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Zwei Verdächtige wieder frei Anschlag mit drei Toten in Utrecht – Polizei nimmt weiteren Mann fest

Von Christian Ströhl, dpa, afp und lod

Blumen für die Opfer. Noch immer ist nicht klar, warum sie erschossen wurden.Blumen für die Opfer. Noch immer ist nicht klar, warum sie erschossen wurden. 

Utrecht. Am Tag nach den Schüssen von Utrecht geht die Suche nach dem Motiv weiter. Neue Hinweise deuten auf ein terroristisches Motiv. Die Polizei nahm unterdessen einen weiteren Verdächtigen fest.

Im Zusammenhang mit den tödlichen Schüssen in Utrecht hat die niederländische Polizei einen weiteren Verdächtigen festgenommen. Es handele sich um einen 40-jährigen Mann aus Utrecht, teilte die Staatsanwaltschaft am Dienstagabend mit. Der Mann sei bereits am Nachmittag von einer Spezialeinheit der Polizei festgenommen worden. Einzelheiten zu dem Verdacht gegen den Mann nannte die Staatsanwaltschaft nicht.

Als Hauptverdächtiger gilt der 37 Jahre alte Gökmen Tanis, der am Montagabend nach stundenlanger Fahndung festgenommen worden war. Er soll am Montag in einer Straßenbahn drei Menschen erschossen und drei weitere Personen schwer verletzt haben. Die Polizei schließt nicht aus, dass es ein terroristisches Motiv für die Tat gab.

Die Polizei schließt nicht aus, dass es ein terroristisches Motiv für die Tat gab. Dafür spreche unter anderem ein im Fluchtwagen gefundener Brief, teilte die Polizei am Dienstag mit. Auch die Art der Tatausführung deute in diese Richtung. Andere Motive würden aber nicht ausgeschlossen. Türkische Medien hatten am Vortag Verwandte von Tanis zitiert, die von einem möglichen Familienstreit als Motiv berichteten.

Keine Beziehung zu den drei Todesopfern

Die niederländische Polizei und Staatsanwaltschaft erklärten dazu, sie hätten "keinerlei Verbindungen" zwischen dem Hauptverdächtigen und seinen Opfern gefunden. Bei ihnen handelt es sich um eine 19-jährige Frau und zwei Männer im Alter von 28 und 49 Jahren. Alle drei stammen aus der Provinz Utrecht.

Außer dem Hauptverdächtigen hatte die Polizei am Montag noch zwei andere Männer festgenommen. Sie sind 23 und 27 Jahre alt und stammen ebenfalls aus Utrecht. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurden sie inzwischen aus der Haft entlassen. Sie seien nicht länger tatverdächtig.

Sieben Menschen verletzt, drei davon schwer

Die Ermittler aktualisierten außerdem die Angaben zu den Opfern. Demnach wurden sieben Menschen bei der Tat verletzt, drei von ihnen schwer: eine 20 Jahre alte Frau aus Utrecht, ein 74 Jahre alter Mann aus dem Ort De Meern und eine 21 Jahre alte Frau aus Nieuwegein. Vier Menschen wurden leicht verletzt, indem sie zum Beispiel in der Hektik unmittelbar nach der Tat stürzten.

Von Zeugen gab es unterschiedliche Hinweise zu der Tat. Augenzeuge Daan Molenaar erklärte im NOS Radio, nach seinem Eindruck habe es der Täter gezielt auf eine Frau abgesehen gehabt. Andere Zeugen wollen dagegen gehört haben, dass vier Männer "Allahu Akbar" (Gott ist groß) bei der Tat in der Straßenbahn gerufen hätten, wie die Amsterdamer Zeitung "Het Parrol" berichtete. Eine Sprecherin der Polizei Utrecht sagte dazu der Deutschen Presse-Agentur: "Das können wir nicht bestätigen."

Verdächtiger seit langem polizeibekannt

Der Hauptverdächtige ist polizeibekannt. "Wir wissen relativ viel über ihn", sagte Jeuken vom Innenministerium. Der mutmaßliche Täter hat nach Medienberichten ein langes Vorstrafenregister, im Dezember 2013 wurde er wegen versuchten Mords verurteilt, vor zwei Wochen begann eine Verhandlung wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs. Darüber hinaus wurde er wegen Ladendiebstahls, Sachbeschädigung und Beleidigung vor Gericht gestellt. Im Zusammenhang mit der Tat wurde nach Angaben der Polizei ein zweiter Verdächtiger festgenommen. Es sei aber unklar, inwieweit er beteiligt gewesen sei. Der Vorwurf laute auf Verdacht des Totschlags mit einem terroristischen Motiv.

Die Polizeiakte von Gökmen Tanis

Der 37-Jährige ist mit der Polizei in der Vergangenheit wegen zahlreicher Delikte in Konflikt geraten. Der niederländische Rundfunk NOS berichtete am Montag, der 37-jährige Gökmen Tanis habe ein langes Vorstrafenregister. Ihm werden dem Bericht zufolge verschiedene Verbrechen zur Last gelegt:
  • 2012: Einbruch in einen Lastwagen.
  • Dezember 2013: Verurteilung wegen versuchten Mordes – Tanis hatte mit einer Schusswaffe auf ein Wohnhaus geschossen.
  • Mai 2014: Ladendiebstahl in Utrecht.
  • Oktober 2014: Anspucken und Bedrohen eines Polizeibeamten.
  • November 2014: Trunkenheit am Steuer.
  • Oktober 2015: Zerstörung einer Polizeizelle.
  • Juli 2017: Vergewaltigungsvorwurf. Der erste Verhandlungstag in diesem Fall war vor zwei Wochen.

Menschen aus Umkreis Tanis' halten ihn für Versager und Psychopathen

Niederländische Medien berichteten unterdessen, der 37-jährige Hauptverdächtige habe ein langes Vorstrafenregister. Laut dem öffentlich-rechtlichen Sender NOS stand Gökmen Tanis erst vor zwei Wochen wegen Vergewaltigung vor Gericht. Eine Frau, die mit dem Prozess in Verbindung steht, sagte der Tageszeitung "Algemeen Dagblad", sie habe die Polizei bereits in der Vergangenheit vor Tanis gewarnt: Er sei "völlig verrückt" und nehme Drogen. "Er ist kein Terrorist, sondern ein Psychopath", sagte die Frau demnach weiter.

Nachbarn beschrieben Tanis als Kleinkriminellen und Dealer und als "Versager mit einem Drogenproblem". Der Sender NOS berichtete außerdem, einige von Tanis' Verwandten hätten Verbindungen zu islamistischen Gruppen. Andererseits sei der 37-Jährige nach der Scheidung von seiner Frau vor zwei Jahren durch Stimmungsschwankungen aufgefallen.

Der Anschlag ereignete sich im Westen der Stadt, etwa ein Kilometer entfernt von der Altstadt. Utrecht liegt etwa 75 Kilometer entfernt von der deutschen Grenze und hat etwa 350.000 Einwohner.

Grafik: dpa

Rechtspopulist fordert Rücktritt des Justizministers

Das niederländische Parlament in Den Haag gedachte der Opfer am Dienstag mit einer Schweigeminute. "Utrecht liegt im Herzen unseres Landes", sagte Ministerpräsident Mark Rutte. "Die Niederlande sind ins Herz getroffen worden." Die Folgen der Tat seien groß. Dennoch seien die Utrechter am Dienstagmorgen wieder in die Straßenbahnen eingestiegen und ganz normal zur Arbeit gefahren. Diese Routine sei die beste Antwort auf eine solche Tat. Sie zeige, "dass unsere Gesellschaft stärker ist als Hass und Gewalt".

Rechtspopulist Geert Wilders forderte im Parlament den Rücktritt von Justizminister Ferdinand Grapperhaus. Gökmen Tanis habe zahlreiche Vorstrafen und sei erst kürzlich freigelassen worden, was niemals hätte geschehen dürfen. "Sie sind dafür verantwortlich", sagte Wilders zu Grapperhaus. "Sie müssen zurücktreten! Abhauen!" Am Mittwoch werden in den Niederlanden Wahlen für die Provinzparlamente abgehalten.


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