Zahlen fehlen Messerangriffe immer noch nicht erfasst

Die Zahl der Messerattacken wird nach wie vor bundesweit nicht erfasst. Im Bild Blumen, die nach einem tödlichen Messerangriff in Hamburg auf einem S-Bahnsteig abgelegt wurden. Foto: Bodo Marks/dpaDie Zahl der Messerattacken wird nach wie vor bundesweit nicht erfasst. Im Bild Blumen, die nach einem tödlichen Messerangriff in Hamburg auf einem S-Bahnsteig abgelegt wurden. Foto: Bodo Marks/dpa

Osnabrück. In Deutschland vergeht kaum ein Tag ohne Messerangriff. Nimmt die Zahl tatsächlich zu – oder ist das nur ein Eindruck? Bis belastbare Zahlen vorliegen, kann es allerdings noch Jahre dauern.

Mehrere blutige Messerangriffe haben eine neue Debatte über fehlende Statistiken ausgelöst. Seit Jahren berichten Medien immer häufiger über solche Attacken. Doch ob die Vorfälle wirklich dramatisch zunehmen, lässt sich nach wie vor nicht umfassend beantworten. Denn es gibt keine Zahlen – die Polizei registriert bisher meist nur die Verwendung von Schusswaffen.

BKA kennt keinen Trend

Selbst das Bundeskriminalamt konnte auf Nachfrage unserer Redaktion keinen Trend nennen. Das soll sich zwar ändern: Die Innenministerkonferenz hatte im November die gesonderte Erfassung beschlossen. Das BKA will dies auch umzusetzen, allerdings dürfte dies noch dauern: „Aufgrund der erforderlichen Umstellung von technischen Erfassungssystemen in den Bundesländern geht das BKA davon aus, dass es mehrere Jahre dauern wird, bis das Tatmittel ‚Messer‘ in die PKS eingeführt werden kann.“ 

Bundesländer erfassen Zahlen sehr unterschiedlich

Denn erst müssen all 16 Bundesländer nach einheitlichen Kriterien zählen. Bislang kategorisieren die Bundesländer Messerangriffe unterschiedlich, manche vermerken sogar Fälle, bei denen ein Täter nur ein Messer am Hosenbund trägt.

Die Kriminalstatistiken der Bundesländer zeigen bislang keinen klaren Trend. In einigen Ländern stieg die Zahl der Messerdelikte in den vergangenen Jahren, in anderen sank sie. In Niedersachsen gab es laut Landeskriminalamt 2017 insgesamt 1922 Messerangriffe – das waren weniger als 2016 mit 1991 Fällen. Zuvor hatte es allerdings einen Anstieg gegeben. Zahlen für dieses Jahr liegen noch nicht vor.

Experten sehen deutlichen Zuwachs

„Messerangriffe sind heute leider schon zur Normalität geworden“, sagt der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt. Auch der Kriminologe Prof. Christian Pfeiffer sieht einen deutlichen Zuwachs zwischen 2015 und 2017. Grund dafür sei die Flüchtlingskrise, mit der viele junge Männer ins Land kamen. „Sie mussten eine gefährliche Flucht wagen“, sagte Pfeiffer unserer Redaktion. „Natürlich hatte deshalb fast jeder junge Mann zu seinem Schutz ein Messer dabei.“ Hinzu komme, „dass es sich um eine importierte Machokultur handelt.“

Waffenverbotszonen zur Prävention

Und was hilft zur Prävention? Gewerkschaftschef Wendt fordert: „Wir brauchen die Möglichkeit, mehr Waffenverbotszonen an öffentlichen Plätzen einzurichten und diese zu kontrollieren.“ Der Haken an solchen Maßnahmen ist laut GdP aber auch, dass die Polizei oft nicht ausreichend Personal hat, um solche Kontrollen wirklich intensiv umzusetzen. Deshalb setzen sie auf Integrationskurse und Prävention

Am Wochenende hatten mehrere Messerattacken für Aufsehen gesorgt. So wurde eine 44-jährige Radfahrerin in Lingen von zwei Männern mit einem Messer schwer verletzt. Die Polizei richtete eine Mordkommission ein. 


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