Deutsche Bischofskonferenz in Lingen Deutsche Bischöfe wollen Macht, Zölibat und Sexualmoral hinterfragen

Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Foto: Harald Oppitz/KNAKardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Foto: Harald Oppitz/KNA 

Lingen. Der Druck war groß und so haben die deutschen Bischöfe in Lingen bis zur letzten Minute um das Ergebnis ihrer Frühjahrsversammlung gerungen. Am Ende steht die Absicht, drängende Fragen in der katholischen Kirche zeitnah anzugehen.

Zehn Minuten später als geplant betrat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, die Bühne: Die Bischöfe hatten die weiteren Schritte zur Aufarbeitung von Missbrauch in der Kirche erst in letzter Minute, dafür aber einstimmig beschlossen. Marx wandte sich zunächst an die Gläubigen: „Wir sehen und hören Sie. Ihre Kritik, Sorgen, Nöte, Zweifel und Ihre Forderungen. Ich sagen Ihnen aufrichtig: Wir haben es verstanden.“ Die Kirche ringe um Lösungen, Glaubwürdigkeit und Vertrauen. „Wir sind an einem Punkt, an dem uns die Gläubigen sagen: Wir machen das nicht mehr mit“, stellte der Kardinal fest. „Die Kirche in Deutschland erlebt eine Zäsur.“ Denkblockaden dürfe es jetzt nicht mehr geben. Die überwiegende Mehrheit der Bischöfe sei aber auch der Meinung, dass Veränderungsbedarf bestehe. 

Das Fazit nach vier Tagen Konferenz in Lingen: „Wir wollen einen synodalen Weg.“ Was das genau bedeutet, wurde nicht ganz klar. Der Begriff sei weit gefasst, erklärte Marx. Fest steht: Die Bischofskonferenz will sich konkret mit aktuellen Fragen beschäftigen und dazu Experten von außen, Missbrauchsopfer und das Zentralkomittee der deutschen Katholiken einbeziehen.

Inhaltlich soll es um drei drängende Fragen gehen. Punkt eins: Machtmissbrauch. Die Bischöfe stellen die Frage, „was getan werden muss, um den nötigen Machtabbau zu erreichen und eine gerechtere und rechtlich verbindliche Ordnung aufzubauen“. Punkt zwei: Zölibat. In ihrer Abschlusserklärung zur Konferenz halten die Bischöfe fest: „Den Zölibat schätzen wir als Ausdruck der religiösen Bindung an Gott. Wie weit er zum Zeugnis des Priesters in unserer Kirche gehören muss, werden wir herausfinden.“ Punkt drei: Sexualmoral. Entscheidende Erkenntnisse aus Theologie und Humanwissenschaften würden nicht ausreichend berücksichtigt. „Die Moralverkündung gibt der überwiegenden Mehrheit der Getauften keine Orientierung.“ In Fragen des Sexualverhaltens seien die Bischöfe oft „nicht sprachfähig“.

Drei Bischöfe werden sich im weiteren Verlauf mit der Klärung der genannten Punkte beschäftigen. Das Thema Sexualmoral verantwortet der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode. Ein Zwischenstand soll Mitte September bekannt gegeben werden. Bis dahin soll auch die geklärt werden, wann Ergebnisse vorliegen sollen. „Am Ende kann es sein, dass wir einen Brief schreiben und nach Rom schicken“, erklärte Marx.

Der Kardinal ging auch auf Kritik ein, das die Ergebnisse zu unkonkret seien. Ein Maßnahmenkatalog liege bereits vor und werde abgearbeitet. Marx verwies auf den Zwischenstand, den der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz am Vortag vorgelegt hatte. Dabei ging es um Aufarbeitung, den Umgang mit Opfern und standardisierte Personalakten.

Darüber hinausgehende Beschlüsse konnte Marx jedoch nicht verkünden. Zu Themen wie Zölibat oder Umgang mit Frauen gebe es in der Kirche unterschiedliche Meinungen. „Wir sollten uns die Dinge nicht zu einfach machen“, sagte Marx. Man könne nicht einfach die Frage stellen, wann die Kirche endlich so weit sei, den Zölibat abzuschaffen. „Ich finde, dass ist kein angemessener Umgang mit einer solchen Tradition der Kirche.“ Stattdessen brauche es einen strukturierten Dialog – eben einen synodalen Weg. Marx versprach im Namen der Bischöfe, „das, was möglich ist, auch in Gang zu bringen.“ Es sei klar gewesen, dass am Ende der Konferenz ein Beschluss habe stehen müssen, kein Arbeitskreis, der erst in zwei Jahren Bericht erstattet. „Natürlich kann das auch scheitern“, sagte Marx.

Die Opferorganisation Eckiger Tisch kritisierte, dass den Bischöfen das Wort „Entschädigung“ nicht über die Lippen komme. „Die Bischöfe sollten endlich zur Kenntnis nehmen, dass sehr viel Betroffene eine angemessen Entschädigung fordern“, teilte der Sprecher der Organisation, Matthias Katsch, mit.

Die Laienorganisation „Wir sind Kirche“ begrüßte dagegen das Vorhaben der Bischofskonferenz, pochte aber auf Beteiligung von Orden, von Reformgruppen und von Missbrauchsopfern sowie auf konkrete Ergebnisse.


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