Landflucht und Überalterung Studie: Deutschland nur bedingt zukunftsfähig - Klüfte werden größer

Die Zahl der Über-64-Jährigen wird der Studie zufolge bis 2035 um 4,8 Millionen steigen.
Foto: Oliver Berg/dpaDie Zahl der Über-64-Jährigen wird der Studie zufolge bis 2035 um 4,8 Millionen steigen. Foto: Oliver Berg/dpa

Berlin. Die Zuwanderung und ein kleiner Baby-Boom haben die Vergreisung Deutschlands gebremst, aber nur vorübergehend. Bis 2035 werden "regionale Verwerfungen immer stärker zu Tage treten", warnt die Studie "Die demografische Lage der Nation", die das Berlin-Institut am Freitag in der Hauptstadt vorstellte.

Auf den ersten Blick hört es sich wie eine gute Nachricht an: In den kommenden 15 Jahren schrumpft die Gesellschaft nicht. Je genauer man hinschaut - und das Berlin-Institut hat Projektionen für alle 401 deutschen Kreise erstellt - desto zerklüfteter wird das Bild. 

Vor allem dem Osten "gehen die Menschen aus", obwohl die Abwanderung in den Westen gestoppt sei, so Co-Autor Reiner Klingholz. In Sachsen-Anhalt wird mit einem Minus von 16 Prozent bis 2035 gerechnet, in mehreren Orten zwischen Oder und Neiße kämen auf eine Geburt schon jetzt vier Todesfälle. Dass in manchen Gebieten wegen der hochgeschnellten Kinderzahl nach der Wende geschlossene Kitas wieder öffnen müssten, sei nicht mehr als "ein Zwischenhoch".

Aber auch im Ruhrgebiet, dem "neuen Armenhaus", im Saarland und vielen ländlichen Gebieten in Niedersachsen sowie an den Küsten wird sich der Einwohnerschwund beschleunigen, erwarten die Forscher. Laut Berlin-Institut-Experte Manuel Slupina ist das Muster klar: "Je abgelegener die Gegend, je schneller wandern die Menschen ab."

Auch fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung bleibt die Bundesrepublik also ein "geteiltes Land", allerdings nicht entlang der früheren innerdeutschen Grenze: Neben der Zerrissenheit zwischen Ost und West werden auch die Rifts zwischen Nord und Süd und zwischen Stadt und Land dramatischer.

Die Dynamik von Landflucht und Städtewachstum zeigt sich besonders drastisch im Osten: Mit Dresden hat sich eine ostdeutsche Stadt in die Top-20 vorgearbeitete, auch Leipzig ist ein Magnet für jüngere Leute, und Berlin verzeichnet das stärkste Wachstum.

Um die "Zukunftsfähigkeit" von Regionen und Städten zu ermitteln, hat das Berlin-Institut zum vierten Mal einen Index erstellt, in dem neben der Demografie auch wirtschaftliche Faktoren, Bildung oder Familienfreundlichkeit berücksichtigt werden. Dabei bestätigt sich das Nord-Süd-Gefälle: Die 20 "fittesten" Kreise liegen - außer Dresden - alle in Bayern oder Baden-Württemberg. Unter den 20 Kreisen am unteren Ende der Skala liegen auch vier aus Niedersachsen, Schlusslicht ist die NRW-Stadt Gelsenkirchen.

Die Forscher wollen mit ihrem Lagebericht auch die Politik aufrütteln und warten mit unbequemen Einsichten auf: Die im Koalitionsvertrag angestrebte Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in ganz Deutschland sei zwar "ein hehres Ziel, aber nicht zu schaffen", sagte Klingholz. Es mache keinen Sinn, mit der Gießkanne zu fördern und Geld in Gebiete zu stecken, in denen es wegen des absehbaren Bevölkerungsschwundes versickern werde.

Dort gelte es vielmehr, die Entwicklung "zu akzeptieren" und die Versorgung der verbleibenden Menschen sicherzustellen: Etwa durch den Abbau von Hürden, damit Schulen nicht geschlossen werden, auch wenn die Schülerzahl sinkt, und durch die Stärkung des gesellschaftlichen Engagements. In ostdeutschen Regionen müssten die Menschen "Ausländer rein" auf ihre Plakate schreiben, sagte Klingholz, denn dort werde mehr Zuwanderung dringend benötigt. Und ohne eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die stetig wachsende Lebenserwartung könnten die Sozialsysteme nicht Demografie-sicher gemacht werden.


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