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28.04.2019, 15:46 Uhr KOMMENTAR ZU NIEDRIGEN EINKOMMEN

Keine deutschen Gelbwesten in Sicht

Ein Kommentar von Katharina Ritzer


Angestellte in der Gastronomie gehören zu den Schlusslichtern in der Einkommensstatistik. Foto: Caroline Seidel/dpaAngestellte in der Gastronomie gehören zu den Schlusslichtern in der Einkommensstatistik. Foto: Caroline Seidel/dpa

Osnabrück. Rund 3,38 Millionen Vollzeitbeschäftigte in Deutschland verdienen im Monat weniger als 2000 Euro brutto. Das wirkt auf den ersten Blick sehr wenig, auf den zweiten aber zeigt sich, dass Differenzierung notwendig ist. Die Reaktion der Linken und der AfD auf die Zahlen des Sozialministeriums hingegen offenbart: Populismus gibt es ganz links ebenso wie ganz rechts. Ein Kommentar.

Tag der Arbeit? Für die meisten Menschen ist der 1. Mai einfach ein willkommener Feiertag. Dass die Gewerkschaften an diesem Tag einst für wichtige Errungenschaften wie den Acht-Stunden-Tag gekämpft haben, ist wohl am ehesten noch den Gewerkschaftern selbst bewusst, die sich pflichtschuldigst zu ihren ritualisierten Maikundgebungen treffen. In Zeiten annähernder Vollbeschäftigung und akuten Fachkräftemangels ist kein Leidensdruck im Lande auszumachen. Im Gegenteil: Die Unternehmen bewerben sich inzwischen bei Mitarbeitern von morgen, nicht mehr umgekehrt wie früher.

So viel Zufriedenheit kann der Opposition natürlich nicht gefallen, und so nutzen die Linke und die AfD in bemerkenswerter Eintracht den nahenden 1. Mai, um das bedrückende Bild eines Millionenheeres von dramatisch schlecht bezahlten Arbeitnehmern hierzulande zu zeichnen. Drohen auch Deutschland marodierende Gelbwesten und brennende Barrikaden? Nein, tun sie nicht.

Freie Tarifverhandlungen haben über Jahrzehnte zu den heutigen Löhnen geführt, viele der weniger gut bezahlten Jobs etwa im Tourismus oder in der Gastronomie liegen auf dem Land mit deutlichen geringeren Lebenshaltungskosten, etwa bei den Mieten. Dazu kommt ein gut ausgebauter Sozialstaat, der im Notfall einspringt. Die Klassenkampf-Szenarien von ganz rechts und von ganz links sind also vor allem eines: purer Populismus zum 1. Mai. Ein Aspekt bleibt aber wichtig: Wer wenig verdient, bekommt eine geringe Rente und kann kaum selbst für das Alter vorsorgen. Hier ist die Politik gefragt.


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