Piraten-Ikone über Youtube, CDU, Strache Weisband: Rezo-Video ist Beginn eines Trends

Marina Weisband wurde als Politische Geschäftsführerin und Vorstand der Piratenpartei bekannt. Heute arbeitet die Diplom-Psychologin als Expertin für Partizipation, Digitalisierung und politische Bildung. Diese Woche war sie bei der NOZ zu Gast, Anlass war der 70. Geburtstag des Grundgesetzes. Foto: David EbenerMarina Weisband wurde als Politische Geschäftsführerin und Vorstand der Piratenpartei bekannt. Heute arbeitet die Diplom-Psychologin als Expertin für Partizipation, Digitalisierung und politische Bildung. Diese Woche war sie bei der NOZ zu Gast, Anlass war der 70. Geburtstag des Grundgesetzes. Foto: David Ebener

Osnabrück. Die Digital-Vordenkerin Marina Weisband erwartet, dass das kritische Politvideo des Youtubers Rezo kein Einzelfall bleibt. Youtube-Battles seien in anderen Bereichen bereits gängig, sagte sie im Interview mit unserer Redaktion. Nun erreiche das Format auch die Politik. Im Fall Strache hält die frühere Piraten-Geschäftsführerin eine überraschende Mahnung parat.

Frau Weisband, der Youtuber Rezo hat eine Schimpftirade auf die CDU online gestellt und erzielt damit mehr Aufrufe als eine durchschnittliche Ausgabe der „Tagesschau“. Was hat er gemacht? Informierenden Journalismus, politische Aktivierung oder ideologische Demagogie?

Das Video ist erstmal ein Teil von Debatte. Rezo hat auch keine Schimpftirade eingestellt. Was er gesagt hat, war fundierter und akkurater als das, was wir oftmals in öffentlich-rechtlichen Talkshows von Berufspolitikern jeder Couleur hören.

Sie haben in dieser Woche gelobt, Rezo habe maßgeblich zur Aktivierung einer jungen Generation für Politik beigetragen. Aber zugleich beschimpft er Politiker einigermaßen pauschal als unfähige Lügner. Schürt er so nicht eher Politikverachtung und betreibt Populismus?

Rezo hat eine Meinung vorgetragen, die wie die eines jedes anderen von Überzeugung und Ideologie geprägt ist. Jeder politische Kommentar, jeder Fernsehauftritt eines Politikers findet vor diesem Hintergrund statt. Bei Rezo ist der Hintergrund, dass er gerne noch in 50 Jahren in Gesundheit und Frieden auf dieser Erde leben will. Das ist kein unberechtigtes Anliegen, und ich verstehe nicht, wenn in diesem Kontext von Agitation und Populismus gesprochen wird.

Rezo wurde gefeiert dafür, Fakten gesammelt und Quellen genannt zu haben. Außerhalb von Youtube kennt man diese Arbeitsweise bereits etwas länger. Was macht seine Leistung zu einer besonderen?

Rezo hat mehrere Dinge geschafft. Er hat mit dem Klischee gebrochen, dass die Jugend eine unfassbar kurze Aufmerksamkeitsspanne hat und nicht fähig ist, sich in komplexe Themen einzuarbeiten. Er hat eine Stunde lang mit Quellen unterlegte Meinung formuliert. Er ist viral damit gegangen, hat also immens viele Menschen dazu animiert, seinen Beitrag weiterzuverbreiten. Und er hat in kurzer Zeit sehr viel gesagt. Das ist das Gegenteil des vorherrschenden politischen Stils, in möglichst viel Zeit möglichst wenig zu sagen.

Sie beraten Schulen in Projekten zur politischen Partizipation. Wäre Rezo ein guter Unterrichtsstoff?

Oh, er wird bereits in Schulen gezeigt und zum Anlass genommen, über Politik zu reden: Wo er Recht hat, wo er nicht Recht hat, wo er übertreibt. Das finde ich großartig. Ich verwette übrigens mein Leben darauf, dass kaum eine Schule die elfseitige PDF-Reaktion der CDU genauso intensiv behandelt.

Zur Person

Wer ist Rezo?
Youtube-Künstler Rezo wurde 1992 in Wuppertal geboren, sein bürgerlicher Name ist nicht öffentlich. Auf der Videoplattform zählt er zu den erfolgreichsten deutschen Vertretern - mit seinen zwei Kanälen generiert er im Monat knapp elf Millionen Aufrufe. Seine Inhalte reichen von Musik bis Comedy und Alltagsgeschichten. Er profitierte stark von der Unterstützung anderer großer Youtuber wie Julien Bamm oder MrTrashpack und ist dort Teil eines Netzwerks, das auch nach seinem Polit-Video ("Die Zerstörung der CDU") einen Solidarisierungsbeitrag online stellte. Vor und auch noch während seiner Youtube-Karriere hat Rezo einen Informatik-Masterstudiengang an der TU Dortmund absolviert.

Wie bewerten Sie diese Reaktion der CDU auf Rezo?

Ich bewerte sie wie einen Autounfall. Ruprecht Polenz hat einen Facebook-Kommentar auf Augenhöhe geschrieben und Rezo in mehreren Punkten zugestimmt und in anderen widersprochen, aber ist ihm dabei respektvoll begegnet. Jenna Behrends hat es mit einem Video versucht und gut gelöst. Beide haben dafür auch Respekt erfahren. Das Gegenteil habe ich in der CDU-Führungsebene gesehen. Generalsekretär Paul Ziemiak hat sein PDF veröffentlicht und damit eine Chance vertan. Die CDU hätte eine Steilvorlage für ein eigenes Video gehabt. Eine entsprechende Antwort wäre ja zahlenmäßig ebenso durch die Decke gegangen wie Rezo, alle haben darauf gewartet. Stattdessen kamen Gerüchte auf, es sei auch eine Frage der internen Machtbalance, wer in welcher Weise wann antwortet. Gegen genau diesen Politikstil stellt sich die Jugend.

Halten Sie das Rezo-Video für ein singuläres Ereignis oder den Beginn eines Trends?

Wir sehen einen Trend. Die politische Auseinandersetzung geht auf neue Kanäle über. Der Kommunikationsstil der Politik ändert sich, und die Parteien scheinen teilweise nicht bereit zu sein, sich darauf einzulassen. In anderen Bereichen sind Youtube-Battles bereits sehr verbreitet, wenn also Videos verschiedener Akteure gegenseitig kommentiert werden. Das ist lehrreich und ein lebendiger Diskurs. Es wäre spannend und gut, wenn dieses Format auch auf die Politik übergreift.

Was bedeutet es für klassische Medien?

Man sollte ehrlich sein: Rezo wäre nicht ansatzweise so viral gegangen, wenn nicht die klassischen Medien in die Berichterstattung eingestiegen wären. Soziale Medien und Klassische Medien bilden eine Symbiose. Ich erlebe das bei mir selbst: Wenn ein Tweet auch in einer klassischen Zeitung zitiert wird, geht er wirklich durch die Decke. Klassische Medien haben die Aufgabe, Informationen aufzugreifen, einzuordnen und zu verbreiten oder sie eben nicht zu verbreiten. Das haben sie auch bei Rezo getan: Fakten überprüft, Aussagen eingeschränkt und Zusammenhänge hergestellt. Das ist die klassische Aufgabe klassischer Medien, und sie ist und bleibt wichtig.

Eine Frage zum Fall Strache: Als Piraten-Politikerin haben Sie immer auch vor Missbrauchsmöglichkeiten von Überwachung gewarnt. Christian Wulff sagte diese Woche, er fürchte eine Nachahmerwelle im politischen wie privaten Raum. Bei Stalleinbrüchen sieht man das ja bereits im Agrarbereich. Ist seine Annahme völlig aus der Luft gegriffen? Dass der Bürger erledigt, was der Staat nicht darf?  

Herr Wulff sagt hier, dass es schlecht ist, dass wir erfahren haben, dass der Verrat eines Landes stattfand. Das ist es nicht. In jedem anderen Fall, wenn etwas nur peinlich oder ungeschickt gewesen wäre, hätte es nicht veröffentlicht werden dürfen. Auch die Aufnahmen selbst sind gesetzlich verboten. Das ist bereits so. Wann es dennoch verbreitet werden darf, ist ebenfalls geregelt.

Sinkt also nicht die Hemmschwelle durch technische Möglichkeiten und Vorbilder wie die Strache-Enthüllung, um auch im privaten Bereich mal ein wenig zu spitzeln?

Um das zu verhindern, muss immer klar bleiben: Solche geheimen Aufnahmen anzufertigen ist verboten. Durch den Staat, durch Unternehmen, durch Privatleute. Die Justiz muss illegale Aufnahme konsequent ahnden, übrigens auch im Fall Strache. Der Bürger sollte nicht das an Überwachung übernehmen wollen und dürfen, was der Staat nicht darf. Das ändert nichts daran, dass in diesem speziellen Fall die Verbreitung der illegitim angefertigten Aufnahmen durch die Medien trotzdem gerechtfertigt war.

Einen Kommentar unserer Redaktion zum Rezo-Video finden Sie hier.


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