Präsidentin Krautzberger zum Tag des Wassers Umweltbundesamt: Es steht schlecht um Deutschlands Gewässer

Um die Gewässer in Deutschland steht es aus ökologischer Sicht schlecht. Foto: Paul Zinken/dpaUm die Gewässer in Deutschland steht es aus ökologischer Sicht schlecht. Foto: Paul Zinken/dpa

Osnabrück. Das Umweltbundesamt zeigt sich besorgt angesichts des Zustandes der Gewässer in Deutschlands. Behördenchefin Maria Krautzberger sagt im Interview: „Zum Tag des Wassers muss man leider feststellen, dass es um die Gewässer nicht gut steht." Auch zum Thema Nitrat im Grundwasser äußert sie sich.

Frau Krautzberger, in Ihrer Behörde laufen die Messdaten zum Zustand der Gewässer in Deutschland zusammen. Wie steht es um Flüsse, Bäche und Seen im Land?

Zum Tag des Wassers muss man leider feststellen, dass es um die Gewässer nicht gut steht. Nur sieben Prozent der Flüsse und Bäche befinden sich in einem guten ökologischen Zustand, bei Seen nur 26 Prozent. Das ist insgesamt ein schlechtes Ergebnis. In Norddeutschland fallen die Ergebnisse besonders schlecht aus. Das hängt mit der intensiven Nutzung der Böden beispielsweise durch die Landwirtschaft zusammen.

Was bedeutet diese Zustandsbeschreibung?  

Beim ökologischen Zustand geht es darum, wie es um Fische im Gewässer steht, welche Pflanzen im und um das Gewässer wachsen - also die Artenvielfalt. Viele Gewässer sind mittlerweile sehr weit davon entfernt, dass man sie noch natürlich nennen könnte. Wann sieht man in Deutschland noch einen Fluss, der nicht begradigt ist und eine natürliche Ufervegetation hat?

Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes. Foto: Bernd Von Jutrczenka/dpa


Diskutiert wird vor allem über den chemischen Zustand.  

Hier gilt mit Blick auf die jüngsten Daten aus dem Jahr 2016: Der chemische Zustand der Flüsse und Bäche ist nirgendwo gut, sie geben ein ziemlich trauriges Bild ab. Die Nährstoffbelastung der Gewässer zählt zu den größten ökologischen Problemen, die Deutschland hat. Die EU-Wasserrahmenrichtlinie macht uns Vorgaben. Aber wir erreichen vielfach die Ziele nicht, die wir uns gesetzt haben. Unser Ziel ist es, die Gewässer in einen guten Zustand zu bringen. Davon sind wir noch weit entfernt.

So viel zum Wasser oberhalb der Erde. Wie steht es ums Grundwasser? Stichwort: Nitrat.

Die Bewertung des chemischen Zustands des Grundwassers aus dem Jahr 2015 nach den Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie zeigt: 418 der 1200 Grundwasserkörper in Deutschland sind in einem schlechten Zustand. Das sind fast 35 Prozent. Der Großteil dieser Grundwasserkörper, nämlich 325, hält die Qualitätsnorm für Nitrat in Höhe von 50 mg/l nicht ein. Der Verursacher ist hier im Wesentlichen die Landwirtschaft. In Sachen Pflanzenschutzmittel-Rückstände fallen 2,7 Prozent negativ auf. Was uns Sorgen macht: Es ist bislang ja gar nicht alles im Grundwasser angekommen, was noch in den Böden ist. Bis diese Altlasten unten ankommen, dauert das eine gewisse Zeit.

Es gibt massive Kritik seitens der Landwirtschaft an Ihren Messergebnissen, weil Sie nur dort messen, wo die Werte erwartbar schlecht sind.

Die Kritik kennen wir. Ja, wir messen dort, wo besondere Belastungen zu erwarten sind oder sie tatsächlich hoch sind. Da werden wir auch weiter messen. Wir müssen eben in den belasteten Regionen wissen, ob sich die Situation dort verbessert.

Aber repräsentativ ist das nicht. Und auf Basis dieser Daten ist Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof verurteilt worden…

Es ist so repräsentativ, wie die EU es fordert. Die Länder betreiben es entsprechend der Regeln seit 20 Jahren. Die EU-Nitratrichtlinie fordert, dass wir dort messen, wo die Belastung vermutlich hoch ist. Genau das machen wir.

Deutschland hat die Düngeverordnung verschärft, um das Grundwasser besser zu schützen. Gibt es schon messbare Effekte?

Nein. Das wird noch einige Jahre dauern. Wir gingen aber ohnehin davon aus, dass die Reform nicht den durchschlagenden Erfolg bringen wird. Die Düngeverordnung wird deswegen jetzt noch einmal nachgebessert. Aber auch dann wird es dauern, bis wir Effekte sehen.

Hätte man nicht auch erst einmal abwarten können, ob die Reform wirkt, bevor man die Reform noch einmal reformiert?

Die EU-Kommission hat uns verklagt und wir befürchten, dass die ursprüngliche Nachbesserung nicht reicht, um die Klage abzuwenden. Es ist absolut notwendig, dass nachgebessert wird.

Ist es überhaupt möglich, den Grundwasserzustand zu verbessern, ohne dass man die Zahl der Nitrat-Produzenten, also der Nutztiere, reduziert?

Nicht flächendeckend, aber gerade in Nordwestdeutschland ist die Grundwasserbelastung ein agrarstrukturelles Problem. Da ist mit dem intensiven Ausbau der Tierhaltung der falsche Weg eingeschlagen worden - aus Umweltsicht. Wir müssen also auch über die Zahl der Tiere reden, die in einer Region gehalten werden. Weniger Tiere bedeutet weniger Gülle und damit weniger Nitrat.

Vergangenen Sommer wurde aufgrund der langanhaltenden Trockenheit mancherorts das Wasser knapp. Müssen wir beim Wasser mehr sparen als bisher?

Wir haben in Deutschland kein grundsätzliches Wasser-Problem. Aber: Unser persönlicher Wasserverbrauch durch den Konsum von Produkten – von der Tomate bis zum Auto – ist weitaus höher, als das, was aus unserem Wasserhahn oder dem Duschkopf kommt. Direkt verbrauchen Deutsche im Schnitt pro Kopf und Tag 121 Liter Wasser. Wir importieren aber quasi auch Wasser – über Produkte, die zur Erzeugung Wasser benötigen. Faktisch liegt unser Wasserfußabdruck pro Kopf und Tag bei 7700 Litern. Und wenn dieses importierte Wasser aus Regionen kommt, in denen es knapp ist, sollte uns das zu denken geben.

Und was sind die Lehren aus dem letzten Sommer?

Der Dürresommer 2018 hat gezeigt, dass wir an Grenzen kommen. Wenn in einigen Regionen 27 Prozent der Grundwasserkörper zu hohe Nitratwerte aufweisen, stellt das Wasserversorger in Dürreperioden vor Probleme. 2018 konnten die Versorger das vielleicht noch ausgleichen, in dem Wasser aus anderen Brunnen gezogen wurde. Es ist abzusehen, dass es Regionen in Deutschland geben wird, in denen Wasserversorger die Versorgung nicht mehr ganzjährig sicherstellen werden können. Das Wasser muss dann von weit hergeholt werden - und das kostet.

Auf europäischer Ebene macht man sich derzeit Gedanken, wie Wasser besser wiedergenutzt werden könnte. Beispielsweise, indem Wasser aus Kläranlagen für die Bewässerung in der Landwirtschaft eingesetzt wird.

Das wird in Teilen Europas bereits praktiziert und als Lösung bei Trockenheit angepriesen. Wir sehen das sehr kritisch. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Wasser aus Kläranlagen immer noch potenzielle Umwelt- und Gesundheitsrisiken mit sich bringt. Selbst die derzeit in Deutschland gültigen drei Filterstufen in Kläranlagen reichen nicht aus, alle sogenannten Spurenstoffe herauszufiltern. Das betrifft Pflanzenschutzmittel, Medikamente und andere Chemikalien.

Moment, das heißt, die Bio-Tomate aus Südeuropa könnte künftig auch mit diesen Spurenstoffen belastet sein?

Davon ist zumindest nicht gänzlich auszuschließen. Auch deswegen, weil es in den trockenen Regionen Europas Flüsse gibt, die in Dürreperioden einen sehr hohen Anteil an Abwasser aus Kläranlagen mit sich führen. Da findet kaum noch Verdünnung statt. Das landet dann im Zweifelsfall mit der Bewässerung auf dem Acker. Daher sollten wir in der EU gemeinsam genau hinschauen, inwieweit und unter welchen Regeln wir die Wiederverwendung erlauben.


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