Interview mit Joachim Rukwied Bauernpräsident: Die Nitratwerte müssen runter

Bauernpräsident Joachim Rukwied. Foto: dpa/SchmidtBauernpräsident Joachim Rukwied. Foto: dpa/Schmidt

Osnabrück. Der derzeitige Boom von Kunstfleisch-Produkten macht Deutschlands Bauern Sorgen. Dazu, zu Tierrechtlern und dem Strukturwandel in der Landwirtschaft äußert sich Bauernpräsident Joachim Rukwied im Interview. Zudem äußert er sich zu Tierrechtlern und Nitrat-Werten.

Herr Rukwied, es drängen immer mehr Produkte auf den Markt, die dem herkömmlich produzierten Fleisch Konkurrenz machen. Mal sind es Ersatzstoffe, mal Burger aus der Petrischale, jedenfalls in Geschmack und Konsistenz dem Original sehr nahe. Was bedeutet das für deutsche Tierhalter, deren Einkommen ja maßgeblich vom Fleischhunger der Gesellschaft abhängen?

Wir nehmen diese Entwicklung sehr ernst und beobachten das mit einer gewissen Sorge. Aber wir müssen differenzieren: Viele Produkte basieren auf Ersatzstoffen, die pflanzlich sind. Dahinter steht dann natürlich auch ein Landwirt, der die Erbsen oder ähnliches anbaut. Fleisch ist mehr als nur ein Lebensmittel, sondern auch ein Stück Kultur. Gerade im Ausland wird damit sehr stark geworben.


Welche Kunden werden die Bauern denn mittelfristig an die Konkurrenz aus dem Labor verlieren? Die Feinschmecker oder die breite Masse an Kunden?

Im Moment ist es sicherlich eher Trendware für gewisse Kulturkreise bei uns. Ich sehe es so: die Bauern werden weiter sowohl die Grundlage für das klassische Schnitzel aber auch für das Feinschmeckersteak liefern. Aber man muss sich wohl der Tatsache stellen, dass Ersatzprodukte möglicherweise Marktanteile erobern werden.

Foto: Jakob Boerner

Haben Sie selbst schon Kunstfleisch auf dem Teller gehabt? 

Zu meiner Aufgabe als Bauernpräsident gehört dazu, auch so etwas zu probieren. Ich habe das gemacht und muss sagen: Ich bleibe beim echten Fleischprodukt.


Herr Rukwied, die Zahl der Bauernhöfe in Deutschland nimmt immer weiter ab. 266.000 Betriebe gibt es derzeit noch, Tendenz sinkend. Strukturwandel wird das ja auch genannt. Gehen uns irgendwann die Landwirte aus?

Egal, was wir tun, es wird immer einen Strukturwandel in der Landwirtschaft geben. Ja, das bedeutet immer, dass ein Hof verloren geht, dass eine manchmal jahrhundertealte Familientradition endet. Aber es hat schon immer Strukturwandel in der Landwirtschaft gegeben. Denn nicht jeder potentielle Hofnachfolger möchte Landwirt werden. Wir taxieren den natürlichen Strukturwandel bei etwa 1,5 Prozent der Betriebe, die im Jahr aufgeben. Aber es gibt in der Landwirtschaft auch Treiber dieser Entwicklung: gesetzgeberische Vorhaben wie die geplante Verschärfung der Düngeverordnung. Das wird natürlich zum weiteren Rückgang der Betriebe mit Tierhaltung führen.


Die schärfere Düngeverordnung soll das Grundwasser besser schützen. Das ist aber nur eines der vielen umwelt- und tierschutzpolitischen Problemfelder der Tierhaltung. Wäre es nicht sinnvoll, wenn die Bundesregierung analog zu den Niederlanden eine Art Ausstiegsprogramm aus der Landwirtschaft anbietet, für diejenigen Bauern, die nicht mehr können oder wollen?

Wir setzen primär auf den Erhalt der Strukturen, wie wir sie jetzt haben. Und wir setzen auf technischen Fortschritt: etwa neue Filter, um die Abluft aus Ställen zu reinigen. Da ist noch einiges an Potenzial für eine umweltfreundlichere Landwirtschaft. Beim Thema Nitrat muss die Verteilung der Gülle besser gelingen als bislang. 20 Prozent der Gebiete in Deutschland gelten als rot, hier fällt zu viel Nitrat an, die Nitratwerte im Grundwasser sind zu hoch. Hier müssen wir was tun, das ist auch meine klare Botschaft an unsere Mitglieder in den roten Gebieten: Die Nitrat-Werte müssen runter!

Foto: Philipp Schulze/dpa

Da heißt es von Umweltverbänden und Teilen der Politik, es gehe nicht, ohne die Tierbestände zu reduzieren. Da wäre doch eine Ausstiegsprämie im Sinne der Landwirte, bevor sie ganz mit leeren Händen und Ställen dastehen? 

Unser Ansatz ist beispielsweise der Export von Gülle aus den Regionen mit vielen Tieren in Ackerbauregionen mit wenigen Tieren. Hier wird die Gülle gebraucht! Aber ja: Der Bauernverband beobachtet natürlich die Entwicklungen in den Niederlanden. Ein Ausstiegsprogramm für Tierhalter ist für mich eine Art Reißleine, wenn alle anderen Maßnahmen versagen. Wir haben derzeit noch andere Optionen, um Problemen zu begegnen.


Apropos Niederlande: Anfang Mai hatten etwa 100 Tierrechtsaktivisten einen Sauenstall besetzt und den Betrieb blockiert. Droht so etwas auch deutschen Tierhalter?

Stallbesetzungen sind eine reale Gefahr. Diese sogenannten Aktivisten sind international vernetzt. Und insofern besteht dieses Risiko in Deutschland natürlich auch. Ähnliche Szenen gab es ja auch schon in Großbritannien oder Australien. Solche Aktionen sind im doppelten Sinne ein Risiko: Natürlich für die Tierhalter, die das unter psychischen Druck setzt. Aber auch für die Tiere, denn solche Aktivisten können natürlich Krankheiten einschleppen, wenn sie in Ställe eindringen. So etwas muss strafrechtlich verfolgt werden.

Das machen die niederländischen Behörden. In Deutschland hat die Große Koalition sich darauf verständigt, sogenannte Stalleinbrüche stärker zu bestrafen als bislang. Das Vorhaben scheint aber ein bisschen in Vergessenheit geraten zu sein… 

Das Vorhaben muss endlich umgesetzt werden. Stalleinbrüche sind inakzeptabel. Unter Landwirten herrscht große Verunsicherung darüber, dass Fremde einfach so in Ställe eindringen dürfen, ohne dass ihnen ernsthaft eine Bestrafung droht. Das ist vollkommen inakzeptabel. Es kann doch nicht sein, dass Bauern Angst haben müssen, abends in den Stall zu gehen, weil sie nicht wissen, auf wen sie dort treffen. Hier ist Handlungsbedarf seitens der Politik.


Bei den Russland-Sanktionen kommt Bewegung in die Sache: Mehrere ostdeutsche Politiker fordern die Beendigung der seit Juli 2014 geltenden Einschränkungen. Von den russischen Gegenmaßnahmen waren damals besonders deutsche Landwirte betroffen. Wie hoch ist der Schaden?

Der Markt Russland ist komplett weggebrochen. Das Exportvolumen nach Russland betrug 1,6 Milliarden Euro im Jahr. Mittlerweile haben wir andere Märkte besonders in Asien erschließen können. Selbst wenn die gegenseitigen Sanktionen aufgehoben werden sollten, würde es noch sehr lange dauern, bis wir das alte Exportvolumen wieder erreichen. Ich gehe davon aus, dass wir ab Tag X einen Zeitraum von zehn Jahren benötigen, um den verloren gegangenen Markt wieder aufzubauen. Ob das überhaupt klappt, ist fraglich. Russland hat in den letzten Jahren im Bereich Milch, Schwein und Obst die Erzeugung ausgeweitet und die Selbstversorgung gesteigert. Sie sind also nicht mehr in dem Maße auf ausländische Waren angewiesen.


Sind die Sanktionen also ins Leere gelaufen?

Die Land- und Agrarwirtschaft wurden massiv getroffen, das hat richtig weh getan. Die politische Wirkung sollen andere beurteilen.


Der Bauernverband betont stets die Wichtigkeit des Exports für deutsche Landwirte. Gilt das auch noch in Zeiten von Brexit, trump'schen Isolationismus und so weiter? Ist das Risiko zu groß?

Der deutsche Markt ist und bleibt der Hauptmarkt. Hier setzen wir 75 Prozent unserer Produkte ab, weitere 20 Prozent gehen in andere EU-Staaten. Und lediglich fünf Prozent gehen in alle Welt. Das klingt zwar wenig, aber im Sinne stabiler Preise für die Bauern sind diese fünf Prozent sehr wichtig.


Die jüngsten Wahlerfolge der Grünen lassen den Schluss zu, dass den Deutschen Umweltschutz ein besonderes Anliegen ist. Wir hatten hier bereits über einige Probleme ihrer Branche gesprochen. Was können die Bauern darüber hinaus leisten? 

Wir Landwirte sind Klimaschützer, wir wissen wie das geht. Wir binden jährlich etwa 18 Milliarden Tonnen CO2 in der Land- und Forstwirtschaft. Aber wie andere Wirtschaftszweige produziert natürlich auch die Landwirtschaft darüber hinaus Treibhausgase, die in die Atmosphäre gelangen. Ich sehe aber ein enormes Einsparpotenzial. Derzeit sparen wir bereits 200 Millionen Tonnen CO2 im Jahr ein beispielsweise durch die Produktion von Bioenergie und die Bindung von Kohlenstoff. Da geht noch mehr. Bis 2050 kann die Landwirtschaft in Deutschland doppelt so viel CO2 einsparen. Davon bin ich überzeugt.



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