Auftakt für Führungen Sie leben weiter: Ein Hausbesuch bei den Schmidts

Das Arbeitszimmer von Helmut Schmidt. Hinten geht es zu seinem Handarchiv und einem Konferenzraum. Eine weitere Tür führt in sein Schlafzimmer. Die Vitrine enthält zahllose Geschenke und Erinnerungsstücke. So auch ein Schachspiel, das Schmidt als Kriegsgefangener geschnitzt hatte. Foto: Daniel Reinhardt/dpaDas Arbeitszimmer von Helmut Schmidt. Hinten geht es zu seinem Handarchiv und einem Konferenzraum. Eine weitere Tür führt in sein Schlafzimmer. Die Vitrine enthält zahllose Geschenke und Erinnerungsstücke. So auch ein Schachspiel, das Schmidt als Kriegsgefangener geschnitzt hatte. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Hamburg. Draußen singen die Vögel. Drinnen sind die Besucher verstummt. Es ist Ehrfurcht, die sie schweigen lässt. Seit diesem Wochenende ist das private Wohnhaus von Helmut und Loki Schmidt in Hamburg-Langenhorn für Besichtigungen geöffnet.

Gesehen hat die Bilder wohl jeder schon mal. Das Wohnzimmer mit den persischen Teppichen und dem Flügel. Die „Halle“ mit zahlreichen Kunstwerken aus der Blütezeit der Bonner Republik. Den Flügel vor dem Panoramafenster, an dem Helmut Schmidt auch dann noch spielte, als er seine Plattensammlung bereits verschenkt hatte, weil er nicht mehr richtig hören konnte. 

Hier im Neubergerweg 80 im Hamburger Norden lebten der frühere Bundeskanzler und seine Frau seit den frühen 60er Jahren bis zu ihrem Tod. Jetzt empfangen sie wieder Besucher. „Es geht mir nicht um Helmut Schmidt allein“, sagt Helge Hansmann. Obwohl erst 39 Jahre alt, hält er die beiden Schmidts für Idole. „Sie waren zwei wahnsinnig beeindruckende Persönlichkeiten, auch Loki“, findet der Hamburger. Schmidt habe sein Bild eines standhaften Politikers geprägt, für den man nur den größten Respekt haben könne. Seinem Freund hat er die Karte geschenkt und selbst ebenfalls eine ergattern können. Das hieß früh aufzustehen und sich die Finger wundzuklicken, es immer und immer wieder zu versuchen. 

Hier lebten die Schmidts. Gut 20 Besucher pro Monat können das Haus jetzt besichtigen. Foto: Axel Heimken/dpa

Außer Hansmann versuchten Abertausende, an eine Karte für den ersten Öffnungstag zu gelangen. An einem Samstag ab neun Uhr war die Buchungsmöglichkeit freigeschaltet – bis zum Mittag brach der Server immer wieder zusammen, berichtet Ulfert Kaphengst, Abteilungsleiter der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Alle wollen ins Allerheiligste. 24 Interessierte durften das Haus am ersten Öffnungstag an diesem Wochenende betreten, 250 werden es bis zum Jahresende insgesamt gewesen sein. 

Fast finden sie den Andrang bei der Stiftung ein bisschen schade, denn ihre übrige Arbeit wie die Fotoausstellung zum 100. Geburtstag des Sozialdemokraten, die gegenwärtig in der Hamburger Innenstadt gezeigt wird, steht ein wenig im Schatten der neuen Möglichkeit, den Schreibtisch des Kanzlers nun auch mit eigenen Augen zu sehen, den Blick über seine Bücher gleiten zu lassen, sich vorzustellen, wie es sich auf dem Sofa gemütlich machte. 

Riecht noch nach Rauch

Weil die Stiftung hier nur wenige Besucher einlässt, verweist sie auf das Angebot eines virtuellen 360-Grad-Besuchs, bei dem „Zeit“-Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo durchs Haus führt. Er macht das ganz gut, und tatsächlich sind sogar Räume wie die mit maritimem Kitsch vollgestopfte Hausbar zu sehen, die beim echten Besuch verschlossen bleiben. Und doch: Man hört die Bienen nicht summen, wie sie den Kamelienbusch umschwirren, den Loki Schmidt aus eigenen Samen gezogen hat. Den Geruch in Schmidts Arbeitszimmer, wo Holz und Bücher einen Duft nach Tabak und Menthol konserviert haben, den riecht man nicht. 

"Ist das Kunst oder kann das weg?" Nicht alle Bilder und Andenken mögen den Betrachter überzeugen. Ihren Wert haben sie dennoch. Foto: Foto: Axel Heimken/dpa

Besichtigt werden nur Schmidts Arbeitsräume sowie Halle und Wohnzimmer. Neben Gemälden und Skulpturen finden sich überall Vitrinen mit Erinnerungsstücken. „Ist das Kunst, oder kann das weg?“, scherzt wenig sentimental Melanie von Bismarck beim Blick auf bronzene Kraniche und bunte Steine. Die promovierte Kunsthistorikerin teilt sich mit einer Kollegin die Führungen auf und weiß natürlich, dass hier im Haus für Schmidt-Fans alles seinen Wert hat - auch Lokis Gartenschere, die auf der Marmorbank neben dem Flügel liegt, dort, wo es nach draußen geht. Teil der Gruppen sind deshalb stets junge Männer, deren Blick den Besuchern gilt und nicht dem Haus, damit keiner beispielsweise einen der überall stehenden Aschenbecher als Reliquie mitgehen lässt.

Überhöhte Eltern?

Vermutlich hat Susanne Schmidt Recht, das einzige Kind des berühmten Paares. Ihre Eltern wurden „überhöht“, sagte sie neulich der „Bild“. Und das stimmt ja auch. Wer Helmut Schmidts letzte Bücher nüchtern betrachtet, der findet nicht viel mehr als die Erzählungen eines alten Mannes. Er berichtet von Treffen und längst verstorbenen Freunden, die ihn prägten, aber in der Gegenwart keine Rolle mehr spielten. Auch eine Besucherin aus Brunsbüttel, Schmidt-Verehrerin seit 40 Jahren, muss eingestehen: In der heutigen SPD würde sich „Schmidt Schnauze“ schwerlich noch wohl fühlen. Die Frau aus Schleswig-Holstein mein dennoch: 

„Er fehlt der SPD. Er fehlt Deutschland.“

Immer wieder gerühmt wird Schmidts materielle Bescheidenheit. Sie gab es wirklich. Doch wenn immer wieder von einer Doppelhaushälfte die Rede ist, in der er wohnte, so stimmt das nur zum Teil. Die andere Hälfte, in der früher seine Eltern lebten, haben die Schmidts später ebenfalls bewohnt und beide Gebäudeteile über die Jahre mit zahlreichen Anbauten versehen. 

Sie leben weiter

Neben einem Trakt für Garagen, Haus- und Sicherheitspersonal gehört auch das Nachbarhaus zum in Summe keineswegs kleinen Ensemble. Hier findet sich als neuester Anbau ein umfangreiches Archiv mit mehreren Arbeitsplätzen. Ein Professor forscht hier über Helmut Schmidt und seine Beziehung zum ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat. Verschiedene Biographen beider Schmidts sichteten hier ihr Material. Zu den 100. Geburtstagen von Loki und Helmut Schmidt gab es zahlreiche Anfragen zu Bildmaterial von Medien, für Buchpräsentationen, Veranstaltungen, Sonderbriefmarken. Autoren informierten sich über Helmut Schmidts Kunstbestände, zu denen viele Gemälde aus Worpswede und Fischerhude zählen und Werke von Käthe Kollwitz oder Kleinplastiken von Ernst Barlach. Andere Forscher wollten wissen, mit welchem Gepäck Loki Schmidt auf Reisen ging, wenn sie in aller Welt die Pflanzen studierte. 

Auch Schüler sind immer wieder hier: Ein Geschichtskurs erarbeitete eine Dauerausstellung, ein Deutschkurs analysierte seine politischen Reden. 

Wer das Haus der Schmidts besucht, hat keinen Zweifel: Sie leben weiter. In der Erinnerung, in der Bewunderung, in der Forschung - aber eben auch in der besonderen Atmosphäre des Hauses, das sie mehr als 50 Jahre lang bewohnten.

Helmut und Loki Schmidt auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2000. Foto: Ulrich Perrey/dpa



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