Kanzlerin der Selbstbeherrschung Trotz des Todes der Mutter zieht Merkel EU-Gipfel durch

Protestantisch, preußisch, Haltung wahrend trotz des Verlusts der Mutter: Kanzlerin Angela Merkel beim EU-Gipfel in Brüssel. Foto:dpaProtestantisch, preußisch, Haltung wahrend trotz des Verlusts der Mutter: Kanzlerin Angela Merkel beim EU-Gipfel in Brüssel. Foto:dpa

Berlin. Wie ist das möglich? Angela Merkel macht business as usual, sie zieht ein Extremprogramm durch, EU-Gipfel zum Brexit inklusive. Und dies, obwohl ihre Mutter starb?

 Mancher wundert sich darüber, obwohl die 64-Jährige schon immer eine Kanzlerin der Selbstbeherrschung war.  Nicht wenige deuten dies als Härte oder gar Hartherzigkeit. Doch enge Beobachter haben eine andere, einleuchtende Erklärung: Die Regierungschefin hatte Zeit, sich zu wappnen gegen scharfe Blicke, konnte ihren dicksten Panzer anlegen. Denn Herlind Kasner (90) starb schon Ende letzter Woche. Tochter Angela musste also keine Termine absagen. Sie konnte sich sammeln und dann mit einem Abstand von vier Tagen zum EU-Treffen mit Theresa May nach Brüssel reisen. Sogar deren freundliche Begrüßung war möglich – wie Fotos belegen.  

Außer der Tatsache, dass die Augenringe der Kanzlerin tiefer waren als gewohnt nach dem bis morgens um drei Uhr andauernden Ringen um einen geordneten Brexit, war Merkel bei ihren öffentlichen Auftritten nach Meinung von Journalisten nichts anzumerken. Vor der Reise nach Brüssel hatte sich die 64-Jährige auch noch den Abgeordneten im Bundestag gestellt. 21 Fragen, 21 Nachfragen zu Migration, Urheberrecht oder Baukindergeld: Merkel absolvierte die Fragestunde routiniert.

Sehr enge Bindung

Dabei ist in Berlin ist bekannt, dass die Kanzlerin ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Mutter pflegte. Als Merkel im Februar mit der Ehrenbürgerwürde Templins ausgezeichnet wurde, war Herlind Kasner an ihrer Seite. Auch als ihre Tochter am 14. März 2018 zum vierten Mal zur Kanzlerin gewählt wurde, saß die stolze Mutter auf der Besuchertribüne des Bundestages.

Protestantisch, preußisch, Haltung wahrend. So ist die Kanzlerin, so waren die Eltern – der Vater war Pfarrer, die Mutter Lehrerin. „Es ist, wie es ist“, sagte Herlind Kasner am 28. Oktober 2009 sehr zurückgenommen auf die leidige Journalistenfrage, wie sie sich fühle. Dabei war ihre erfolgreiche Tochter (…) gerade zum zweiten Mal zur Kanzlerin gewählt worden. Dass Ehemann Joachim Sauer, ein Wissenschaftler, stets fernblieb, statt seiner Frau von der Ehrenloge aus zu applaudieren, fügt sich ins Bild.

Wie die anderen auch

Zuerst hatten das Magazin „SuperIllu" und die „Bild"-Zeitung über den Todesfall berichtet. Demnach soll Herlind Kasner schon Anfang April gestorben sein. Nach dieser Zeitangabe hatte Angela Merkel sogar mehr Zeit, sich vorzubereiten. Tatsache ist, dass sie beim Tode ihres Vaters Horst Kasner (damals 85) im September 2011 schon nach drei Tagen ihre Amtsgeschäfte wieder aufnahm - so wie jede Krankenschwester und jeder Dachdecker in diesem Land nach einem Trauerfall auch wieder an den Arbeitsplatz gehen muss.

Ein Beispiel von innerer Stärke und von Selbstdisziplin gab auch Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius. Der aus Osnabrück stammende SPD-Politiker verlor binnen weniger Tage Ehefrau und Mutter. Ehefrau Sabine (54) starb am 27. August 2015 an Krebs. Am 4. September 2015 folgte der Tod  seiner 1933 geborenen  Mutter, der früheren  SPD-Landtagsabgeordneten Ursula Pistorius. Auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszustroms nach Deutschland blieb Pistorius nur wenige Tage seinem Amt fern. Im schwarzen Anzug stand er im völlig überfüllten Aufnahmelager Friedland und beruhigte dessen aufgeregte Bewohner. Er sprach anderen Mut zu.

Ausgeprägte Disziplin zeigte  auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen: Bei einem Truppenbesuch im afghanischen Masar-i-Scharif erfuhr sie im Dezember 2014 vom Tod ihres Vaters Ernst Albrecht. Er war von 1976 bis 1990 Regierungschef in Niedersachsen. In einer Rede vor Soldaten im Camp Marmal (…) sagte von der Leyen damals, sie habe vom Tod ihres Vaters vor einer Stunde erfahren. Sie entschuldigte sich, dass sie deswegen nicht an der geplanten gemeinsamen Weihnachtsfeier teilnehmen könne. Später begrüßte sie die Soldaten dort aber doch – protestantisch, preußisch, Haltung wahrend.


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