Interview Digitalexpertin Klinger sieht AfD bei Nutzung sozialer Netzwerke im Europawahlkampf vorn

Ulrike Krüger Professorin für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Digitale Kommunikation an der Freien Universität Berlin. Foto:Jan Kopankiewicz/FU BerlinUlrike Krüger Professorin für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Digitale Kommunikation an der Freien Universität Berlin. Foto:Jan Kopankiewicz/FU Berlin
Jan Kopankiewicz

Osnabrück. Die Parteien setzen im Europawahlkampf auf soziale Netzwerke wie nie zuvor. Dabei verstehe es die AfD bisher sehr viel besser als die anderen Parteien, die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke für sich zu nutzen, sagt Ulrike Klinger, Expertin für digitale Kommunikation an der FU Berlin.

Frau Klinger, ist es eine Illusion, zu glauben, man könne junge Menschen über soziale Netzwerke im Europawahlkampf zur Stimmabgabe animieren und so die Wahlbeteiligung erhöhen?
Natürlich kann man und sollten man die jüngeren Altersgruppen und gerade die Erstwähler besonders ansprechen und motivieren, zur Wahl zu gehen. Social Media sind ein guter Kanal dafür. Laut dem Reuters Digital News Report sind Social Media für rund 20 Prozent der 18-24-Jährigen Internetznutzer in Deutschland die Hauptnachrichtenquelle. Es wäre eine verschenkte Gelegenheit, hier nicht aktiv zu sein. 

Zur Person

Ulrike Klinger
Dr. Ulrike Klinger ist Professorin für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Digitale Kommunikation an der Freien Universität Berlin. Zudem leitet sie die Forschergruppe "Nachrichten, Kampagnen und die Rationalität öffentlicher Diskurse“ am Weizenbaum Institut für die vernetzte Gesellschaft. So befasst sich Klinger mit Schlüsselbegriffen digitaler Öffentlichkeit und Kampagnen im digitalen Zeitalter im weltweiten Vergleich.


Kann Social Media den Wahlkampf in der Fußgängerzone mit Ballons, Kugelschreibern und Blümchen ersetzen?
Ersetzen nicht, aber sinnvoll ergänzen. Gerade auch die Möglichkeit über Facebook und andere Plattformen Wahlwerbung zu verbreiten ist sehr attraktiv für Parteien. Denn so kann man sehr viel granularer (zielgenauer; d. Red.) einzelne Zielgruppen ansprechen, als über Plakate oder Stände in den Fußgängerzonen. 

Wird die Nutzung von Social Media vor allem populistischen Parteien nutzen oder können die etablierten Parteien dem etwas entgegensetzen?
Die AfD versteht es bisher sehr viel besser als die anderen Partien, die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke für sich zu nutzen. Sie hat nicht nur viel mehr „Freunde“ auf Facebook als alle anderen Parteien, sondern mobilisiert dort auch ein Vielfaches ihrer Mitglieder, während es etwa die SPD nicht einmal schafft, die Hälfte ihrer Mitglieder auf Facebook einzubinden. Es gibt mittlerweile eine hervorragend vernetzte rechte Gegenöffentlichkeit, die über Social Media, Blogs, Webseiten und hyperaktive Einzelaktivisten sehr erfolgreich mobilisiert und Diskurse besetzt. Das sehe ich bei den anderen Parteien nicht, da ist noch viel Potential, das ungenutzt bleibt. 

Ist der Einsatz sozialer Netzwerke in der Politik bald ausgereizt?
Social Media sind mittlerweile ein fester Bestandteil der politischen Kommunikation in Deutschland, sowohl in Wahlkämpfen als auch in Desinformationskampagnen. Sie ermöglichen neue soziale Bewegungen, die es ohne sie gar nicht gebe, wie Pulse of Europe, aber auch Pegida. Was in den nächsten Jahren sicher noch wichtiger werden wird in Wahlkämpfen, sind die Messenger Dienste wie WhatsApp. Ein Problem ist, dass die Unternehmen hinter den Plattformen den Zugang zu Daten immer restriktiver gestalten, so dass die Wissenschaft immer weniger in der Lage ist, die Dynamiken von Wahlkämpfen und anderen öffentlichen Kampagnen zu beobachten und zu analysieren. Da muss sich etwas ändern. 


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