Vom Entwicklungsland zur Handelsnation? Wie Ghana mit deutscher Hilfe den Schritt in die Selbstständigkeit schafft

Juliana Ashong (Mitte) versuchte vor vielen Jahren ihr Glück in Deutschland. Durch die Unterstützung des Bundesministeriums für Entwickung unter der Leitung von Minister Gerd Müller (links), hat sie schließlich in ihrer Heimat Ghana einen Neuanfang gestartet. Foto: Kristina MüllerJuliana Ashong (Mitte) versuchte vor vielen Jahren ihr Glück in Deutschland. Durch die Unterstützung des Bundesministeriums für Entwickung unter der Leitung von Minister Gerd Müller (links), hat sie schließlich in ihrer Heimat Ghana einen Neuanfang gestartet. Foto: Kristina Müller
Kristina Müller

Accra. Jedes Jahr stellt das Bundesministerium für Entwicklung Millionen an Geldern für afrikanische Länder wie Ghana bereit. Dabei geht die Entwicklungshilfe weit über finanzielle Unterstützung hinaus.

Mit 45 Jahren machte sich Juliana Ashong auf nach Deutschland. Sie wollte Geld verdienen, um ihren drei Kindern zuhause in Ghana ein gutes Leben bieten zu können. Denn weil ihr Mann starb, musste sie ihre Kinder plötzlich alleine versorgen. Also reiste sie 2010 nach Deutschland. "Ich bin aber nicht nach Deutschland gekommen, um dort zu bleiben. Sondern ich bin dorthin gekommen, um Geld zu verdienen, weil es hier hart ist", sagt sie heute.

Doch so rosig, wie sie es sich vorgestellt hatte, lief es für sie ganz und gar nicht: "Es war schwer für mich, einen Job zu finden." Acht Jahre lang versuchte sie – erfolglos – sich in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Doch sie wollte nicht mehr auf staatliche Hilfe angewiesen sein, also kehrte Ashong vergangenes Jahr wieder zurück in ihre Heimat. Dort bat sie zunächst ihren Sozialarbeiter um Hilfe: "Ich stand vor dem Nichts", erinnert sie sich. Er vermittelte sie schließlich an das Deutsch-Ghanaische Zentrum für Jobs, Migration und Reintegration (MIAC) in Ghanas Hauptstadt Accra.

Sie absolvierte Grundkurse für Unternehmensführung und Finanzwesen, erhielt Hilfe bei der Erstellung eines Business-Plans und auch das nötige Equipment, wie einen Gas-Ofen, Töpfe, Pfannen und andere Küchen-Utensilien, Tische sowie Stühle, um schließlich ihr eigenes Restaurant zu eröffnen.

Arbeitsagentur nach deutschem Vorbild

Durchschnittlich etwa 20 Ghanaer werden im MIAC pro Tag in Arbeit vermittelt, weitergeschult oder in die Existenzgründung geführt. Das Zentrum bietet damit eine Alternative zum örtlichen Arbeitsamt. Denn das bietet mangels Angeboten kaum eine Perspektive für arbeitslose Ghanaer. Eine zentrale Datenbank für offene Stellen, wie man sie aus Deutschland kennt, gibt es dort nicht.

Das Angebot des MIAC reicht von Bewerbungstraining bis hin zu Unterstützung für den Schritt in die Selbstständigkeit. Foto: Kristina Müller

Hier setzt das MIAC an: Nach deutschem Vorbild soll daraus eine landesweite Arbeitsagentur werden, die sich mit den regionalen Jobcentern vernetzt. Damit sollen zwar auch Rückkehrer dauerhaft in den Arbeitsmarkt wieder eingegliedert werden, gleichzeitig beugt diese Arbeitsagentur durch Jobvermittlung einer irregulären Migration vor und schafft dauerhafte Bleibe-Perspektiven im eigenen Land. So zumindest der Plan von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller.

"Afrika-Politik ist nicht mehr Entwicklungshilfe im eigentlichen Sinne", erklärte er bei einer Handlungsreise in die Hauptstadt des Landes. "Ghana ist ein Reformchampion und wir haben den Ehrgeiz, auch auf dem afrikanischen Kontinent zu zeigen, dass es geht, nämlich in Richtung Korruptionsabbau, gute Regierungsführung, Demokratie und Stabilität."

Mehr als nur humanitäre Hilfe

Tatsächlich hat sich das Land in den letzten zwei Jahren Jahren seit dem Amtsantritt von Präsident Nana Addo Dankwa Akufo-Addo deutlich gewandelt: Inflation und Staatsverschuldung wurden halbiert, die Handelszahlen stiegen alleine im vergangenen Jahr von 450 auf 600 Millionen. Fünf der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften liegen in Afrika und Ghana ist eine von ihnen. Obwohl aber Korruption weiterhin ein großes Problem darstellt, scheint die aktiven Korruptionsbekämpfung dennoch ein positives Signal zu sein.

Bei seiner Handlungsreise in Ghana hat sich Entwicklungsminister Gerd Müller auch mit Ghanas Präsident Nana Addo Dankwa Akufo-Addo getroffen. Foto: Kristina Müller

Gerade wegen der politischen Stabilität und der hohen Rechtssicherheit sieht das BMZ Ghana als ein gutes Einstiegsland und konzentriert sich daher mit seinem Marshallplan auf dieses und fünf weitere afrikanische Länder. „Es geht nicht mehr um ‚Der reiche Bruder hilft einem armen Land‘, sondern wir nehmen teil an einem Wachstumsschub in Ghana und in anderen afrikanischen Ländern und überlassen die Märkte nicht Chinesen, Russen und anderen Investoren“, erklärt Müller. Ziel sei es, nicht mehr nur humanitäre Hilfe zu bieten, sondern in den Reformländern die eigenen Entwicklungskräfte zu stärken. Dafür beläuft sich die Gesamtzusage des BMZ seit 2015 alleine für Ghana auf über 387 Millionen Euro.

Deutsche Investitionen gefördert

Damit hört die Förderung aber noch nicht auf: Mit einem neuen Entwicklungsinvestitionsfonds von bis zu einer Milliarde Euro in drei Jahren sollen kleine und mittlere deutsche sowie lokale Unternehmen gefördert und damit auch mehr private Investitionen – besonders in der Rohstoffindustrie – angestoßen werden.

Dass das funktioniert, zeigt beispielsweise die Textilfabrik Dignity DTRT Apparel in Ghanas Landeshauptstadt Accra. 1500 Mitarbeiter beschäftigt diese zu vergleichsweise guten Konditionen: Sie erhalten mehr als den örtlichen gesetzlichen Mindestlohn, sind krankenversichert und haben einen gesicherten Arbeitsplatz. Kinderarbeit wird nicht geduldet.

Von Hand wird in der Textilfabrik Dignity DTRT Apparel jedes einzelne T-Shirt – unter fairen Bedingungen – zusammengenäht. Foto: Kristina Müller

Die Rohstoffe werden nicht importiert, sondern aus dem eigenen Land bezogen. Das Ziel ist aber, den Export weiter voran zu treiben, denn in dieser Hinsicht steckt die ghanaische Textilindustrie noch in den Kinderschuhen – und steht in Konkurrenz zu günstigen chinesischen Importen. „Handel ist der Schlüssel für Entwicklung, das predige ich schon seit fünf Jahren – aber nicht freier, sondern fairer Handel“, betont Müller. Dafür leistete das BMZ zwar einen Beitrag von 2,15 Millionen Euro, doch beteiligt sind neben einem ghanaisch-niederländischem und einem britischen auch die deutschen Unternehmen Groz-Beckert und Gerber. 

Auch in der Cashew-Produktion scheint es Interesse an Investitionen aus Deutschland zu geben. Alleine dort sind in den vergangenen fünf Jahren 400.000 Arbeitsplätze entstanden, noch einmal so viele sind bis 2030 geplant. In Westafrikas größter Cashewnuss verarbeitenden Fabrik Usibras Ghana Limited verarbeiten bei Vollauslastung bis zu 2000 Mitarbeiter täglich zehntausende Kilo. Die gesamte Wertschöpfung findet dort vor Ort statt. Dadurch erhalten die Cashewnuss-Bauern, die nach Fair-Trade-Standard zertifiziert sind, etwa 18 Prozent des Endpreises. Um diesen Anteil auf mindestens 20 Prozent zu steigern, will Usibras die Wertschöpfungskette noch weiter verkürzen. 

Die Cashewnüsse, die hier per Hand aufbereitet werden, werden unter anderem von der deutschen Intersnack Group in Europa vertrieben. Foto: Kristina Müller

Frucht für Frucht wird geschält, getrocknet, die Nuss geknackt und per Hand sortiert. Vieles läuft dabei bereits maschinell ab. "Abfälle" entstehen jedoch nicht – denn alles wird vollständig weiterverarbeitet. Aus dem Fruchtfleisch, das an eine Mischung aus Apfel und Quitte erinnert, wird Saft, Wein oder Marmelade gewonnen, die Nussschalen zur Energiegewinnung genutzt.

Die Fabrik ist Teil der Initative ComCashew des BMZ. Partner dieses Vorhabens ist unter anderem die deutsche Intersnack Group, zu denen Marken wie Funnyfrisch, Chio und Ültje gehören. Aber auch Einzelhändler wie Lidl, Edeka und Rewe haben laut Minister Müller bereits Interesse bekundet. "Ghana ist exemplarisch ein Land, wo der Funke offensichtlich übergesprungen ist", sagt er. Ein gutes Zeichen für seinen Plan: Das Land innerhalb der nächsten fünf Jahre zum Selbstversorger und Exporteur zu entwickeln.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN