Rechtsextremismus Drei Mal so viele Teilnehmer bei Neonazi-Aufmärschen 2018

Die Zahl der Teilnehmer an Neonazi-Aufmärschen ist 2018 deutlich gestiegen. Hier ein Archivbild aus Hagen von 2001.Foto: Bernd Thissen/dpaDie Zahl der Teilnehmer an Neonazi-Aufmärschen ist 2018 deutlich gestiegen. Hier ein Archivbild aus Hagen von 2001.Foto: Bernd Thissen/dpa

Osnabrück. Rechtsextremisten mobilisieren zunehmend ihre Anhänger auf der Straße. Im vergangenen Jahr sind die Protestmärsche vor allem nach den Vorfällen in Chemnitz deutlich gestiegen. Drei Mal so viele Menschen nahmen teil. Die Linke fordert neue Konzepte gegen Rechtsextremismus.

An Neonazi-Aufmärschen in Deutschland haben 2018 dreimal so viele Menschen teilgenommen wie im Vorjahr. Vor allem wegen der Protestmärsche in Chemnitz zählten die Behörden bundesweit insgesamt 31 000 Teilnehmer bei rechtsextremen Kundgebungen. 2017 waren es erst 11 285 Teilnehmer gewesen. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor, die unserer Redaktion vorliegt. Die Zahl der rechtsextremen Kundgebungen stieg im vergangenen Jahr weniger deutlich von 107 auf 128 Veranstaltungen.

Nur 2015 noch mehr Teilnehmer

Insgesamt ist das die zweithöchste Zahl seit Beginn der Erfassung im Jahr 2011. Nur im Jahr 2015 – dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise – hätten mehr Neonazis bundesweit an Aufmärschen teilgenommen.

Der Zuwachs fand vor allem in Chemnitz statt, wo allein im vierten Quartal 9000 Rechtsextreme auf die Straße gingen. Dort war es nach dem Tod eines 35 Jahre alten Deutschen, der Ende August mutmaßlich durch Asylbewerber bei einer Messerattacke getötet worden war, tagelang zu Ausschreitungen und rechten Demonstrationen in Chemnitz gekommen. Die Bundesregierung verurteilte danach „Hetzjagden“ auf Ausländer.

Zahlen wohl noch deutlich höher

Die Zahlen liegen insgesamt wohl noch deutlich höher, weil die Bundesregierung in diese Statistik nicht die Teilnehmer der Pegida-Aufmärsche einrechnet. Auch die Demonstrationen der Gruppe „Pro Chemnitz“ sind nicht einbezogen. An den sieben Protestmärschen im Spätsommer in Chemnitz, die zum Teil auch mit Ausschreitungen verbunden waren, nahmen rund 19 700 Menschen teil. Laut Regierungsangaben kamen von diesen Teilnehmern bis zu 30 Prozent aus dem rechtsextremistischen Spektrum.

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Die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Ulla Jelpke, sagte, die rechtsextreme Szene sei mobilisierungsfähiger als in den vergangenen Jahren und nannte als Grund: „Die AfD und der Rechtsruck im Land beflügeln die Nazi-Szene in Deutschland.“ Nazi-Aufmärsche und die zunehmende rassistische Gewalt seien eine wachsende Herausforderung für die Demokratie. Jelpke forderte: „Bund und Länder müssen wesentlich stärkere Anstrengungen unternehmen.“ 

Mehr Neonazi-Konzerte

Auch Neonazi-Konzerte haben in Deutschland weiter starken Zulauf. Im fünften Jahr in Folge stieg die Zahl der Konzerte. 2018 wuchs die Zahl im Vergleich zum Vorjahr von 296 auf 320 Musikveranstaltungen. Seit 2014 – also vor der Flüchtlingskrise – hat sich die Zahl fast verdoppelt. Die Konzerte der extremen Rechten wurden 2018 von 29 400 Fans besucht – etwas weniger als im Vorjahr mit 29 700 Teilnehmern.

Linken-Politikerin Jelpke sagte: „Die Rekrutierung und Ideologisierung der nächsten Nazi-Generationen vollzieht sich vor unseren Augen.“. Denn nach wie vor sei „Musik die zentrale ‚Einstiegsdroge‘ in die Szene“. Jelpke forderte: „Die Politik darf dieser Entwicklung nicht länger achselzuckend zuschauen.“ Es brauche endlich zwischen Bund und Ländern abgestimmte Strategien und Konzepte.


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