So ticken die jungen Klimaaktivisten Vorbild Greta Thunberg: Osnabrücker organisiert Klimademos mit

Schulstreik fürs Klima mit Greta Thunberg in Hamburg.Schulstreik fürs Klima mit Greta Thunberg in Hamburg.

Osnabrück. Greta Thunberg ist das Gesicht von Fridays for Future. Doch auch in Norddeutschland setzen sich viele junge Menschen für das Klima ein. Jakob zur Heide aus Osnabrück ist einer von ihnen. Der Psychologie-Student sagt: "Klimaschutz ist die Aufgabe von jedem, von der Politik, der Wirtschaft und auch von Christian Lindner."

Es ist der vorzeitige Höhepunkt von Fridays for Future: Am 15. März gehen weltweit so viele junge Menschen wie nie seit Beginn der Schulstreiks für das Klima auf die Straße. Die Organisatoren rechnen mit Millionen Jugendlichen, die gemeinsam den Unterricht schwänzen, um für den Klimaschutz zu protestieren. Es seien Kundgebungen in 1200 Städten weltweit geplant – 180 davon in Deutschland. Wer sind die Köpfe hinter der Klimabewegung in Deutschland? Drei norddeutsche Aktivisten sprechen mit unserer Redaktion über ihre Rolle, Greta Thunberg und worauf sie im Alltag zugunsten des Klimas verzichten.

Jakob zur Heide aus Osnabrück

  • Alter: 19 Jahre
  • Schulbildung: Abitur 2018, studiert Psychologie an der Universität Osnabrück
  • Engagement: seit einem Jahr bei Greenpeace aktiv
  • Ziele mit Fridays for Future: "Politiker sollen unsere Forderungen annehmen und durchsetzen, beispielsweise einen Kohleausstieg bis 2030"
Jakob zur Heide (4.v.l.) gehört zu Fridays for Future in Osnabrück und ist für die Bewegung auch bundesweit aktiv. Foto: Mike Schmidt/Greenpeace

Jakob zur Heide aus Osnabrück hat die Demos maßgeblich mitorganisiert. Der 19-jährige Student ist einer der wichtigen Köpfe der jungen Klimabewegung – mit einer klaren Botschaft:

"Klimaschutz ist die Aufgabe von jedem, von der Politik, der Wirtschaft und auch von Christian Lindner."Jakob zur Heide, Osnabrücker Klimaaktivist

FDP-Chef Lindner hatte versucht, die Klimabewegung zu diskreditieren und gesagt, Klimaschutz sei "eine Sache für Profis und nicht für Kinder". Dem Osnabrücker Psychologie-Student ist sehr wohl bewusst, dass die Jugendlichen noch nicht über das nötige Wissen verfügen könnten, um komplexe Entscheidungen zu treffen. Ihre Aufgabe sei eine andere:

"Fridays for Future kann eine Vermittlerrolle zwischen Wissenschaft und Politik einnehmen." Jakob zur Heide

Unterstützung erhalten die jungen Klimaaktivisten dabei von mehr als 12.000 Wissenschaftlern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sich bei "Scientists for Future" zusammengeschlossen haben. Sie alle haben ein Grundsatzpapier unterschrieben, in der die Anliegen der Schüler als "berechtigt und gut begründet" bezeichnet werden. Die bisherigen Maßnahmen zum Klima-, Arten-, Wald-, Meeres- und Bodenschutz reichten bei weitem nicht aus. Es müsse jetzt gehandelt werden.

Das sieht auch Jakob zur Heide so: "Es ist die letzte Zeit, zu der wir noch handeln können, ansonsten ist es zu spät. Dann geht es nur noch um Schadensbegrenzung", sagt er. Den Anstoß für Fridays for Future gab die 16-jährige Greta Thunberg aus Schweden mit ihrem Schulstreik fürs Klima vor dem Parlament in Stockholm. Das Mädchen mit Asperger-Syndrom gilt seither als Ikone der Klimabewegung, auch wenn einige ihre Rolle kritisch sehen.

Lesen Sie dazu: Greta Thunberg nur eine "PR-Marionette"? Was über ihr Umfeld bekannt ist

Für zur Heide ist klar: "Ohne Greta hätte es die ganze Bewegung nicht gegeben. Man braucht immer einen Vordenker, der auch mal etwas wagt, das finde ich an ihr beeindruckend". Ihm geht das mediale Interesse an Thunberg aber zu weit: "Der ganze Personenkult um Greta ist derzeit etwas schrill, wir sollten uns vorrangig lieber auf die Themen Klimaschutz und Umwelt konzentrieren. Ich denke auch, dass Greta durch die große Aufmerksamkeit etwas zu sehr belastet wird", sagt zur Heide.

Die Bewegung sei darauf bedacht, als großes Ganzes wahrgenommen zu werden und "wolle nicht nur Einzelpersonen, die etwas lostreten, hinterherlaufen", so zur Heide. Er geht davon aus, dass Fridays for Future auch noch weiter wachsen werde.

"Viele Leute, insbesondere auch in Osnabrück, erfahren gerade erst davon." Jakob zur Heide

Waren es bei den Demos in Osnabrück bisher etwa zwischen 100 und 250 Teilnehmer, rechnet zur Heide für den weltweiten Streik am 15. März noch mit deutlich mehr. An jeder Osnabrücker Schule gebe es eine Kontaktperson von Fridays for Future unter den Schülern, doch nicht alle Einrichtungen unterstützen auch die Demos.

Einige Schulen in Osnabrück stünden den Protesten "sehr offen gegenüber" und unterstützten diese aktiv. Andere wiederum zeigten sich zwar tolerant gegenüber dem Engagement ihrer Schüler auch während der Unterrichtszeit, untersagten allerdings Werbung in den Klassenzimmern und ließen dadurch nur Mund-zu-Mund-Propaganda zu. Weiter gebe es Schulen, die bei einem Unterrichtsversäumnis mit Strafen drohten, von Schulverweisen sei bisher aber noch nichts bekannt.

Schule schwänzen für Klima-Demos nicht erlaubt

Das sind die Regeln beim unentschuldigten Fehlen
Die Fridays-for-future-Demos sind keine Entschuldigung für das Fehlen in der Schule. "Die Teilnahme an einer Demo rechtfertigt nicht in jedem Fall ein Fernbleiben vom Unterricht", erklärt Wilhelm Achelpöhler, Anwalt für Verwaltungsrecht aus Münster. Da es sich dabei um eine Ordnungswidrigkeit handelt, könne für das Schulschwänzen theoretisch ein Bußgeld verhängt werden. Die Höhe ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich festgelegt.
"Bafög-Beziehern könnte auch die Rückforderung der Ausbildungs-Unterstützung für den einzelnen Fehltag drohen", zählt der Anwalt eine zweite Sanktionsmöglichkeit auf. Bei der dritten und wahrscheinlichsten handelt es sich um erzieherische Maßnahmen in der Schule. "Das kann zusätzlicher Unterricht sein, eine Verweisung in andere Klassen oder die Benachrichtigung der Eltern", so Achelpöhler. In der Praxis greifen manche Schulleiter eher zu weichen Sanktionen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel stellte sich hinter die wöchentlichen Schülerdemonstrationen. "Ich unterstütze sehr, dass Schülerinnen und Schüler für den Klimaschutz auf die Straße gehen und dafür kämpfen", sagte die CDU-Politikerin in ihrem Videopodcast. "Ich glaube, dass das eine sehr gute Initiative ist." Die Klimaschutzziele seien nur erreichbar, wenn es Rückhalt in der Gesellschaft gebe. Auf die umstrittene Verletzung der Schulpflicht ging sie dabei nicht ein.
(dpa)

Jakob zur Heide, der für Fridays for Future an der bundesweiten Planung beteiligt ist und so auch an dem Grundsatzpapier in Zusammenarbeit mit "Scientists for Future" mitwirkte, erklärt, dass die Bewegung auf Teilnehmer ab der fünften Klasse setze. 

Am Rande von Demos in Osnabrück tauchten hin und wieder Eltern auf, die interessiert das Geschehen verfolgten oder sogar selbst demonstrierten, jedoch meint zur Heide, er habe noch nicht erlebt, "dass Eltern in Massen bei den Streiks vorbeigekommen sind. Es muss auch klar sein, dass es eine Schüler- und Jugendsache ist. Gleichzeitig sind alle Interessierten eingeladen, zu den Demos zu kommen."

Fridays-for-Future-Demo am 15. März in Osnabrück

Fridays-for-Future-Demo am 15. März in Osnabrück
10 Uhr: Streik am Theatervorplatz
13.30 Uhr: Demo-Marsch 
Theatervorplatz - Haarmannsbrunnen - Möserstraße - Neumarkt - Heger-Tor-Wall - Heger Tor - Marktplatz - Theatervorplatz

Für zur Heide ist Engagement für den Klimaschutz nicht erst seit Fridays for Future ein großes Anliegen. Er verzichtet etwa im Alltag weitgehend auf ein Auto und fährt fast ausschließlich mit dem Fahrrad, "auch längere Strecken". Zudem verzichte er auf unnötige Flüge und versuche vor allem hochwertige Kleidung zu kaufen, die lange tragbar ist. Für ihn als Student mit schmalem Geldbeutel sei dies allerdings "nicht immer ganz einfach". Dann weicht zur Heide auch auf Second-Hand-Ware aus. Der 19-Jährige hofft, dass noch mehr Menschen dieses Klimabewusstsein entwickelten, vor allem aber, "dass die weltweiten Streiks in der Politik Resonanz hervorrufen – und hoffentlich auch Taten".

Charlotte Marquordt-Schulze aus Schwerin

  • Alter: 17 Jahre
  • Schulbildung: 11. Klasse Gymnasium
  • Engagement: seit drei Jahren in der Grünen Jugend in Schwerin aktiv
  • Ziele mit Fridays for Future: "Es muss ein Umdenken geben. Dafür sollten noch mehr Leute begeistert werden, mit uns zu demonstrieren, auch Eltern und Berufstätige und nicht nur Jugendliche und Schüler. Jeder sollte in seinem Handeln, sei es beim Konsum oder der Wahl des Verkehrsmittels, nachhaltiger werden. Wir wollen ernst genommen und nicht nur belächelt werden. Die Regierung soll uns bei unseren Forderungen entgegenkommen und mehr Aufmerksamkeit schenken".
Charlotte Marquordt-Schulze (2.v.r.) ist politisch sehr aktiv und geht auch gegen Rechtsextremismus auf die Straße.

Charlotte Marquordt-Schulze aus Schwerin weiß, was es bedeutet, sich für den Klima- und Umweltschutz einzusetzen. Sie zeigt dies vielfach in ihrem Alltag, etwa indem sie kein Fleisch isst, versucht, ohne Plastik auszukommen, viel Fahrrad fährt, nur aus Glasflaschen trinkt, Second-Hand-Kleidung kauft und keinen Müll liegen lässt.

So organisiert sich Fridays for Future

So organisiert sich Fridays for Future
Wer bei "Fridays for Future" aktiv werden will, schließt sich zunächst einer der Regionalgruppen an, von denen es mittlerweile mehr als 250 gibt, in Niedersachsen sind es allein 32. Erste Kontaktmöglichkeit ist eine Whatsapp-Gruppe, der die Interessierten beitreten. Ein Mitglied aus jeder Regionalgruppe ist mit für die bundesweite Organisation verantwortlich. Damit ist gewährleistet, dass jede Stimme berücksichtigt wird. Treffen dazu gibt es in Berlin, häufig laufen Absprachen auch über Telefonkonferenzen. In Arbeitsgruppen werden die Themen für die Demos geplant. 

Die Regionalgruppe von Fridays for Future in Schwerin hat sich in den vergangenen drei Wochen spürbar vergrößert, es seien etwa 30 neue Mitglieder hinzugekommen, auch weil Marquordt-Schulze und andere Unterstützer groß die Werbetrommeln rührten.

Ein Problem mit Unterrichtsausfall habe sie nicht, sagt die Schülerin. Allerdings habe es ihr Schuldirektor einmal nicht gerne gesehen, als sich eine größere Gruppe auf den Weg zum Klimastreik nach Berlin machte. Von Seiten ihrer Eltern erhalte sie für ihr Engagement bei den Demos "völlige Unterstützung". Marquordt-Schulze hofft nun, dass auch "noch mehr ältere Menschen zur Demo kommen"

Vincent Schlotfeldt aus Kiel

  • Alter: 17 Jahre
  • Schulbildung: Ausbildung zum Geomatiker 
  • Engagement: seit den ersten Streiks bei Fridays for Furture dabei, verzichtet aufs Fliegen
  • Ziele mit Fridays for Future: "Wir sehen dringenden Handlungsbedarf, dass die Landesregierung ihre Klimaschutzbestrebungen an das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens anpasst. Generell fordern wir alle Politiker auf Bundes- und europäischer Ebene auf, endlich zu handeln und Verantwortung zu übernehmen."
Vincent Schlotfeldt mit Megafon bei der Demo mit Greta Thunberg in Hamburg.

Vincent Schlotfeldt von Fridays for Future aus Kiel ist erst zwei Mal in seinem Leben in ein Flugzeug gestiegen. Das war auf dem Hin- und Rückflug zu einem Schüleraustausch nach Großbritannien, "da ging es nicht anders", sagt der 17-Jährige. Prinzipiell aber wolle er auch aus Klimaschutzgründen gar nicht fliegen. Schlotfeld ist sich darüber bewusst, dass ein Flug Unmengen an klimaschädlichem CO2 ausstößt. Für das Reisen setzt der Kieler lieber auf die Bahn. Noch hat er keinen Führerschein, aber auch später würde er wahrscheinlich ein Auto links liegen lassen. Schon jetzt fährt er jeden Tag mit dem Fahrrad zu seinem Ausbildungsbetrieb, 27 Kilometer insgesamt. Vor allem der Verzicht auf Fliegen erinnert bei Schlotfeld an Greta Thunberg, über die er sagt:

"Was Greta Thunberg sagt, ist absolut richtig und für uns von Vorteil, weil wir dadurch Aufmerksamkeit erhalten."Vincent Schlotfeldt

Schlotfeldt ist in die bundesweite Arbeit von Fridays for Future eingebunden, der Klimaschutz trieb ihn aber schon vorher um, "und erst recht nach dem letzten Hitze-Sommer".

Seitdem die Schulstreiks fürs Klima auch in Schleswig-Holstein aufkamen, ist der Azubi dabei  für die Demo-Tage nimmt er sich immer Urlaub. Zur Vorbereitung der vielen Streiks am 15. März hat sich Schlotfeld sogar eine ganze Woche frei genommen.

Aussagen wie die des FDP-Chefs Lindner zum Engagement der Schüler für den Klimaschutz empfindet der junge Klimaaktivist als "lächerlich". Er weist darauf hin, dass mit "Scientists for Future" Tausende Wissenschaftler den Forderungen der Schüler Nachdruck verliehen. 

Mit Nachdruck wollen die Aktivisten von Fridays for Future auch die Schulen in Schleswig-Holstein dazu bewegen, ihren Schülern die Teilnahme an den Demos zu ermöglich. "Ideal sind Exkursionen einer ganzen Klasse oder Schule", sagt Schlotfeldt. Er weist auf die Möglichkeit einer Freistellung hin, damit ein unentschuldigtes Fernbleiben während des Unterrichts nicht sanktioniert werden könne. "Wenn es aber nicht anders geht, müssen auch Fehlstunden in Kauf genommen werden", sagt Schlotfeldt. "Es soll ja nicht einfach die Schule geschwänzt werden, um einen Tag blau zu machen, sondern für ein sinnvolles Anliegen".

Fridays-for-Future-Demos am 15. März in Schleswig-Holstein

In diesen 20 Städten in Schleswig-Holstein streiken am 15. März Schüler fürs Klima:
  • Bad Oldesloe
  • Bad Segeberg 
  • Bargteheide 
  • Eckernförde 
  • Elmshorn 
  • Eutin
  • Flensburg
  • Heide 
  • Husum 
  • Itzehoe 
  • Kiel 
  • Lübeck 
  • Mölln 
  • Neumünster 
  • Niebüll 
  • Plön 
  • Rendsburg
  • Schleswig 
  • St. Peter-Ording 
  • Westerland (Sylt)  



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