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11.04.2019, 13:18 Uhr KOMMENTAR

Über Assange und die Schande des Westens

Ein Kommentar von Burkhard Ewert


Julian Assange ist nicht mehr in der Botschaft eingesperrt, nun aber in den Händen der britischen Justiz. Was aus ihm wird - unklar. Foto: Yui Mok/dpaJulian Assange ist nicht mehr in der Botschaft eingesperrt, nun aber in den Händen der britischen Justiz. Was aus ihm wird - unklar. Foto: Yui Mok/dpa

Osnabrück. Mutiger Aufklärer oder krimineller Verräter? Julian Assange gehört klar in die erste Kategorie. Jetzt hat er sein Asyl verloren. Für die Art des Umgangs mit ihm muss der Westen sich schämen. Ein Kommentar.

Tausende Dokumente über Vergehen des US-Militärs im Irak und in Afghanistan, über Kriegsverbrechen, Folter, Beschuss von Zivilisten und die Vorgänge in Guantanamo wären ohne Assanges Internetplattform Wikileaks im Dunkeln geblieben. Dutzende relevante Enthüllungen über finanzielle Verflechtungen und moralische Verwerflichkeiten von Politik bis Vatikan kamen hinzu.

Chelsea Manning nutzte das Netzwerk – das Video „Collateral Murder“ zeigt, wie US-Soldaten aus einem Hubschrauber heraus feixend Zivilisten im Irak erschießen. Es hat My-Lai-Charakter. Auch bei den Enthüllungen von Edward Snowden über illegale Spionagepraktiken der US-Geheimdienste im eigenen Land und der ganzen Welt spielte Wikileaks eine überragende Rolle.

Beide Akteure wurden verurteilt oder zur Flucht getrieben. Beide Beispiele machen deutlich, dass sich Wikileaks und ihre Betreiber um die Zivilgesellschaft und westlichen Werte verdient gemacht haben – übrigens auch deshalb, weil staatsnahe und saturierte US-Medien die Veröffentlichung kritischen Materials mehrfach scheuten.

Mit einer zweifelhaften Jagd durch die halbe Welt und ungezählte juristische Instanzen wurde auch Assange das Leben schwergemacht, bis – inzwischen verworfene – Vergewaltigungsvorwürfe in Schweden herhalten mussten, damit die Briten ihn ausliefern wollten. 

Sieben Jahre nach seiner Flucht wird Assange nun unter einem erneuten Vorwand der Justiz übergeben. Gut daran ist immerhin, dass das unwürdige Dasein in einem Botschaftstrakt ein Ende hat. Schlecht ist, dass offenkundig windige Absprachen im Hintergrund getroffen wurden und sich die drei beteiligten Staaten auf ein Verfahren zu Lasten Assanges geeinigt haben. 

Dabei hätte es auch im Interesse der USA gelegen, wenn sie dem Australier keine Bühne mehr geboten hätten. Stattdessen dringen sie rachsüchtig auf Auslieferung. Will Deutschland glaubwürdig bleiben, muss es sich vor Assange stellen. In der EU auf den gesetzlichen Schutz von Whistleblowern zu dringen, aber gleichzeitig einem Weltstar der Szene nicht zur Seite zu stehen, wäre unglaubwürdig und schäbig. 

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