neuer land-, see- und luftgestützter Raketenabschusssysteme aufzustocken

Der Rückgang bei der Zahl der nuklearen Sprengköpfe ist laut Sipri hauptsächlich auf Russland und die USA zurückzuführen. Gleichwohl besitzen die zwei Staaten immer noch gut 90 Prozent aller Atomwaffen. Ob die Reduzierung in Zukunft anhält, ist äußerst fraglich. 

Denn 2021 läuft der "New Start"-Vertrag zur nuklearen Abrüstung aus. Derzeit gibt es keinerlei Gespräche über eine Verlängerung des Abkommens oder eine Nachfolgevereinbarung. 

Auch der INF-Vertrag zwischen Russland und den USA steht vor dem Aus, nachdem zuerst die Regierung und anschließend auch Moskau angekündigt haben, aus dem Vertrag auszusteigen. US.Präsident Donald Trump hatte Russland vorgeworfen, mit dem Bau von Mittelstreckenraketen gegen den Vertrag verstoßen zu haben.  

Die Aussichten für einen fortgesetzten Abbau der russischen und US-amerikanischen Nuklearstreitkräfte wird zunehmend unwahrscheinlich.Shannon Kile, Sipri-Abrüstungsexperte


„Die Aussichten für einen fortgesetzten Abbau der russischen und US-amerikanischen Nuklearstreitkräfte wird angesichts der politischen und militärischen Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Ländern zunehmend unwahrscheinlich“, erläutert Sipri-Expertin Kile. 

Sowohl Russland wie auch die USA haben umfangreiche und kostspielige Programme aufgelegt, um Sprengköpfe, Raketen- und Flugzeugabgabesysteme sowie Atomwaffenproduktionsanlagen zu erneuern. 

Die nuklearen Arsenale anderer Atommächte sind zwar bedeutend kleiner, als die der USA und Russlands. Doch alle sind dabei, Entwicklung und Einsatz neuer Waffensysteme voranzutreiben. So steigt die Zahl der atomaren Sprengköpfe in China und Nordkorea.

Im Fall von Nordkorea scheinen die Treffen von US-Präsident Donald Trump mit Machthaber Kim Jong-un nicht die Ergebnisse zu zeitigen, auf die der Westen gehofft hatte. 

Erfolglos: Donald Trump und Kim Jong Un bei ihrem Treffen im Februar in Hanoi. Foto: Evan Vucci/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++


Obwohl Pjöngjang 2018 ein Moratorium für die Erprobung von Nuklearwaffen sowie Mittel- und Langstreckenraketen-Trägersysteme angekündigt hat, priorisiert Nordkorea sein militärisches Nuklearprogramm weiter als zentrales Element der nationalen Sicherheitsstrategie.

Im Falle Chinas verdichteten sich zuletzt Hinweise, wonach Peking eine ballistische Interkontinentalrakete getestet hat, die über eine Reichweite von bis zu 9000 Kilometer verfügen soll. Mit der Julang-3 (JL-3) ließen sich somit die USA erreichen. Die Interkontinentalrakete kann mit mehreren nuklearen Sprengköpfen bestückt werden.

Mit stetig steigenden Rüstungsausgaben vergrößert das Reich der Mitte kontinuierlich sein atomares Arsenal. Peking ist inzwischen im Besitz von rund 290 Sprengköpfen und liegt damit vor Großbritannien und nur noch knapp hinter Frankreich.


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