Serie zur Zukunft der Mobilität Eine Frage des Glaubens? Autonomes Fahren fordert Antworten

Von Weihbischof Anton Losinger

Im Kfz-Versuchszentrum der TU Berlin ist im Fahrsimulator ein Vergleich zwischen menschlichem und dem Reaktionsvermögen der im Fahrzeug verbauten Assistenzsysteme möglich. Foto: imago images/Jürgen HeinrichIm Kfz-Versuchszentrum der TU Berlin ist im Fahrsimulator ein Vergleich zwischen menschlichem und dem Reaktionsvermögen der im Fahrzeug verbauten Assistenzsysteme möglich. Foto: imago images/Jürgen Heinrich

Augsburg. Künstliche Intelligenz und „Big Data“ werden den Verkehr der Zukunft entscheidend verändern. Diese Umwälzungen erfordern aber ebenso neue Regelsysteme. In diesen müssen auch ethische Gesichtspunkte eine Rolle spielen, fordert Weihbischof Anton Losinger, Mitglied der Ethikkommission, in Teil 3 unserer Serie "Zukunft der Mobilität".

„Alles Leben ist Bewegung. Bewegung ist Leben.“ So hat es der geniale Künstler der Renaissance und Maschinenkonstrukteur Leonardo da Vinci einst formuliert. Mobilität ist die Grundlage persönlicher Entwicklung, sie markiert die Voraussetzung für Bildung und kulturelle Entwicklung der Völker und entscheidet über den Horizont von Menschen und Kulturen. Drei Gründe für das Unausweichliche des Phänomens der Bewegung im Leben des Menschen lassen sich demonstrieren, die gleichzeitig den Grund liefern, warum Mobilität ein Thema für Wissenschaft, Ethik und Theologie sein muss.  

Mobilität ist existenziell

Erstens ist Mobilität ein existenzielles Phänomen der Entwicklung der menschlichen Person. Nur Menschen in Kontakt mit anderen Menschen und mit der Welt, in der sie leben, sind in der Lage, einen Horizont ihres Lebens und eine Perspektive ihres Handelns zu entwickeln. Der Mensch in Einzelhaft, der Mensch in Kontaktsperre wäre von allen seinen Entwicklungsmöglichkeiten ausgegrenzt.

Der Autor

Anton Losinger, der Autor dieses Gastbeitrags im Rahmen der Serie "Zukunft der Mobilität", ist Weihbischof im Bistum Augsburg und Mitglied der Ethik-Kommission „Automatisiertes und vernetztes Fahren“ des Bundesverkehrsministeriums. 

Zweitens: Mobilität ist ein Phänomen der Kulturgeschichte der Völker. Politik, Handel und Kunst sind Phänomene internationaler Begegnung und des geistigen Austausches. Nur wo Völker sich gegenseitig begegnen, inspirieren und in ihren Ideen befruchten, entstehen Kunst und Kultur. Der Bau einer Mauer, wie es das geeinte Deutschland über 40 Jahre erlebt hatte, und damit das Abwürgen von Mobilität führt in geistige und kulturelle Eingrenzung und Kastration der Ideen.

Freiheit ist auch eine Frage der Ethik

Drittens: Mobilität erfordert Regeln und Normen. Nicht zuletzt das Verkehrsrecht signalisiert, wie sehr Lebensrecht und Gesundheit jedes einzelnen Menschen von funktionierenden Gesetzen im Straßenverkehr abhängen. Selbstverständlich sind Fragen von Gesundheit, Freiheit und Lebensrecht immer Fragen der Ethik, der Philosophie und letztendlich der Theologie, auch insofern sie eine friedliche Lösung von Konflikten betreffen.

Schließlich führt das Phänomen des Verkehrs in eine Dialektik der Folgen hinein: Ermöglichung von Kultur und Erweiterung des personalen Horizonts durch Mobilität gehen mit einer Gefährdung des Lebens und Zerstörung der Umwelt einher, wie es derzeit in der ökologischen Debatte um die Abgaswerte von Dieselautos bis zur Gefährdung der Existenzgrundlage der deutschen Automobilindustrie sichtbar wird. Neue spektakuläre Initiativen wie „Schulstreik für das Klima“ der jungen Schwedin Greta Thunberg erfassen die Aufmerksamkeit der Bürger und lassen niemanden kalt, ebenso wie die Initiative von Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato Si“, deren Untertitel „Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ nicht weniger als ein ökologisches Zukunftsprogramm zur Bewahrung der Schöpfung markiert.

Autonomes Fahren erfordert neue Regeln

Die Dialektik der Folgen von Mobilität, insbesondere der Auswirkungen neuester Technologien auf die Gestaltung menschlichen Lebens, hat im digitalen Zeitalter einen neuen Treiber erhalten: Vor allem Fragen des autonomen und vernetzen Fahrens – in ihrer rasanten Entwicklung – fordern neues Nachdenken und neue Regeln.

Wie wird eine neue Welt der Mobilität aussehen, unter den dramatisch veränderten Bedingungen der Digitalisierung aller Lebensbereiche, der Routinen künstlicher Intelligenz in der Programmierung von Algorithmen und nicht zuletzt einer horrenden Verdichtung der Vernetzung? „Big Data“ und KI sind nur Stichworte einer Entwicklung, die neue Chancen und innovative Optimierung des Verkehrs bringen, aber ebenso neue intelligente und wirkungsvolle Regelsysteme erfordern.

Etikkommission setzt klare Akzente

Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hatte dazu in der zurückliegenden Zeit eine Ethikkommission „Automatisiertes und Vernetztes Fahren“ begründet, deren Bericht im Juni 2017 vorgelegt wurde. Drei Elemente aus dem Communiqué „Ethische Regeln für den automatisierten und vernetzten Fahrzeugverkehr“ der Ethikkommission setzen klare Akzente.

Regel Nr. 1 setzt den Fokus auf das zentrale Ziel der Sicherheit im Straßenverkehr. „Teil- und vollautomatisierte Verkehrssysteme dienen zuerst der Verbesserung der Sicherheit aller Beteiligten im Straßenverkehr. Daneben geht es um die Steigerung von Mobilitätschancen und die Ermöglichung weiterer Vorteile.“ Zukünftige autonome Steuerungssysteme können eine entscheidende Steigerung der Sicherheitsthematik generieren, durch die etwa brutale Auffahrunfälle von Lkw auf Stauenden auf den Autobahnen der Geschichte angehören.

Der Umgang mit Dilemma-Situationen

Regel Nr. 9 thematisiert den Umgang mit Dilemma-Situationen: Darf ein Autofahrer in einer unausweichlichen Unfallsituation und folglich auch ein programmierter Algorithmus zwischen Menschen unterscheiden? Darf der Rentner mit dem Krückstock auf dem Zebrastreifen notfalls getötet, der jungen Mutter mit dem Kinderwagen aber ausgewichen werden? Darf eine Weiche so umgestellt werden, dass in der unausweichlichen Kollision eine größere Zahl von Menschen gerettet und die wenigen getötet werden? 

Programmierung nach persönlichen Merkmalen ist tabu

Die Ethikkommission definiert in Regel Nr. 9 das strikte Verbot einer utilitaristischen Ethik, die Menschen nach persönlichen Merkmalen sortiert. „Bei unausweichlichen Unfallsituationen ist jede Qualifizierung nach persönlichen Merkmalen (Alter, Geschlecht, körperliche oder geistige Konstitution) strikt untersagt. Eine Aufrechnung von Opfern ist untersagt. Eine allgemeine Programmierung auf eine Minderung der Zahl von Personenschäden kann vertretbar sein. Die an der Erzeugung von Mobilitätsrisiken Beteiligten dürfen Unbeteiligte nicht opfern.“

Digitale Vernetzung nur mit Datenschutz

Schließlich Regel Nr. 15, die im Zeitalter der Vernetzung der Systeme die Datenhoheit und den Datenschutz des Bürgers definiert. „Erlaubte Geschäftsmodelle, die sich die durch automatisiertes und vernetztes Fahren entstehenden, für die Fahrzeugsteuerung erheblichen oder unerheblichen Daten zunutze machen, finden ihre Grenze in der Autonomie und Datenhoheit der Verkehrsteilnehmer. Fahrzeughalter oder Fahrzeugnutzer entscheiden grundsätzlich über Weitergabe und Verwendung ihrer anfallenden Fahrzeugdaten.“

Es bleibt dabei, dass bei der Unterscheidung zwischen personenbezogenen und fahrzeugbezogenen Daten im automatisierten und vernetzten Verkehr ausschließlich der beteiligte Mensch, also der Fahrer oder Halter, Eigentümer seiner Daten bleibt. Er besitzt die Souveränität, über weitere Verwendung seiner persönlichen Daten selbst entscheiden zu dürfen.

Gesetzgeber muss verantwortlich handeln

Neue Herausforderungen also in einer Verkehrssituation der Zukunft, die sich heute bereits abzeichnet. Das bedeutet neue Chancen, die gleichzeitig ein intelligentes Nachdenken über Regelsysteme der Mobilität der Zukunft erfordern. Neue digitale Steuerungssysteme, innovative Elemente künstlicher Intelligenz und Programmierung von Algorithmen, die dem Menschen und dem Gesetzgeber ein entscheidendes Potenzial von Verantwortung abfordern werden. 

Mit den Chancen wächst im gleichen Maße das Volumen der Gefahren und der Herausforderungen. Eine bequeme und kurzsichtige Variante des Denkens dürfte in Zukunft nicht mehr möglich sein, die man gängigerweise dem letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. zuschreibt, der – obwohl technikfasziniert – einmal sagte: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur ein Intermezzo.“


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