Timmermanns-Forderung bei TV-Duell Kurzstreckenflüge abschaffen? Das sagen Experten

Von dpa und Maximilian Matthies

Frans Timmermans (l.) und Manfred Weber (CSU) beim TV-Duell zur Europawahl. Foto: dpa/Christoph SoederFrans Timmermans (l.) und Manfred Weber (CSU) beim TV-Duell zur Europawahl. Foto: dpa/Christoph Soeder

Brüssel/Berlin. Greta Thunberg verzichtet aus Klimaschutzgründen aufs Fliegen. Zur Europawahl bewegt das Thema auch die Spitzenkandidaten für den Chefposten in der Brüsseler Kommission – wie das letzte TV-Duell von Sozialdemokrat Frans Timmermans und CSU-Politiker Manfred Weber zeigt.

Sozialdemokrat Frans Timmermans aus den Niederlanden stellt beim letzten TV-Duell vor der Europawahl am Donnerstagabend eine strikte Forderung auf: die Abschaffung von Kurzstreckenflügen. Komplett gestrichen werden müssten etwa Verbindungen von Frankfurt nach Düsseldorf oder von München nach Nürnberg. Sie sollten durch gute Bahnverbindungen ersetzt werden. CSU-Politiker Manfred Weber äußerte sich etwas vorsichtiger und sagte, er wolle Kurzstreckenflüge nicht gesetzlich abschaffen. Aber für Ersatz "durch eine gute Bahn" sei er auch.

Nachhaltigkeitsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) forderte bereits vor einigen Monaten ein Inlandsflugverbot in Deutschland: "Der klassisch gewerbliche Verkehr mit Linienflügen sollte in Deutschland verboten werden". Ein innerdeutsches Flugverbot könne ein Signal der Glaubwürdigkeit deutscher Umweltpolitik sein und den Einstieg in eine neue Kultur des Verreisens sowie der geschäftlichen Kommunikation sein. Knie unterstrich: „Natürlich brauchen wir dann auch eine wesentlich leistungsfähigere Bahn“.

Beispiele aus Frankreich und Japan

Wie das funktionieren könnte, zeigen Länder wie Frankreich oder Japan. In Frankreich gelang es, einen Großteil der Flüge durch Schnellstreckenzüge wie den TGV zu ersetzen. Zu vergleichen ist das französische Bahnsystem mit dem in Japan, wo das Schnellfahrstreckennetz "Shinkansen" zahlreiche Städte miteinander verbindet.

Lesen Sie auch: Klimafreundlich? Deutsche sind beim Reisen "nicht kompromissbereit"

In Deutschland hat die Deutsche Bahn mit Schnellstreckenzügen die Fahrtzeit zwischen Berlin und München von bisher sechs auf unter vier Stunden verringert – und den Fluggesellschaften damit Kunden abgejagt. Die Bahn konnte vermelden, das „Verkehrsmittel Nummer eins“ auf der Strecke zu sein. Vorher war die Flugverbindung Berlin–München immerhin die meistgeflogene Inlandsverbindung. 

Warum Deutsche nicht aufs Fliegen verzichten

Michael Müller-Görnert vom Verkehrsclub Deutschland sagt gegenüber dem Meinungsmedium "der Freitag": "Schon heute könnten wir bereits 150.000 Inlandsflüge ersetzen, mittelfristig sogar 200.000, ohne große Infrastrukturausbauten“. Das wäre ein Großteil der rund 320.000 Flüge pro Jahr. 

Rund 47 Prozent der Bundesbürger können sich laut einer Umfrage des Instituts Yougov inzwischen sogar vorstellen, auf Flugreisen aus Umweltschutzgründen zu verzichten. Die meisten – auch umweltbewusste Menschen – stecken jedoch in einem Dilemma, das Magdalena Heuwieser von Stay Grounded, einem globalen Netzwerk zur Reduktion vom Flugverkehr, in einem Bericht der "Deutsche Welle" beschreibt: "Das Fliegen ist ein sehr schwieriges und unangenehmes Thema. Für viele ist Fliegen inzwischen normal. Zudem ist es ein Statussymbol", sagt die Klimaaktivistin.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN