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13.06.2019, 14:33 Uhr KOMMENTAR

Urteil in Leipzig: Wer hat denn tatsächlich Schuld am Kükentöten?

Ein Kommentar von Dirk Fisser


Ein Küken. Foto: dpa/Peter EndigEin Küken. Foto: dpa/Peter Endig

Osnabrück. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat sein Urteil zum umstrittenen Kükentöten gesprochen. Nicht alle sind mit dem Richterspruch einverstanden. Dazu ein Kommentar.

Ja, es ist empörend, dass jedes Jahr Millionen männlicher Küken direkt nach dem Schlüpfen getötet werden, nur weil sie wirtschaftlich nutzlos sind. Aber wer ist daran schuld? Wir. Zumindest, wenn wir Eier oder Hähnchenfleisch essen. Denn an der Ladenkasse interessiert das Schicksal der Legehennen-Brüder niemanden, solange der Eierpreis stimmt. Die moralischen Vorstellungen der Gesellschaft zu Umgang und Wert der Tiere haben sich zwar gewandelt. Das aber schneller als die Produktionsweisen in der Landwirtschaft und eben auch schneller als das Kaufverhalten der allermeisten Kunden.

Es ist nicht Aufgabe von Richtern, dieses Dilemma von Markt und Mitgeschöpf für die Gesellschaft zu lösen. Sie sind nicht Hüter des guten Gewissens, sondern der Gesetze. In diesem Sinne haben die obersten Verwaltungsrichter zwar festgestellt: Das Kükentöten ist illegal, es steht nicht im Einklang mit unserem Tierschutzgesetz. Und doch darf es vorerst weitergehen. Zumindest solange, bis Alternativen zur frühzeitigen Geschlechtsbestimmung im Ei einsatzfähig sind. Das ist ein vernünftiges Urteil, auch wenn weiter unklar bleibt, wann genau Schluss sein muss mit dem Kükentöten. Das zu definieren ist Aufgabe der Politik.

Wer sich nun über diese höchstrichterliche Schonfrist empört, sollte keine Eier mehr essen. Oder im Supermarkt nach dem Zweinutzungshuhn fragen, bei dem Männchen und Weibchen aufzogen werden. Diese Alternative gibt es seit jeher, gekauft wird sie aber kaum. Warum? Zu teuer. Empörung ist eben billiger, weil sie auch von der eigenen Verantwortung ablenkt.



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