CDU-Politikerin Behrends legt neues Buch vor Familienpolitik statt Sexismus?

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2016 stieß die aus Niedersachsen stammende CDU-Politikerin Jenna Behrends eine Sexismus-Debatte in ihrer Partei an. Jetzt legt sie ein Buch zur Familienpolitik vor. Foto: Sophia Kembowski/dpa2016 stieß die aus Niedersachsen stammende CDU-Politikerin Jenna Behrends eine Sexismus-Debatte in ihrer Partei an. Jetzt legt sie ein Buch zur Familienpolitik vor. Foto: Sophia Kembowski/dpa

Osnabrück. Vor zwei Jahren löste die CDU-Politikerin Jenna Behrends eine Sexismus-Debatte in der Union aus. Jetzt legt sie ein Buch zur Familienpolitik vor. Lohnt sich die Lektüre?

Null Treffer. Dies ist das Ergebnis, wenn man Jenna Behrends Buch "Rabenvater Staat" auf den Begriff "Sexismus" hin durchsucht. Das Wort "Gender" findet sich zweimal – allerdings nur in den Anhängen am Schluss des 208-Seiten starken Werks mit dem Untertitel "Warum unsere Familienpolitik einen Neustart braucht", das an diesem Donnerstag im dtv-Verlag erscheint. Diese Details sind insofern bemerkenswert, da die CDU-Politikerin vor gut zwei Jahren im Zusammenhang mit einer Sexismus-Debatte in ihrer Partei auf einen Schlag zu einer Berühmtheit wurde. Jetzt also ein Buch zur Familienpolitik. Was ist passiert?

"Große süße Maus"

Auslöser der Aufregung vor zwei Jahren war ein Text, den die junge CDU-Politikerin (Jahrgang 1990) aus Rabber, einem Ortsteil der niedersächsischen Gemeinde Bad Essen, am 23. September 2016 im feministischen Online-Magazin  "Edition F" veröffentlichte. Der Einleitung "Liebe Partei, liebe CDU Berlin, wir müssen reden" folgte eine Beschreibung von Anzüglichkeiten und negativen Erlebnissen, die Behrends damals in ihrer Partei, speziell in der Hauptstadt-CDU, erfahren habe. Ein Senator habe sie auf einem Parteitag vor Zeugen als "große süße Maus" bezeichnet, schrieb Behrends, später soll dieser auch einen Parteifreund gefragt haben: "Fickst Du die?" Der Senator sei Berlins damaliger Innensenator Frank Henkel gewesen, bestätigte Behrends kurze Zeit später gegenüber der "Bild"-Zeitung. Henkel dementierte die Wortwahl nicht, zeigte sich aber enttäuscht über Art und Tonalität von Behrends Veröffentlichung. 

Die Sache mit dem "Flirt"

Eigentlich hätte hier Schluss sein können mit der Aufregung. Doch der Stein war ins Rollen geraten, eine Lawine folgte. Der Berliner CDU-Landesverband, darunter einige Frauen, verwahrte sich empört gegen die Vorwürfe, Behrends ihrerseits geriet unter Beschuss. Sie selbst habe Privates öffentlich gemacht, indem sie einer Parteifreundin gegenüber eine Affäre mit Peter Tauber, ehemaliger CDU-Generalsekretär, erwähnte. Tauber, zu dieser Zeit bereits wegen einer parteiinternen Mobbing-Affäre unter Druck, räumte einen "Flirt" ein. Eine Debatte um das Thema Sexismus begrüßte er als wichtige Auseinandersetzung. 

Debatte zur Unzeit

Längst nicht jeder in der Union wollte Taubers Einschätzung folgen, die Schwesterparteien gerieten in Aufruhr. Wurden Frauen wie Behrends – jung, clever, attraktiv, ehrgeizig – in CDU und CSU tatsächlich systematisch ausgegrenzt? Ja, sagten die einen, nein, sagten die anderen. Die Debatte kam zur Unzeit, nur wenige Tage zuvor hatte die CDU bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus eine kapitale Schlappe eingefahren. Zugleich war die Quereinsteigerin Behrends, erst seit 2015 Mitglied der CDU, in die Bezirksverordnetenversammlung gewählt worden, die Volksvertretung auf Ebene der Berliner Bezirke. Ihre Einschätzung, es mangele an Zusammenhalt von Frauen in der Partei, verwandelte sich von einem Appell für mehr Solidarität in einen Bumerang, der sie bald selbst treffen sollte. Behrends, obwohl einige Unterstützer, sah sich zusehends isoliert. War dies der Punkt, an dem die gelernte Juristin, die als Schülerin ein Austauschjahr in Costa Rica verbracht hatte, beschloss, sich anderen Themen zu widmen? 

Von der Krabbeldecke zur Politik

Mag sein. Sie selbst offeriert eine andere Erklärung. Behrends, mit 23 Jahren Mutter einer Tochter geworden, erging es wie vielen, deren Lebenssituation sich grundlegend ändert: Die persönliche Situation öffnet den Blick für neue, für andere Themen, verschiebt Gewichtungen, lässt Problemfelder hervortreten und andere weichen. Behrends selbst beschreibt es in ihrem Buch so:  "Doch dann nahte langsam auch für die anderen aus der Krabbelgruppe das Ende der Elternzeit, und ich begriff, wie politisch diese Windelträger vor uns auf der Krabbeldecke sind, wie politisch Familie ist." Und so widmet sich Behrends Buch mit vollem Elan der Familienpolitik: "Wir brauchen dringend einen Streit um die besten Ideen", fordert sie. Und wirft klare Fragen auf, etwa diese: "Was würde die Situation für Familien wirklich verbessern und hätte nicht nur den Symbolwert einer Muttertagspraline? Sind es all diese Einzelmaßnahmen, die Familien brauchen? Oder müssen wir Familienpolitik komplett neu denken?"

Worauf es ankommt

Ja, das müssen wir, fordert Behrends, und stellt in zwölf Kapiteln von "Politik, die Eltern etwas zutraut" über "Politik, die zum echten Leben passt" bis hin zur "Politik, die mit Steuern steuert" einen umfassenden Neustart hin zu einer realitätsnahen Familienpolitik vor. Im Schlussakt "Auf in die Trotzphase" wird die Autorin noch einmal persönlich, erzählt von ihrer Kindheit auf dem niedersächsischen Land. Und wird auch ein Stück weit versöhnlich: "Am Ende kommt es nicht darauf an, was in Gesetzen, Rechtsverordnungen und Satzungen steht", schreibt sie. "Es kommt darauf an, was wir daraus machen und wie wir diese leben."

Lesen oder nicht?

Der Vollständigkeit halber: Das Wort Sexismus findet sich in Behrends Buch nicht, aber das Wort "Windel" kommt 21-mal vor. Macht es das nun zu einer Lektüre allein für junge Mütter? Mitnichten. 2016 hatte Behrends erklärt, Politik sei zu wichtig, „um sie hauptsächlich alten Männern zu überlassen“. Das sorgte für Wirbel. Hätte man weiter gelesen, hätte man in ihrem offenen Brief auch diesen Satz finden können: "Die Liste der Probleme, für die wir eine Lösung finden müssen, ist lang: Ich will eine bessere Familienpolitik, echte Chancengleichheit und eine funktionierende Verwaltung." Ihr Buch "Rabenvater Staat" ist also nur konsequent. Und könnte eine neue, zielführendere Debatte anregen. Dazu sollte man es allerdings lesen.




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