Politischer Neustart Sahra Wagenknecht - Aufgeben ist keine Option

Freundlicher Kontakt nach harter politischer Attacke: Sahra Wagenknecht nach ihrem Auftritt in der Hamburger "Fabrik". Foto: Uwe WestdörpFreundlicher Kontakt nach harter politischer Attacke: Sahra Wagenknecht nach ihrem Auftritt in der Hamburger "Fabrik". Foto: Uwe Westdörp

Hamburg. "Ziemlich ausgebrannt" hat sich Linken-Star Sahra Wagenknecht eine Auszeit nehmen müssen. Jetzt startet sie in eine neue Phase ihres politischen Lebens. Dabei macht sie deutlich: Sie tritt einen Schritt zurück, Aufgeben ist aber keine Option. Eine Begegnung in Hamburg.

„Galionsfiguren brauchen wir nicht“, sagt einer von „Aufstehen“ – und richtet seine Videokamera dann doch auf genau solch eine Figur: Sahra Wagenknecht. Der Star der Linken zieht sich zwar aus der Führung der Sammlungsbewegung zurück, ebenso aus der Fraktionsspitze der Partei im Bundestag. Doch will Wagenknecht ein politischer Mensch bleiben und sich weiter für „Aufstehen“ und die Linken engagieren. Den alten Kampfgeist hat sie sich bewahrt -  und wirkt dann doch ein bisschen anders.

Hamburg, ein nasskalter Abend Ende vergangener Woche: In der "Fabrik", dem legendären Hamburger Kultur- und Kommunikationszentrum, herrscht schon eine Stunde vor Beginn einer „Aufstehen“-Diskussion drangvolle Enge. Sitzplätze gibt es keine mehr, auch auf den Emporen der früheren Industriehalle drängen sich Zuschauer, um Sahra Wagenknecht bei ihrem ersten großen öffentlichen Auftritt nach den Rückzugsankündigungen zu erleben.

 „Sie steht immer noch sehr gerade“, sagt Fabio De Masi, Fraktionsvize der Linken im Bundestag und wie Wagenknecht ein glühender Vertreter der neuen außerparlamentarischen Sammlungsbewegung. „Sahra hat uns die Kraft gegeben, das hier zu machen“, heißt es zu Beginn des Abends. Und Wagenknecht zeigt, wie viel Kraft in ihr steckt, auch wenn sie zwischenzeitlich „ziemlich ausgebrannt“ war, wie sie dem „Spiegel“ gesagt hat.

Knallhart in der Sache

Kerzengerade, hoch konzentriert und mit meist unbewegten Gesicht stellt sie sich gemeinsam mit De Masi und dem Hamburger SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Mathias Petersen den Fragen zweier Moderatoren. Und sie macht klar: Aufgeben ist nicht ihr Ding. Denn: „Aufstehen wird wirklich gebraucht.“ Es gebe parteiübergreifend eine Mehrheit für eine sozialere Politik, für bessere Renten, einen höheren Mindestlohn, bezahlbare Wohnungen, ist sich Wagenknecht sicher. Sie sieht ein riesiges Potenzial von Menschen, die sich Veränderungen wünschen „und Wut haben“. Und sie versichert: Es gehe hier nicht um Spaltung, sondern um ein gemeinsames Auftreten möglichst vieler Menschen für eine neue Politik. Petersen wird den Gedanken später aufgreifen – und dabei heftig mit Wagenknecht aneinander rasseln. Doch zunächst ist die Dame zu seiner Linken dran.

von links: Mathias Petersen (SPD), Sahra Wagenknecht und Fabio De Masi (beide Die Linke). Foto: imago images / News4HH

„Aufstehen“ will der Bundesregierung „die Rote Karte zeigen“, verteilt entsprechende Postkarten, die auf der Rückseite unterschrieben und der Bundesregierung übergeben werden sollen. Man wird sehen, wie viele es am Ende sind. 170.000 Menschen haben sich immerhin schon bei der Sammlungsbewegung registrieren lassen. Gut so, meint Wagenknecht und wettert gegen überhöhte Mieten, Armut und andere Missstände, als stünde „Aufstehen“ noch ganz am Anfang und bedürfte eines flammenden Startsignals. Das ist die fulminante Rednerin, wie man sie aus dem Bundestag kennt: mit fester Stimme, unerbittlich, rhetorisch brilliant, knallhart in der Sache.

Radikale Mietpreisbremse gefordert

Auch inhaltlich bleibt sich die Kapitalismuskritikerin Wagenknecht treu. Es sei destruktiv, das Wohnen privaten Renditejägern  und "Miethaien" zu überlassen: „Das Wohnen muss komplett aus dem Marktmechanismus raus.“ „Den Leuten wird das Geld aus der Tasche gezogen“, echauffiert sie sich und fordert eine radikale Mietpreispreisbreme. Für die nächsten zehn Jahre dürfe es keine Mieterhöhungen mehr geben. Applaus und Jubel im Publikum, Unruhe auf dem Podium. Petersen ergreift das Wort und will wissen: „Wer baut dann noch Mietshäuser?“

Doch Wagenknecht lässt nicht locker, setzt noch einen drauf: Es könne sogar notwendig sein, Hausbesitzer zu enteignen, zumindest aber müsse die öffentliche Hand in großem Stil privatisierte Wohnungen zurückkaufen. Mieten dürften zwar kostendeckend sein. „Doch heute sind sie ein Riesengeschäft.“ Das sei eine perverse Entwicklung. Die meist männlichen, meist etwas älteren Zuhörer gehen da voll mit, immer wieder gibt es Applaus, wenn Wagenknecht zur Grundsatzkritik an den herrschenden Verhältnissen ausholt. Alles wie früher – die einen bejubeln sie, andere können nur mit dem Kopf schütteln.

So geht es auch Mathias Petersen, dem einzigen auf dem Podium, der nicht bei „Aufstehen“ aktiv ist. Schon, dass die SPD nichts für den Wohnungsbau getan habe, will der Bürgerschaftsabgeordnete so nicht stehen lassen und spricht von zehntausenden neugebauten Wohnungen allein in Hamburg. Da bleibt der Haushaltspolitiker noch hanseatisch kühl. Regelrecht entnervt reagiert er aber, als Wagenknecht einmal mehr ihrer Abneigung gegen die regierende SPD freien Lauf lässt.

Häme und Spott für Scholz und Maas

„Es braucht eine SPD, die wirklich Veränderungen will“, fordert die Linken-Abgeordnete und hält den Genossen den Spiegel vor. Unter Willy Brandt hätten die Sozialdemokraten für eine auf Frieden ausgerichtete Außenpolitik und für soziale Sicherheit gestanden, ruft Wagenknecht in Erinnerung und misst die SPD auch heute an diesen Punkten. Ihr Urteil fällt vernichtend aus. So spottet sie über den SPD-Finanzminister: „Das Ziel von Olaf Scholz ist, sich möglichst wenig zu unterscheiden von Vorgänger Wolfgang Schäuble. Man soll überhaupt nicht merken, dass da jetzt ein Sozialdemokrat sitzt. Und bei Heiko Maas ist es ähnlich.“ Glaubt man Wagenknecht, arbeitet SPD-Außenminister Maas nur das ab, was Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vorgibt. „Das darf nicht eine Politik sein, die man unterstützt“, erteilt Wagenknecht einer Zusammenarbeit mit der SPD die wahrscheinlich tausendste Absage.

Foto: imago images / News4HH

Petersen verbittet sich solches „Bashing von SPD-Ministern“, erinnert daran, dass man doch gemeinsam Zukunft gestalten wolle, und stellt fest: „So funktioniert das nicht.“ Wagenknecht verzieht keine Miene. Ein leichtes (wissendes?) Lächeln huscht dagegen über ihr Gesicht, als ihr Fraktionskollege De Masi zum Mitmachen in den Parteien aufruft und offen einräumt: „Da verliert man auch mal.“

Wagenknecht hat freilich nicht nur politische Rückschläge, sondern auch viele persönliche Attacken hinnehmen müssen. „Für eine linke Partei war der Umgang mit Sahra Wagenknecht ein unwürdiges Schauspiel", kritisiert der Abgeordnete Thomas Lutze die Parteispitze. Ungenannte „Insider“ werden mit Mobbing-Vorwürfen zitiert. Wagenknecht erwähnt all das in Hamburg mit keinem Wort, gibt aber im Interview zu Protokoll: „Es macht keine Freude, wenn man immer wieder aus den eigenen Reihen angegriffen wird. Das stimmt natürlich. Interne Konflikte rauben Kraft und Zeit, die dann für die eigentliche politische Arbeit nicht mehr zur Verfügung stehen.“

Andererseits macht die Noch-Fraktionschefin aber auch aus ihrer eigenen Kritik keinen Hehl: „Ich kann das Misstrauen der Menschen verstehen, daran haben die Parteien selber Schuld“, sagt sie in Hamburg, ohne die Linken dabei auszunehmen. Und: „Vor Wahlen laufen die Parteien zu großer Form auf, nach den Wahlen wird vieles nicht eingelöst.“ Nach einem Ende der parteiinternen Reibereien hört sich das nicht an.

"Ich bin mir im Reinen"

Hat sich also gar nichts geändert bei Sahra Wagenknecht? Das wäre weit gefehlt. Gestresst und ausgebrannt ist sie krankheitsbedingt knapp zwei Monate zuhause geblieben und hat sich die Entscheidung, ihre Führungsaufgaben aufzugeben, nach eigenen Angaben nicht leicht gemacht. „Sich völlig aufzureiben, bringt am Ende aber auch nichts“, sagt sie heute. „Deshalb bin ich mit mir im Reinen und habe seit der Entscheidung das Gefühl, dass eine zentnerschwere Last von mir abgefallen ist.“

In Hamburg ist das erst nach dem Ende der Podiumsdiskussion zu spüren. Da stellt sich Wagenknecht den Fotografen und gibt von der Bühne herab Dutzende von Autogrammen – ganz entspannt, freundlich lächelnd, mit einem Plüschhasen in der Hand und immer wieder in die Hocke gehend, damit ihre Bewunderer schöne Selfies machen können. Aufstehen ist eben auch nicht alles.



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