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Streit um US-Botschafter Wie US-Botschafter Grenell das politische Berlin auf die Palme bringt

Ein Cowboy in Berlin: US-Botschafter Richard Grenell besucht Anfang März die Tourismus-Börse. Als Diplomat macht er immer wieder Schlagzeilen. Foto: Stefan Zeitz/ImagoEin Cowboy in Berlin: US-Botschafter Richard Grenell besucht Anfang März die Tourismus-Börse. Als Diplomat macht er immer wieder Schlagzeilen. Foto: Stefan Zeitz/Imago
stefan zeitz

Osnabrück. Knapp ein Jahr ist US-Botschafter Richard Grenell in Berlin im Amt. Regelmäßig bringt der verlängerte Arm von US-Präsident Donald Trump den Berliner Politikbetrieb in Wallung. Muss man ihn deshalb ausweisen?

Kaum war Richard Grenell im Amt, setzte der Ex-SPD-Vorsitzende Martin Schulz auch schon auf die baldige Ablösung des US-Botschafters. „Was dieser Mann macht, ist einmalig in der internationalen Diplomatie“, wetterte Schulz. Im Gespräch mit der ultrarechten Plattform „Breitbart“ hatte Grenell angekündigt, Europas Konservative stärken zu wollen – und so im politischen Berlin für Empörung gesorgt. Anstatt politische Neutralität gegenüber dem Gastland zu pflegen, schimpfte Schulz, agiere Grenell wie der Vertreter einer politischen Bewegung.

Tatsächlich ließe sich die Bewegung, für die Grenell einsteht, mit fünf Buchstaben abkürzen: T R U M P. In wenige Wochen wird der 51-jährige Grenell ein Jahr als Statthalter von Präsident Donald Trump in Berlin im Amt sein. Aus der von Schulz herbeigesehnten baldigen Ablösung wurde also nichts.

Stattdessen legte Grenell immer noch eine Schippe drauf, so zum Beispiel mit der nachdrücklichen Forderung, die deutsche Wirtschaft solle sich aus Geschäften mit dem Iran zurückziehen – die unterschwellige Botschaft: Ansonsten könnt ihr die Geschäfte in den USA vergessen. 

Ähnliches dann im Januar: Weil Washington den Bau der der Nord-Stream-II-Pipeline für russisches Gas durch die Ostsee ablehnt, verschickte der US-Botschafter Briefe an deutsche Firmen mit der Warnung, sich an dem Projekt zu beteiligen. Und auch, dass sich Deutschland anders als Frankreich nicht an einem Luftschlag gegen das Assad-Regime beteiligte, veranlasste den Botschafter seinerzeit zu einem ordentlichen Seitenhieb. 

„Grenell führt nicht unbedingt das diplomatische Florett sondern nutzt eher die Streitaxt“, heißt es im Hause von Außenminister Heiko Mass (SPD). Er pflege eine klare Sprache; man wisse dann aber auch, woran man sei. Kritiker halten Grenells Einmischungen vor allem für eins: freche, sich nicht ziemende Verstöße gegen die diplomatische Etikette.

Mit Grenells jüngster Kritik an den Etatplänen der Bundesregierung wurde es einem nun endgültig zu bunt: FDP-Vize Wolfgang Kubicki forderte Außenminister Mass auf, den US-Botschafter zur Persona non grata zu erklären. Grenell benehme sich wie der Vertreter einer „Besatzungsmacht“. Der Linken-Politiker Gregor Gysi pflichtete dem Vorstoß gegenüber unserer Redaktion bei: „Diplomatische Beziehungen haben mit gegenseitigem Respekt und nicht mit Bevormundung zu tun. Vielleicht schicken die USA danach einen Botschafter. mit dem man deutlich besser reden und verhandeln kann. Außenminister Maas sollte Mumm zeigen“.

Grenell hatte kritisiert, Deutschland entferne sich mit der Finanzplanung für 2020 vom Nato-Ziel, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben. Das sei „besorgniserregend“. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Carsten Schneider, bezeichnete Grenell als „diplomatischen Totalausfall“. Zu mehr Gelassenheit riet der außenpolitische Sprecher der Grünen.

Die Forderung nach einer Ausweisung des US-Botschafters sei „schlicht Käse“, sagte Omid Nouripour unserer Redaktion. Es gebe viele Gründe für Kritik an dem US-Spitzendiplomaten in Berlin. „Aber der US-Botschafter ist qua Amt die Schnittstelle der politischen Kommunikation mit den USA. Diese Kommunikation ist in Zeiten von Trump so notwendig wie nie zuvor“, bekräftigte Nouripour .

„Stärker nach dem Krebs mein Hund bestimmt mein Leben, nichtperfekter Anhänger von Christus“ – so beschreibt sich Grenell auf seinem Twitter-Account. Cool mit Sonnenbrille in die Kamera lächelnd. Auf der Tourismusbörse zeigt er sich scherzend mit Cowboyhut. Als mit seinem Partner offen schwul lebender Mann posiert er mit bunten Vögeln auf der CSD-Parade. Grenell leidet nicht unter mangelndem Selbstbewusstsein. Darin gleicht er seinem Dienstherrn im Weißen Haus, dem er in Loyalität tief verbunden ist.

Grenell hat über Jahre diplomatische Erfahrung bei den Vereinten Nationen gesammelt; das unterscheidet ihn von vielen anderen US-Diplomaten, die oft Quereinsteiger aus der Wirtschaft waren. Grundsätzlich versteht er also das Geschäft. Gleichwohl hat er im ersten Jahr als Botschafter in Berlin nicht den richtigen Ton getroffen – oder nicht treffen wollen.  


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