Bildungsmesse Didacta 2019 Tablet und digitale Tafel: So sieht die Schule der Zukunft aus

Nicht mehr wegzudenken: Das Tablet gehört für junge Schüler bereits zum Alltag. Foto: Oliver Berg/dpaNicht mehr wegzudenken: Das Tablet gehört für junge Schüler bereits zum Alltag. Foto: Oliver Berg/dpa

Köln. Die Bildungsmesse Didacta zeigt neue Materialien und Inhalte für Schulen und Kitas – ein Thema überlagert in diesem Jahr jedoch alle andern.

Lehrer, die über große digitale Tafeln wischen und bunte Kreise und Linien mit einem Finger zeichnen, statt mit Kreide, Grundschüler, die auf Tablets starren: Bei der größten Bildungsmesse der Welt dreht sich in diesem Jahr alles um die Digitalisierung – und das bedeutet vor allem zahllose neue Endgeräte und digitale Inhalte, in die große Schulbuchverlage zunehmend investieren.

Im Vergleich zu einer Didacta vor zehn Jahren habe sich die Messe völlig verändert, sagte Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) im Gespräch mit unserer Redaktion.

Damals sei das große Thema die Inklusion gewesen. Heute werde das von Lehrermangel und Digitalisierung überlagert. Während Bildungsforscher warnen, dass Tablets und Notebooks nicht unbedingt zu einem besseren Lernerfolg führen, kann Beckmann der Digitalisierung auch Gutes abgewinnen: „In den Naturwissenschaften zum Beispiel gibt es eine ganze Menge Gutes, das auf die künftige Arbeitswelt vorbereitet“, sagte der VBE-Vorsitzende. Der Verband fordert jedoch parallel zur Investition in Geräte und Software eine Fortbildungsoffensive für Lehrkräfte – innerhalb der Arbeitszeit und organisiert von den Ländern. Angesichts des Digitalpaktes müsse man sich zudem Gedanken über eine langfristige, sichere Finanzierung machen, forderte Beckmann. Gerade sprudelten die Steuereinnahmen. Die Versorgung der Schulen müsse jedoch auch gesichert sein, wenn das einmal nicht mehr so sein sollte.

Gleichzeitig müsse die technische Verwaltung der Geräte und Programme sichergestellt sein. „Bei 800 Schülern braucht es einen Administrator, der immer greifbar ist“, forderte Beckmann. Darum müssten sich die Kommunen kümmern.

Digitalisierung als Chance

Außerdem gebe es noch viele offene Fragen, etwa: Wer darf Verträge mit Anbietern abschließen? Was ist mit dem Datenschutz? Welche der vielen kommerziellen Angebote sind für Schulen überhaupt sinnvoll?

Neben sinnvollen Angeboten und Innovationen sieht Beckmann jedoch auch ein Problem der Didacta, die mit rund 100 000 Besuchern rechnet, von denen viele selbst Pädagogen sind: „Lehrer, die hier durchgehen, haben leuchtende Augen, weil sie sehen, was alles möglich ist“, beschrieb Beckmann. „Aber wenn sie in ihre Schulen zurückkommen werden sie von der Realität eingeholt und die Frustration ist groß.“

Noch bis Samstag präsentieren rund 900 Aussteller aus 55 Ländern Neuerungen für Schulen, Kitas und berufliche Bildung. Parallel soll es rund 1500 Veranstaltungen, Foren und Seminare geben.

Welche Schwerpunkte gibt es auf der Messe?

Lesen auf dem Tablet: Am von Cornelsen sind drei Drittklässler der Grundschule Gartenstraße in Hennef in ihre Tablet-Lektüre vertieft. Es geht um Umweltschutz und einen Bus, der plötzlich schrumpft. Ein Vorteil sei, dass man auch im Halbdunkeln auf den beleuchteten Tablets lesen könne, sagt eine Schülerin. Allerdings sei das Lesen vorbei, wenn der Akku leer ist. Der Vorteil für Lehrerin Ulrike Gemein ist in erster Linie, dass sie die Lesefortschritte ihrer Schüler digital abrufen kann. Als Störung im Unterricht nimmt sie die Geräte nicht wahr: „Morgens holen wir die Tablets aus dem Schrank und die Schüler dürfen damit nicht spielen. So wie sie auch mit ihren Mäppchen nicht spielen dürfen.“ 

Foto: Oliver Berg/dpa

Komplettpakete: Der Elefant und die Ente, die in der Schreibtabelle beim Buchstaben „E“ stehen, zeigt der Grundschul-Verlag Mildenberger auf dem Tablet an. Das Angebot ist übers Internet abrufbar, der Verlag bietet Schulen ein Komplettpaket an: Tablets mit Tastatur, die auch mal auf den Boden fallen können ohne kaputt zu gehen plus Inhalte und Support. Die Schule müsse dann keine Lehrer mehr abstellen, die sich um die IT kümmerten, verspricht der Verlag. Kompatibel mit anderen Systemen ist das geschlossene Angebot allerdings nicht. Und die Kosten schlagen zu Buche: Für 15 Geräte, Zubehör und Software zahlt eine Schule rund 12 000 Euro. Nach zwei Jahren kommen 1400 Euro für Service und Software pro Jahr dazu.

Vom eBook zum reinen digitalen Angebot: Beim Klett-Verlag dreht sich alles um den roten Faden: Nachdem der Schulbuchverlag bislang auf eBooks, also die digitalisierte Variante der Schulbücher gesetzt hatte, baut Klett mittlerweile komplett digitale Kurse. Das Bild eines roten Fadens, der sich an unterschiedlichen Aufgaben entlanghangelt, bietet Überblick über den Lernfortschritt. In einem Kapitel für die dritte Klasse über „Unsere Erde“ sind Aufnahmen aus dem Weltraum hinterlegt, ein riesiges Bild des Planeten, dann die Aufgabe: „Kennzeichne Bedingungen, die ein Planet haben muss, damit Leben möglich ist.“ Auch 3-D-Animationen und Videos sind integriert.

Foto: imago/Jürgen Schwarz

Die Schul-Cloud: Hausaufgaben online mit der ganzen Klasse teilen, gemeinsam an Texten arbeiten, Arbeitsblätter verschicken: Wer wissen will, was Digitalisierung in der Schule bedeutet, landet früher oder später bei einem Angebot mit dem schlichten Namen Schul-Cloud. Viele Firmen bieten bereits Vernetzung im Internet an. Bei der Schul-Cloud handelt es sich aber um eine staatliche Internetwolke. Gefördert wird ihre Entwicklung vom Bundesbildungsministerium, entwickelt wird sie am Hasso-Plattner-Institut der Uni Potsdam. Nach und nach wird sie an Hunderten Schulen bundesweit eingeführt. Das Besondere: Lehrer und Schüler entwickeln hier mit. Und der Datenschutz sei für alle Bundesländer geklärt, sagte Carsten Mayer vom Hohenstaufen-Gymnasium in Kaiserslautern bei einem Vortrag zur Cloud. Er zeigte, wie seine Schüler etwa gemeinsam online an einem Dokument arbeiteten oder eine Kollegin Kopien sparte, weil sie unterschiedliche Lösungsvorschläge online stellen konnte. 

Unterschiedliche Aufgabenniveaus: Der große Anspruch, jeden Schüler individuell fördern zu wollen, wird im Zuge der Digitalisierung mit neuem Leben erfüllt: Beim Schulbuchverlag C.C. Buchner etwa bekommen Lehrer digitale Bücher in drei unterschiedlichen sprachlichen Niveaus. Derselbe Inhalt wird also in leichterer Sprache angeboten.

Computerspiele: Eine kleine, zweidimensionale Mumie schwingt ein Lasso – alles was sie davon abhält, sich über den Abgrund zur gegenüberliegenden Seite zu schwingen, ist die Frage, wie breit die Seite eines Rechtecks ist, an dem bereits zwei Zahlen stehen. Basiswissen Geometrie. Seit die deutsche Westermann-Gruppe den britischen Software-Entwickler Blue Duck gekauft hat, hat das Unternehmen auch Lernspiele im Angebot. Im Hintergrund können Lehrkräfte den Fortschritt der Schüler abrufen. Diese können Medaillen gewinnen und gegen andere Schulen antreten. Der Zugang soll zum Start des neuen Schuljahrs für die Klassen drei bis sechs kommen.

Foto: Christoph Schmidt/dpa

Virtuelle Realität: Man stelle sich vor, der Tank eines landwirtschaftlichen Fahrzeugs, das Pflanzenschutzmittel versprüht, muss regelmäßig gewartet werden. In den Tank der selbstfahrenden Feldspritze Pantera von Amazone passt aber nur ein Mensch. Damit Mitarbeiter lernen können, was wo montiert werden muss, hat die Uni Osnabrück den Tank als 3-D-Modell virtuell nachgebaut. Über eine Virtual-Reality-Brille kann sich der Mitarbeiter im Tank bewegen und etwa Reparaturmaterialien greifen und einbauen, während der Ausbilder alles auf einem Bildschirm verfolgen und kann. Das Projekt ist ein Schritt in Richtung virtuelle Ausbildung. 

Computer als Sportlehrer: Ein Mann balanciert über eine gespannte Slackline. Der Bildschirm vor ihm nimmt seine Bewegungen auf, zeigt den Mann als Strichmännchen, dass mal nach links und mal nach rechts schwankt. Die Kamera unterm Monitor erfasst jede Geste. Diese Technik hat Christian Murlowski genutzt, um für seine Masterarbeit an der Uni Osnabrück eine digitalen Slackline-Trainer zu entwickeln. Was nach einem Spaßprojekt klingt, ist wissenschaftliche Grundlagenforschung: Murlowski stellt sein Projekt zur Erkennung von Körperpositionen bald bei einer Konferenz in Glasgow vor. Seine Erkenntnisse könnten etwa auf Reha- oder Physiotherapien übertragen werden. 

Foto: Oliver Berg/dpa

Schulmöbel: Wenn iPads künftig zum zentralen Unterrichtsmittel werden, braucht es passende Verstaumöglichkeiten. Bei der Didacta zeigen daher nicht nur Hersteller von Stühlen, Tischen und Spielflächen ihre Produkte, sondern auch Händler von Möbeln für Laptops, Beamer und iPads. Die „mobile IT Systems“ aus einem kleinen Ort bei München zeigt graue Plastikschränke mit Stahlrahmen, die auf den ersten Blick nach Physikraum aussehen. In einem Rollschrank für 32 Tablets finden sich jedoch USB-Buchsen an der Seite, Gitter zur Belüftung und ein Zugang, der Lehrern ermöglicht, alle Schüler-Geräte zentral zu verwalten.

Digitale Tafel: Vor dem großen Messestand des Unternehmens Promethean drängeln sich Lehrer und Unternehmer. Active Panel heißt die digitale Tafel des weltweit tätigen Unternehmens. Lehrer können hier sowohl auf klassisch tafelgrünem Hintergrund Bilder malen, als auch online verfügbare Materialien verwenden. Die Schüler können sie über Tablets zuschalten. Im Sommer kommt das Modell der siebten Generation auf den Markt. 3000 bis knapp 6000 Euro kostet eine Tafel. Dafür seien sie wartungsfrei und langlebig, verspricht Europa-Geschäftsführer Hartmut Becker. 

Foto: Julian Stratenschulte/dpa


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