Urteil am Donnerstag, 23. Mai 2019 Millionenfaches Kükentöten – wo ist das Problem?

Von dpa

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verhandelt über die Rechtmäßigkeit des millionenfachen Tötens männlicher Küken. Foto: dpa/Peter EndigDas Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verhandelt über die Rechtmäßigkeit des millionenfachen Tötens männlicher Küken. Foto: dpa/Peter Endig

Leipzig. Das umstrittene Kükentöten steht beim Bundesverwaltungsgericht auf dem Prüfstand. Können wirtschaftliche Interessen ein vernünftiger Grund sein, Millionen männliche Küken zu vergasen?

Das Bundesverwaltungsgericht hat am Donnerstag über die Rechtmäßigkeit des millionenfachen Tötens männlicher Küken verhandelt. Ein Urteil dazu wird in einer Woche gesprochen, sagte die Vorsitzende Richterin Renate Philipp bei der Verhandlung in Leipzig. Das Land Nordrhein-Westfalen hatte 2013 den Brütereien die umstrittene Praxis untersagen wollen. Dagegen klagten zwei Betriebe und bekamen in den Vorinstanzen Recht. Jetzt muss das oberste deutsche Verwaltungsgericht in einem Grundsatzurteil klären, ob das Kükentöten mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist.

Warum werden männliche Tiere getötet?

Für die Produktion von Eiern werden Legehennen gezüchtet. Sie sind darauf getrimmt, viele Eier in kurzer Zeit zu legen. Sie setzen kaum Fleisch an. Männliche Tiere braucht man nicht. Das Geschlecht konnte man jahrzehntelang erst nach dem Schlüpfen erkennen. Darum werden die männlichen Küken von Legehuhnrassen massenhaft geschreddert oder vergast – jährlich laut Bundesagrarministerium rund 45 Millionen Tiere. Tierschützer laufen seit langem Sturm gegen dieses ethisch fragwürdige Vorgehen.

Foto: dpa/Bernd Wüstneck

Was muss das Bundesverwaltungsgericht entscheiden?

Das Gericht muss grundsätzlich klären, ob das Kükentöten mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist. Das besagt in Paragraf 1, dass niemand einem Tier "ohne vernünftigen Grund" Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf. Das damals rot-grün regierte Nordrhein-Westfalen nahm 2013 darauf Bezug und wollte das Kükentöten per Erlass verbieten lassen. Zwei Brütereien klagten dagegen.

Wie hat die Vorinstanz geurteilt?

Das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster gab 2016 den Brütereien Recht. Für das Töten der Küken gebe es einen vernünftigen Grund. Das OVG wog die ethischen Gesichtspunkte des Tierschutzes und die menschlichen Interessen an der Legehennenzucht gegeneinander ab. So kam es zu dem Schluss, dass die wirtschaftlichen Bedingungen der Brütereien das Kükentöten rechtfertigten. Das Bundesverwaltungsgericht muss nun die OVG-Urteile auf ihre Richtigkeit überprüfen. (Az.: BVerwG 3 C 28.16 und 3 C 29.16 )

Infobox zum Kükentöten

Tipps für Verbraucher
Wer das sogenannte Kükentöten nicht unterstützen will, kann das ganz praktisch im Supermarkt tun. Bei vielen Händlern gibt es Eier von Initiativen, die auf das massenhafte Töten männlicher Küken verzichten. Die Aufzucht der Tiere finanzieren die Anbieter durch einen Preisaufschlag von rund vier Cent pro Ei, erklärt die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. An dem Produkt ändert sich dadurch nichts: Ei bleibt Ei.
Wie die Initiativen heißen und wie sie genau arbeiten, ist je nach Händler anders: Viele Discounter und Erzeuger haben jeweils eigene Initiativen, manche Produkte sind auch nur in einzelnen Regionen erhältlich.
Neben der querfinanzierten Aufzucht der männlichen Küken gibt es zwei weitere Wege, das Schreddern zu verhindern: Erstens technische Verfahren, mit denen das Geschlecht der Tiere schon im Ei bestimmt wird – ausgebrütet werden dann nur die Weibchen. Erste Eier aus diesen Verfahren sind vereinzelt bereits im Handel erhältlich.
Zweitens gibt es lokale Initiativen, die sogenannte Zweinutzungsrassen einsetzen. Statt jeweils eigens gezüchteter Tiere für die Ei- oder Fleischproduktion legen die Weibchen hier Eier, die Männchen werden gemästet. Entsprechende Initiativen und ihre Produkte gibt es nach Angaben der Verbraucherschützer zum Beispiel in Teilen von Nordrhein-Westfalen und Süddeutschland sowie rund um Berlin. 

Gibt es keine Alternativen zum Kükentöten?

Doch, die gibt es. Wissenschaftler haben seit langem an Verfahren zur Geschlechtsbestimmung bereits im Hühnerei geforscht. Die Bundesregierung hat die Forschung mit Millionenaufwand unterstützt, denn auch sie will das Kükentöten beenden. Inzwischen gibt es mehrere Methoden, mit denen über ein kleines Loch in der Eierschale eine Geschlechtsbestimmung vorgenommen werden kann. Sie sind allerdings noch nicht serienreif und werden nicht flächendeckend genutzt. In Supermärkten der Ketten Rewe und Penny gibt es Eier unter der Bezeichnung "respeggt Freiland-Eier" von Legehennen, die mit einem Alternativ-Verfahren gezüchtet wurden.

Foto: dpa/Ralf Hirschberger

Was sagt die Geflügelwirtschaft? 

Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) warnt vor einem vorschnellen Verbot des Kükentötens. "Das würde alle deutschen Brütereien treffen", sagte Verbandspräsident Friedrich-Otto Ripke. Die Veterinärämter in den Bundesländern würden keine Genehmigungen mehr für das Töten ausstellen, viele Betriebe würden ins Ausland abwandern. Dem Tierschutz sei damit nicht geholfen. Die Branche wolle die Praxis beenden – brauche dafür aber eine Übergangszeit.

Wie ist die Position der Tierschützer?

"Wir setzen darauf, dass das Bundesverwaltungsgericht wirtschaftliche Interessen nicht als vernünftigen Grund anerkennt", betonte der Deutsche Tierschutzbund. 

Jedes andere Urteil wäre ein ethischer Skandal und würde von der großen Mehrheit der Gesellschaft nicht akzeptiert.Deutscher Tierschutzbund

Die Tierschützer sehen die Geschlechtsbestimmung im Ei auch nur als Übergangslösung an. Das eigentliche Problem sei die extrem spezialisierte Zucht von Legehennen. Der bessere Weg sei das "Zweinutzungshuhn", dass sowohl viele Eier legt als auch Fleisch ansetzt, sodass die Hennen für die Eierproduktion und die Hähne für die Mast genutzt werden können.

Und ab wann stirbt kein Küken mehr?

Das ist vollkommen unklar. Niemand kann derzeit seriös sagen, wann und ob in jeder Brüterei eine Test-Maschine stehen wird. Zudem gilt abzuwarten, was die Richter in Leipzig urteilen. Definieren sie beispielsweise harte Übergangsfristen, die es bisher nicht gegeben hat? Davor warnt die Branche. Oder lassen sie auch Ausnahmen zu, bei denen Küken weiter getötet werden dürfen? Davor warnen Tierschützer. Zoos und Greifvogelhalter jedenfalls verfüttern vergaste Küken als Ganzes an ihre Tiere und würden nur ungern auf diese Nahrungsquelle verzichten.

Das Bundesagrarministerium bleibt aber dabei: Sobald entsprechende Techniken flächendeckend zur Verfügung stehen, gebe es keinen "vernünftigen Grund" mehr, Küken zu töten. Nach Tierschutzgesetz wäre die Jahrzehnte gängige Praxis damit verboten.

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