Agrarministerin Klöckner fordert „Bewegung“ vom Umweltressort Zahl der Wolfsangriffe steigt bundesweit deutlich an

Von Klaus Wieschemeyer und Dirk Fisser

Wölfe haben in Deutschland deutlich mehr Nutztiere gerissen. Foto: Swen Pförtner/dpaWölfe haben in Deutschland deutlich mehr Nutztiere gerissen. Foto: Swen Pförtner/dpa

Osnabrück/Hannover. Bundesweit steigt die Zahl der von Wölfen getöteten und verletzten Nutztiere. Bundesagrarministerin Klöckner und Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies fordern vom Bund ein Konzept.

Die Zahl der Wolfsangriffe auf Nutztiere ist bundesweit stark gestiegen. Auch die Zahl der dabei verletzten oder getöteten Tiere hat deutlich zugenommen. Das geht aus der jetzt veröffentlichten offiziellen Schadensbilanz 2017 der zuständigen Dokumentationsstelle des Bundes (DBBW) hervor, die unserer Redaktion vorliegt. Demnach stieg die Zahl der Risse binnen eines Jahres um knapp 66 Prozent auf 472. Die Zahl der dabei getöteten, verletzten oder vermissten Tiere beziffert die Dokumentationsstelle auf 1667, das sind fast 55 Prozent mehr als noch 2016. Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) erklärte auf Anfrage unserer Redaktion: „Der erhebliche Anstieg zeigt, dass wir jetzt Handlungsbedarf haben und sich das Bundesumweltministerium endlich bewegen muss.“ 

Bundesstelle: Herdenschutz vor Abschüssen

Zwischen Umwelt- und Agrarministerium herrscht seit längerem Uneinigkeit darüber, wie mit dem Raubtier umgegangen werden soll. Klöckner betonte erneut: „Ich setze mich für eine gemäßigte Bestandsregulierung ein, die es rechtssicher ermöglicht, einzelne Wölfe eines Rudels zu entnehmen.“ Immer wieder fallen einzelne Wölfe dadurch auf, dass sie wiederholt Schutzzäune überwinden und Schafe oder andere Nutztiere angreifen. Die Umweltminister in Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben deswegen kürzlich je einen Wolf zum Abschuss freigegeben. Im Bericht der Dokumentationsstelle heißt es allerdings, der Abschuss von Wölfen helfe, wenn überhaupt, nur kurzfristig. Die DBBW hält fest: „Um die Probleme dauerhaft möglichst gering zu halten, hilft es nur, Schafe und Ziegen im Wolfsgebiet flächendeckend zu schützen.“ Und: „Die Art und Weise der Nutztierhaltung muss wieder an die Anwesenheit von Wölfen angepasst werden.“

Die meisten Angriffe gebe es in der Regel dort, wo Wölfe sich neue Territorien suchten, und die Nutztierhalter noch nicht entsprechende Schutzmaßnahmen umgesetzt hätten. „Meist gehen die Schäden in diesen Gebieten nach ein, zwei Jahren zurück, wenn die Tierhalter Herdenschutzmaßnehmen richtig anwenden“, so die Dokumentationsstelle. Klöckner betonte indes, dass sich die Zahl der Wölfe alle drei bis vier Jahre verdopple: „Den Schaden hat der Landwirt, auch seine Belange sind zu schützen. Darüber hinaus geht es auch um den Schutz der Menschen“, so die CDU-Politikerin. Die Verunsicherung der Menschen in Wolfsregionen sei verständlich.

Die meisten Risse in Niedersachsen

Gerade Niedersachsen verzeichnet erhebliche Probleme. Der Anstieg der Nutztierrisse von 2016 auf 2017 fiel hier wesentlich höher aus als im Rest der Republik. Laut Bericht der Dokumentationsstelle hat sich die Zahl der Angriffe und der dabei getöteten oder verletzten Tiere binnen eines Jahres mehr als verdoppelt. So nennt der Bericht für das Jahr 2017 insgesamt 551 Nutztiere als Opfer. Das ist der bundesweite Spitzenwert vor Brandenburg (385), Sachsen (278) und Sachsen-Anhalt (214). In Schleswig-Holstein waren 43 Nutztiere betroffen, in Mecklenburg-Vorpommern 88. Die bundesweiten Entschädigungszahlungen beziffert die Dokumentationsstelle für das Jahr 2017 mit etwa 188 000 Euro. Präventionsmaßnahmen wie etwa Zäune subventionierten die Bundesländer mit 1,32 Millionen Euro.

Lies: Bundesweites Wolfskonzept überfällig

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies warb für die gezielte Entnahme einzelner Tiere. „Die größte Herausforderung beim Artenschutz für den Wolf besteht darin, die Akzeptanz in der Bevölkerung auch auf dem Lande auf Dauer zu sichern. Das bedeutet unter Umständen auch, einzelne Tiere mit problematischem Verhalten zu entnehmen, bevor sie ihren Nachkommen beibringen, wie Rinder gerissen oder wolfsabweisende Zäune übersprungen werden“, sagte der SPD-Politiker unserer Redaktion. Wo Herdenschutzmaßnahmen nicht realisierbar seien, müsse es „andere Möglichkeiten im Umgang mit dem Wolf geben“. Dabei sieht Lies die Bundesregierung in der Pflicht. „Wir brauchen daher in allen Bundesländern ein abgestimmtes Vorgehen und Rechtssicherheit. Wir haben deshalb im Oktober eine Initiative in den Bundesrat eingebracht, in der wir ein einheitliches Wolfskonzept für ganz Deutschland fordern. Das ist notwendig und längst überfällig“, sagte er. 


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