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Bundesverwaltungsgericht Grundsatzurteil: Massenhaftes Kükentöten bleibt erlaubt – vorerst

Von dpa

Die Tierschutzorganisation Peta protestierte vor der Urteilsverkündung mit einer symbolischen Aktion zum Kükenschreddern vor dem Bundesverwaltungsgericht. Das Urteil ist für Tierrechtler eine Niederlage. Foto: dpa/Jan WoitasDie Tierschutzorganisation Peta protestierte vor der Urteilsverkündung mit einer symbolischen Aktion zum Kükenschreddern vor dem Bundesverwaltungsgericht. Das Urteil ist für Tierrechtler eine Niederlage. Foto: dpa/Jan Woitas 

Leipzig. Können wirtschaftliche Interessen der Geflügelwirtschaft ein vernünftiger Grund sein, um jedes Jahr Millionen Küken zu töten? Das Bundesverwaltungsgericht hat dazu nun ein Grundsatzurteil gesprochen.

Das Bundesverwaltungsgericht hat das massenhafte Töten männlicher Küken in der Legehennenzucht vorerst noch als rechtmäßig bestätigt. Bis zur Einführung von alternativen Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Hühnerei dürften Brutbetriebe männliche Küken weiter töten, urteilte das Gericht in Leipzig am Donnerstag. (BVerwG 3 C 28.16 und 3 C 29.16) Die wirtschaftlichen Interessen der Brütereien seien zwar allein kein vernünftiger Grund im Sinne des Tierschutzgesetzes. Bis Alternativen zur Verfügung stünden, sei die Fortsetzung der Praxis aber noch rechtmäßig. Die Geflügelbranche begrüßte das Urteil. Tierschützern geht es dagegen nicht weit genug.

Kritik an Übergangsfrist

"Das darf so nicht weitergehen", folgerte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter im Gespräch mit unserer Redaktion. Er fordert eine sofortige Agrarwende: "Die Bundesregierung muss diese unwürdige und unethische Praxis jetzt gesetzlich beenden."

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter kritisiert das Grundsatzurteil zum Kükentöten. Foto: imago images / Peter Endig

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) erklärte, Alternativen zu der jahrzehntelang hingenommenen Praxis des Kükentötens gebe es bereits. Sie drängte darauf, das Massentöten männlicher Küken "so schnell wie möglich" zu beenden. Ein Verfahren zur Geschlechtsbestimmung sei auf dem Weg zur Serienreife und werde Brütereien bald flächendeckend zur Verfügung stehen. "Verbände und Unternehmen nehme ich hier in die Pflicht", sagte sie. Sie habe die klare Erwartung, dass diese tätig werden. Zugleich hätten es aber auch die Verbraucher in der Hand, indem sie zu Eiern griffen, die ohne Kükentöten erzeugt wurden.

Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) forderte eine verbindliche Frist. Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes müsse der Bundesgesetzgeber jetzt ein solches Datum festlegen, sagte Albrecht am Donnerstag in Kiel. Bis dahin müssten die bereits vorhandenen Alternativen in der Praxis und in der Fläche real einsetzbar sein. "Die Lösung des Problems darf nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertagt werden", mahnte der Grünen-Politiker und fügte hinzu: "Dem im Grundgesetz verankerten Staatsziel Tierschutz muss volle Geltung verschafft werden."

Wirtschaftliche Gründe nicht ausreichend 

Aus Sicht der Bundesrichter reichen die von der Geflügelwirtschaft bislang angeführten wirtschaftlichen Gründe als Rechtfertigung für das Töten nicht mehr aus. Laut Tierschutzgesetz darf niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Wirtschaftliche Interessen und der Tierschutz - darum drehte sich der Streit. "Die Belange des Tierschutzes wiegen schwerer als das wirtschaftliche Interesse der Brutbetriebe", erklärte nun das Gericht. Dem Leben der männlichen Küken dürfe nicht von vornherein jeder Eigenwert abgesprochen werden.

Worum es geht

Jedes Jahr werden in Deutschland nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums rund 45 Millionen männlicher Küken getötet. Das Problem: Für die Produktion von Eiern werden Legehennen gezüchtet. Die Rassen sind drauf getrimmt, viele Eier in kurzer Zeit zu legen. Sie setzen kaum Fleisch an, so dass sie sich für die Mast nicht eignen. Männliche Tiere braucht man nicht. Weil man das Geschlecht bisher erst nach dem Schlüpfen erkennen konnte, werden die männlichen Küken vergast. Tierschützer kritisieren das heftig.

Weiterlesen: Der Rechtsstreit um das Kükentöten im Überblick

Das damals rot-grün regierte Land Nordrhein-Westfalen hatte das Kükentöten 2013 per Erlass stoppen wollen. Zwei Brütereien aus NRW klagten dagegen. In den Vorinstanzen setzten sie sich jeweils durch. Auch das Leipziger Urteil wertete der Anwalt der Brütereien, Martin Beckmann, als Erfolg. Die Brutbetriebe hätten immer erklärt, dass sie das Töten beenden wollten - sobald ihnen Alternativverfahren zur Geschlechtsbestimmung zur Verfügung stünden. Die bisherige Praxis werde "mittel- bis langfristig" nicht so weitergehen. 

Tierschützern geht Urteil nicht weit genug

Tierschützer sehen in dem Urteil ebenfalls positive Aspekte, bemängeln es aber zugleich als nicht weitgehend genug. "Die Entscheidung ist ambivalent zu sehen. Es ist damit zu rechnen, dass sie positive Implikationen für den Tierschutz haben wird", sagte Peta-Anwalt Christian Arleth. Er kritisierte jedoch, dass die Bundesrichter die Übergangszeit nicht näher bestimmt haben. "Das Gericht hat den Ball an die Politik zurückgespielt und verlässt sich darauf, dass endlich verbindliche Maßstäbe gesetzt werden."

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat die Forschung an alternativen Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Hühnerei mit Millionenaufwand gefördert. Zwei Methoden - die endokrinologische und die spektroskopische - funktionieren, sind aber noch nicht im Serieneinsatz. Tierschützer machen sich zudem für das sogenannte Zweinutzungshuhn stark. Das sind Hühner, die sowohl für die Eierproduktion als auch für die Mast gehalten werden können.


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