zuletzt aktualisiert vor

Nur noch drei Flüge im Jahr Grünen-Politiker: Vielflieger sollen Flugreisen von Wenigfliegern abkaufen

Vier Tonnen CO2 verursacht ein Mensch mit einem Flug von Deutschland in die Karibik. Grünen-Politiker Janecek will die Zahl der internationalen Flüge auf drei begrenzen. Foto: Holger Hollemann/dpaVier Tonnen CO2 verursacht ein Mensch mit einem Flug von Deutschland in die Karibik. Grünen-Politiker Janecek will die Zahl der internationalen Flüge auf drei begrenzen. Foto: Holger Hollemann/dpa

Osnabrück. Nur noch drei internationale Hin- und Rückflüge im Jahr. Das schlägt der Grüne Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek vor, um die zunehmende Vielfliegerei der Deutschen zu senken. Denn laut der Umweltorganisation Germanwatch ist Fliegen die mit Abstand klimaschädlichste Art zu reisen.

Im Interview mit dem "Merkur" stellte Janecek, in der Grünen-Bundestagsfraktion unter anderem für Luftfahrt zuständig, den Vorschlag des Mobilitätsforschers Andreas Knie von der TU Berlin vor. Im interview mit unserer Redaktion hatte Knie vorgeschlagen, die Zahl der internationalen Flugreisen zu deckeln: "Wir haben für den internationalen Flugverkehr vorgeschlagen, die Zahl der Flüge zu deckeln, und zwar auf drei Flugpaare pro Jahr", sagte Knie. Es gebe eine Reihe von Menschen, die sagen: Ach, so oft fliege ich ja gar nicht. "Die Menschen, die viel fliegen wollen oder müssen, müssten sich von den Wenig-Fliegern die Optionsrechte kaufen. Das ist gerecht", meint der Forscher. Diejenigen, die viel fliegen möchten oder müssen, zahlen entsprechend mehr für die Schäden, die dadurch angerichtet werden. Das sei eine marktwirtschaftlich angemessene Lösung, um die Zahl der Flugbewegungen einzudämmen.

Hintergrund ist der Rekordsommer 2018. Laut Statistischem Bundesamt brachen im Sommerflugplan von April bis Oktober 80,5 Millionen Menschen von den deutschen Hauptverkehrsflughäfen zu einer Flugreise auf. Das waren 2,4 Millionen Menschen mehr als im Jahr zuvor. Für Umweltschützer eine bedenkliche Entwicklung, denn ein Flugpassagier produziert laut Umweltbundesamt anderthalb mal so viel CO2 wie ein Autofahrer und fünfmal so viel wie ein Bus- oder Bahnreisender.

"Privater Emissionszertifikatehandel"

"Ich finde den Vorschlag des Mobilitätsforschers sehr interessant. Wenn man ehrlich ist: Für das Klima ist selbst das schon zu viel. Aber irgendwo muss man ja anfangen", sagt Grünenpolitiker Janecek. Dadurch werde die Vielfliegerei teurer. "Jeder hätte praktisch seinen privaten Emissionszertifikatehandel. Das heißt, jeder bekommt sein Budget gutgeschrieben. Und wer wenig fliegt, kann Anteile sogar verkaufen und Geld verdienen." Bei dem Vorschlag gebe es aber noch Verbesserungspotenzial. Vor allem müsse man noch die Streckenlänge berücksichtigen. "Es macht ja einen Unterschied, ob man von München nach Prag fliegt oder drei Mal auf die Malediven oder in die USA", betont der Grünen-Politiker. 

Vor ein paar Jahren berechnete die Umwelt-NGO "Germanwatch", dass ein Mensch, der einmal von Deutschland in die Karibik fliegt und zurück, genauso viele der schädlichen Emissionen verursacht, wie 80 durchschnittliche Einwohner Tansanias in einem gesamten Jahr: etwa vier Tonnen CO2. Mit einem Mittelklassewagen könnte man für diese Menge an CO2 laut Umweltbundesamt etwa 25.000 Kilometer fahren. Hin- und Rückflug von München nach Prag verursachen zusammen etwa 0,5 Tonnen CO2. Individuell betrachtet, gebe es keine andere menschliche Aktivität, die in so einer kurzen Zeit so viele Emissionen verursacht wie die Luftfahrt, weil sie so energieintensiv ist. 



Schon jetzt hat sich die Erde nach Befunden des Weltklimarats IPCC um etwa ein Grad erwärmt, Deutschland sogar noch etwas mehr. Geht es weiter wie bisher, ist Ende dieses Jahrhunderts die Welt wohl um die drei Grad wärmer.

Laut Janecek sei es ein Fakt, dass Fliegen der einzige Bereich des Verkehrs ist, "den wir in den nächsten 20, 30 Jahren nicht klimaneutral bekommen werden". Dafür fehlten die Technologien. Deshalb müsse man auch mehr tun. Zunächst einmal müsse die Mehrwertsteuer für die Bahn gesenkt werden. Dann wäre Bahnfahren laut Janecek auf einen Schlag zehn Prozent günstiger. "Auf der anderen Seite wollen wir die Vergünstigungen für den Flugverkehr streichen – das sind in Deutschland zehn Milliarden Euro", sagt der Bundestagsabgeordnete. Derzeit ist der kommerzielle Kerosinverbrauch, also für Personen- und Gütertransport, in der EU steuerfrei. 

Welle der Kritik

Kritik zu dem Vorstoß Janeceks kommt aber bereits aus den eigenen Reihen. In der "Bild"  tat Fraktionsvize Oliver Krischer den Vorschlag als „intellektuelle Gedankenspiele“ ab. Dies seien keine praktikablen Ansätze um tatsächlich was für den Klimaschutz zu erreichen.“

FDP-Fraktionschef Christian Lindner kritisiert, dass die Grünen mit diesem Vorschlag das alte Gesicht einer Verbotspartei zeigten. "Lieber sollten die Grünen sich für mehr Forschung an klimafreundlichen Treibstoffen einsetzen“, betont er. 

Auch von der SPD hagelt es Widerstand. Johannes Kahrs, Mitglied im Verkehrsausschuss des Bundestages, hält den Vorschlag für "dusselig". Gerade Berufstätige hätten oft keine andere Wahl als öfter als drei Mal zu fliegen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN