zuletzt aktualisiert vor

Ehrendoktor-Verleihung in Harvard "Mauern einreißen": Merkel rechnet in emotionaler Rede mit Trump ab

Von dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei der Verleihung an der Harvard Universität. Foto: dpa/Steven SenneBundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei der Verleihung an der Harvard Universität. Foto: dpa/Steven Senne
dpa/Steven Senne

Cambridge. Bei einer feierlichen Zeremonie hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Ehrendoktorwürde der US-Eliteuniversität Harvard erhalten. Besonders gelobt wurde sie für ihre Flüchtlingspolitik.

Kanzlerin Angela Merkel hat die Ehrendoktorwürde der US-Eliteuniversität Harvard erhalten. Harvard-Präsident Larry Bacow verlieh Merkel die Auszeichnung am Donnerstag bei einer feierlichen Zeremonie in der Hochschule in Cambridge, einem Vorort von Boston. Die Universität würdigte unter anderem, Merkels bisherige Zeit im Amt sei geprägt gewesen von Pragmatismus und kluger Entschlossenheit. 

Lob für Flüchtlingspolitik

Explizit lobte die Universität Merkels Slogan "Wir schaffen das" in der Flüchtlingskrise, der ihr in Deutschland viel Kritik eingebracht hatte. Merkels Entscheidung, in großer Zahl Migranten und Flüchtlinge ins Land zu lassen, habe ihren Willen gezeigt, für das einzustehen, was sie für richtig halte – auch wenn dies unpopulär sei. Das Gleiche gelte etwa auch für ihr Vorgehen in der europäischen Schuldenkrise. Merkel bekam bei der Verleihung viel Applaus. Während der Ehrung brandete mehrfach Beifall von Absolventen und anderen Zuhörern auf.

In ihrer emotionalen Rede warb die Kanzlerin für internationale Zusammenarbeit und gegenseitigen Respekt – und grenzte sich scharf von US-Präsident Donald Trump ab. "Veränderungen zum Guten sind möglich, wenn wir sie gemeinsam angehen", sagte Merkel. "In Alleingängen wird das nicht gelingen." Auch wenn Merkel Trump kein einziges Mal namentlich erwähnte, wirkte ihre Rede wie eine Abrechnung mit der Politik des US-Präsidenten. 

Die wichtigsten Botschaften ihrer Rede – und die Abgrenzung zu Trump

- Klimawandel: Merkel forderte in Harvard, alles Menschenmögliche zu unternehmen, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Sie räumte ein, dass auch die Bundesregierung dabei besser werden müsse. Trump hat die USA – einen der größten Verursacher von Treibhausgasen weltweit – aus dem internationalen Pariser Klimaschutzabkommen zurückgezogen. Merkel sagte, Klimawandel sei vom Menschen verursacht. Trump zweifelt das an (auch wenn er Klimawandel – anders als früher – inzwischen nicht mehr für einen "Scherz" hält). 

Foto: afp/Allison Dinner

- Erst nachdenken, dann handeln: Merkel sagte, schwierige Fragen könnten gelöst werden, "wenn wir bei allem Entscheidungsdruck nicht immer unseren ersten Impulsen folgen, sondern zwischendurch einen Moment innehalten, schweigen, nachdenken, Pause machen". Kaum ein Politiker ist impulsiver als Trump, der seinen Emotionen ungefiltert auf Twitter freien Lauf lässt.

- Mauern: Merkel erzählte von ihrer Vergangenheit in der DDR. Die Berliner Mauer habe ihr Leben damals sehr eingeschränkt, ihr aber nie ihre Träume und Sehnsüchte nehmen können, sagte sie. Die Kanzlerin sprach sich auch dafür aus, "Mauern in den Köpfen" einzureißen. Mauern haben mit Blick auf Trump eine besondere Bedeutung: Der Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko ist eines seiner Kernanliegen.

- Lügen und Wahrheiten: Merkel warb für "Wahrhaftigkeit gegenüber anderen und gegenüber uns selbst", und sie sagte: "Dazu gehört, dass wir Lügen nicht Wahrheiten nennen und Wahrheiten nicht Lügen." Trump verunglimpft die Berichterstattung in kritischen Medien als "Fake News", seine Beraterin Kellyanne Conway hat den Begriff "alternative Fakten" geprägt. Trump ist berüchtigt für sein besonderes Verhältnis zur Wahrheit: Die Faktenchecker der "Washington Post" haben seit Trumps Amtsantritt Anfang 2017 mehr als 10.000 falsche oder irreführende Behauptungen des US-Präsidenten gezählt.

- Leben nach der Politik: Merkel machte in Harvard erneut deutlich, dass ihre Zeit als Kanzlerin zu Ende geht – auch wenn sie kurz vor ihrer Reise noch einmal betont hatte, dass sie bis zum Jahr 2021 zur Verfügung steht. "Ich glaube, dass wir immer wieder bereit sein müssen, Dinge zu beenden, um den Zauber des Anfangs zu spüren und Chancen wirklich zu nutzen", sagte sie den Harvard-Absolventen. "Und wer weiß, was für mich nach dem Leben als Politikerin folgt. Es ist völlig offen. Nur eines ist klar: Es wird wieder etwas Anderes und Neues sein."

Wie kam Merkels Rede in Harvard an?

Merkel trat in Harvard bescheiden auf, wurde aber dennoch wie ein Popstar gefeiert. Mehr als 30 Mal brandete bei der 35-minütigen Ansprache Beifall auf, mehrfach erhob sich das Publikum, um Merkel stehend Respekt zu zollen. Besonders viel Applaus gab es bei jenen Stellen, an denen Merkel – auch ohne Namensnennung für alle Zuhörer klar erkennbar – Kritik an Trump äußerte.



Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN