Faktenprüfer im Dauereinsatz Falschnachrichten führen in Indien zu Lynchjustiz

Die Wahlen in Indien erstrecken sich über sieben Wochen. Foto: Manish Swarup/AP/dpaDie Wahlen in Indien erstrecken sich über sieben Wochen. Foto: Manish Swarup/AP/dpa

Mumbai. Falschnachrichten spielen nicht nur in der europäischen und nordamerikanischen Politik eine immer größere Rolle, in Indien beherrschen sie den Wahlkampf der Parlamentswahlen – und das hat brutale Folgen.

Ein verwackeltes Handyvideo zeigt, wie drei Männer im indischen Bundesstaat Gujarat immer wieder mit Stöcken auf einen Mann einschlagen. Kurz darauf kauert der junge Mann im schwarzen Hemd am staubigen Straßenrand, seine Peiniger lassen trotzdem nicht vom ihm ab. 

Der Text unter dem Video lautet: Anhänger der regierenden hindu-nationalistischen Partei BJP verprügeln einen Dalit. Dalits stehen in Indien auf der untersten sozialen Stufe, sie haben kaum Chancen auf gesellschaftlichen Aufstieg und damit auch nicht auf ein teures Auto, das er haben sollte. Inmitten der aktuell laufenden Parlamentswahlen scheint die Botschaft des Videos eindeutig: So geht die Regierungspartei BJP mit benachteiligten Gruppen der Gesellschaft um. Das Video verbreitet sich rasant – in den sozialen Netzwerken und in den Fernsehnachrichten.

Falschnachrichten beeinflussen Wahlen

Das Problem ist: Das Video ist echt, aber die Schlagzeile gefälscht. Das sagen die Mitarbeiter der größten indischen Fact-Checking-Organisation "Boom". Sie deckten auf, dass das Video nicht während der Wahlen entstand, sondern bereits vor zwei Jahren. Der Mann wurde von Verwandten geschlagen, weil er seine Ehefrau misshandelt haben soll. 

Solche Videos haben großen Einfluss auf die laufenden Parlamentswahlen. "Die Menschen hinterfragen die Nachrichten nicht, die sie über soziale Netzwerke erhalten", sagt Govindraj Ethiraj. Der ehemalige Bloomberg-Journalist gründete vor zwei Jahren die Fact-Checking-Organisation "Boom".

"Boom"-Gründer Govindraj Ethiraj. Foto: Florian Guckelsberger

Wahlen sind Mammutprojekt – auch für Faktenprüfer

Die Wahlen in Indien mit 900 Millionen Wahlberechtigten sind nicht nur für die Behörden ein Mammutprojekt, sondern auch für die Faktenprüfer von "Boom". Soziale Netzwerke sind zu einer Hauptnachrichtenquelle geworden. Laut einer Studie des "Reuters Institute" informieren sich 68 Prozent der Inder über ihr Smartphone. 52 Prozent nutzen dabei WhatsApp oder Facebook, deutlich mehr als über Fernsehen, Print oder Radio mit unter 30 Prozent. Die Anzahl der Handys hat sich innerhalb von drei Jahren fast verdoppelt. 

Und die Parteien nutzen die Unkontrollierbarkeit der sozialen Medien für ihre Zwecke. "Sie streuen Falschnachrichten", sagt Ethiraj. Direkt zurückverfolgen können die Faktenprüfer aber nur wenige. "Dafür sind die Politiker zu geschickt", sagt Ethiraj. Dabei profitieren sie auch von der Glaubwürdigkeitskrise der indischen Medien. "Das ist eine globale Entwicklung. Die Menschen vertrauen den Mainstream-Medien nicht mehr", erklärt der ehemalige Journalist. 

Brutale Auswirkungen von Fake-News

Allerdings sind in Indien die Auswirkungen brutaler als in Europa oder den USA. Ethiraj erklärt: "Im vergangenen Jahren starben mehr als 30 Menschen aufgrund von Berichten über Kindesentführungen, die bei Whatsapp verbreitet wurden. Ein Mob hat die Menschen jeweils gelyncht." Auch große indische Medien berichteten über die Fälle. Nach diesen Vorfällen reagierte Whatsapp und schränkte die Weiterleitungsfunktion ein.  

Dass die sozialen Netzwerke und insbesondere Facebook die Wahlen in Indien ganz genau beobachten, davon ist Ethiraj überzeugt: "Im kommenden Jahr sind die Wahlen in den USA, da kann Facebook vielleicht etwas aus der indischen Wahl lernen."

Dass Falschnachrichten manchmal auch harmlos sein können, zeigt eine Meldung aus dem vergangenen Jahr: Die Rolle des berühmten Piraten "Jack Sparrow" aus dem Film "Fluch der Karibik" sei von der hinduistischen Gottheit Krishna inspiriert. Obwohl die Falschnachricht schon längst entlarvt war, ist das Netz immer noch voll von Artikeln, die die Meldung wiederholen. "Die Menschen glauben nun mal eher den Fake, als die Wahrheit", sagt Ethiraj. 


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