zuletzt aktualisiert vor

Debatte um Grenzwerte Belastung von Stickstoffdioxid: Lungenarzt Dieter Köhler räumt Rechenfehler ein

Christopher Chirvi und dpa

Meine Nachrichten

Um das Thema Politik Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Falsch sei unter anderem Köhlers Berechnung, mit der er die Stickstoffdioxidbelastung aus dem Straßenverkehr mit der durch das Rauchen vergleicht. Foto: dpa/Patrick PleulFalsch sei unter anderem Köhlers Berechnung, mit der er die Stickstoffdioxidbelastung aus dem Straßenverkehr mit der durch das Rauchen vergleicht. Foto: dpa/Patrick Pleul

Berlin. 107 Lungenärzte hatten die Ende Januar veröffentlichte Stellungnahme von Dr. Dieter Köhler unterschrieben, in der er geltenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid in Frage gestellt hatte. Jetzt hat er zugegeben, dass diese mehrere Rechen- und Zahlenfehler enthält. Ein Problem sehe er dennoch nicht.

Die Stellungnahme, mit der 107 Lungenärzte im Januar die geltenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid in Frage gestellt hatten, enthält mehrere Rechen- und Zahlenfehler. Das hat der Hauptautor der Stellungnahme, Dr. Dieter Köhler, der "taz" bestätigt, die die Fehler zuvor aufgedeckt hatte. 

Falsch sei demnach unter anderem Köhlers Berechnung, mit der er die Stickstoffdioxidbelastung aus dem Straßenverkehr mit der durch das Rauchen vergleicht. Demnach nehme ein Raucher bei einem Päckchen pro Tag in wenigen Monaten die gleiche Menge Feinstaub und Stickoxid auf, wie ein 80-jähriger Nichtraucher im Leben mit der Außenluft einatmen würde. Soll heißen: so groß ist das Risiko durch diese Schadstoffe nicht, sonst müssten die meisten Raucher nach wenigen Monaten sterben.

Fehlerhafte Umrechnungen, falsche Ausgangswerte

Doch in der Rechnung stecken Fehler, verursacht durch fehlerhafte Umrechnungen und falsche Ausgangswerte, wie es in dem Bericht der "taz" heißt. Folge man der Logik Köhlers und korrigiere die Fehler, nehme ein Raucher durch Zigaretten erst in gut 6 bis 32 Jahren eine Stickstoffdioxid-Menge auf wie ein 80-Jähriger Nichtraucher zeit seines Lebens beim Einatmen von Außenluft. Bereits zuvor hatten Experten betont, der Vergleich zwischen einer anhaltenden Belastung wie etwa durch verschmutzte Luft und einer vorübergehenden hohen Belastung etwa beim Rauchen, sei nicht zulässig.

Lungenarzt Dieter Köhler. Foto: imago/Jürgen Heinrich

Auch die zur Berechnung herangezogenen Feinstaub-Werte im Zigarettenrauch seien falsch, heißt es in dem Zeitungsbeitrag weiter. Sie errechneten sich aus dem Kondensatgehalt der Zigaretten – umgangssprachlich Teer genannt –, für den es bereits seit 15 Jahren EU-weit einen deutlich niedrigeren Grenzwert gebe. Insbesondere diese Berechnungen korrigierte das Team um Köhler nun in einer Ergänzung zu der Stellungnahme, an der Grundaussage aber halten die Fachärzte fest. "Insgesamt ändern diese kleinen Korrekturen natürlich nichts an der Gesamtaussage, dass die sogenannten Hunderttausende von Toten durch Feinstaub und NO2 sowie die daraus verursachten Krankheiten in Europa nicht plausibel sind", teilte Köhler mit.

Widerspruch kam auch von Fachkollegen

Die Veröffentlichung der Stellungnahme, die insgesamt nur rund 130 von 3800 angeschriebenen Lungenärzte unterschrieben hatten, hatte eine breite öffentliche Debatte über die Sinnhaftigkeit der geltenden Grenzwerte ausgelöst. Während Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer die Initiative begrüßte und eine "ganzheitliche Sichtweise" anmahnte, wiesen das Bundesumweltministerium und die Grünen die Kritik der Lungenärzte zurück.

Massiver Widerspruch kam auch von Fachkollegen. So betonten pneumologische Fachgesellschaften und Berufsverbände, die Gefährlichkeit von Luftschadstoffen wie Stickoxiden für die Gesundheit sei grundsätzlich gut belegt. Die Grenzwerte seien so gewählt, dass selbst für chronisch Kranke negative Effekte ausgeschlossen werden können, hieß es auch vom Forum der Internationalen Lungengesellschaften (Firs), das internationale Standards nachdrücklich unterstütze.

Die auf EU-Ebene festgelegten und auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO basierenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide sind Grundlage für Fahrverbote. Der gültige Stickstoffdioxid-Grenzwert liegt im Jahresmittel bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Die Grenzwerte für Feinstaub hängen von der Partikelgröße ab.

Was sagt das Verkehrsministerium dazu?

Das Verkehrsministerium erklärte nun am Donnerstag, der Aufruf der Lungenärzte hae einen "Impuls" zur Debatte über die Grenzwerte gesetzt. Die Debatte habe unter anderem dazu geführt, dass sich die Leopoldina als Nationale Akademie der Wissenschaften sich des Themas annehmen solle. Der Minister habe zudem ein Schreiben an EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc verfasst, damit die EU-Kommission die Herleitung der Grenzwerts sowie eine Neubewertung prüfe. "Auf diesen Ebenen muss die Debatte wissenschaftlich fortgesetzt und eine Versachlichung herbeigeführt werden."

Weiterlesen: Höhere Grenzwerte für Stickoxide? EU-Kommission dementiert 


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN