Feinstaub und Stickoxide Debatte um Grenzwerte: Wer hat denn nun Recht?

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Wie gefährlich sind Feinstaub und Stickoxide wirklich? Diese Frage stellen rund 100 Lungenexperten – und ernten viel Kritik. Foto: dpa/Sebastian GollnowWie gefährlich sind Feinstaub und Stickoxide wirklich? Diese Frage stellen rund 100 Lungenexperten – und ernten viel Kritik. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Hamburg. Forscher bezeichnen Lungenexperten, die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide in Frage gestellt haben, als "Laien". Eine Übersicht der Positionen.

Der Auslöser der neuen Feinstaub-Debatte

Mehr als hundert Lungenspezialisten bezweifeln den gesundheitlichen Nutzen der aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide (NOx). Sie sehen derzeit keine wissenschaftliche Begründung, die die konkret geltenden Werte rechtfertigen würden, heißt es in einer veröffentlichten Stellungnahme vom vergangenen Mittwoch. Die Daten zur Gefahr durch Luftverschmutzung seien "extrem einseitig" interpretiert worden. Dagegen heißt es im Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) von Ende 2018: „Gesundheitsschädliche Effekte von Luftschadstoffen sind sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch bei Patienten mit verschiedenen Grunderkrankungen gut belegt." 

Große Aufregung, wenig Unterstützer

Federführend beim Positionspapier ist der Lungenexperte Dieter Köhler, der selbst Präsident der DGP war. Köhlers Papier ging bereits Anfang Januar an rund 3800 DGP-Mitglieder, unterzeichnet haben es rund 110, also weniger als drei Prozent der angefragten Mitglieder. Dass nicht mehr Mitglieder unterschrieben, deutet darauf hin, dass nur sehr wenige Lungenexperten in Deutschland Köhlers Ansichten teilen. Neben Köhler zeichnen auch drei weitere Autoren für das Positionspapier verantwortlich, darunter der Karlsruher Ingenieurwissenschaftler Thomas Koch, der zehn Jahre lang Motoren für Daimler entwickelt hat.

Die Reaktionen: Vor allem heftige Kritik

Seit der Veröffentlichung sind das Papier und dessen Verfasser von Forschern und Verbänden teilweise heftig kritisiert worden. Gegenüber dem Radiosender "Deutschlandfunk" sagte Nino Künzli, Schweizer Experte für Gesundheitsrisiken durch Luftschadstoffe, dass das Papier "unwissenschaftlich" sei. Er beizeichnete die Verantwortlichen als "Laien", die ihre Meinung "aus dem Bauch heraus" kundgetan hätten, entgegen der Forschung und Studien der vergangenen 30 Jahre. Es gebe keinen Expertenstreit in dieser Frage. Die Wissenschaft, die sich mit den Auswirkungen von Luftschadstoffen auf die Gesundheit beschäftigte, ist die Epidemiologie. Das Wissenschaftsmagazin "Spectrum" weist darauf hin, dass sich unter den Grenzwertkritikern kein einziger fände, "der sich auf diesem Gebiet einen Namen gemacht hätte."  

Jonathan Grigg, Professor für pädiatrische Atmungs- und Umweltmedizin an der Queen Mary Universität in London, sagte, dass es "besonders enttäuschend" sei, dass dieses Papier trotz aller wissenschaftlichen Belege von Ärzten unterzeichnet worden sei. Kai-Michael Beeh, Leiter des Instituts für Atemwegsforschung in Wiesbaden, kritisierte gegenüber "Spiegel Online", dass die Verfasser des Positionspapiers nicht einen Beleg für ihre Thesen lieferten oder einen Vorschlag für die Zukunft machten.

Verkehrsminister Scheuer: "Bin kein Lungenfacharzt"

Dagegen bezeichnete Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) die geäußerten Zweifel an der Gesundheitsgefahr durch Feinstaub und Stickoxiden als einen "wichtigen und überfälligen Schritt". Er werde das Thema beim EU-Verkehrsministerrat ansprechen. Grenzwerte dürften "nicht auf Willkür basieren", sagte er am Montag vor einer CSU-Vorstandssitzung in München. Sowohl die Werte für Feinstaub als auch für NO2 wurden vor Jahren auf EU-Ebene festgelegt. Der gültige Jahresmittelwert für Stickoxide beruht auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). 

Andreas Scheuer (CSU), Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur. Foto: dpa/Peter Kneffel

Zum massiven Widerspruch internationaler Lungenfachärzte wollte sich Scheuer nicht äußern. „Ich bin kein Lungenfacharzt, das ist auch gut so", sagte der Minister. FDP-Chef Christian Lindner forderte eine Untersuchung darüber, ob die EU-Schadstoffgrenzwerte tatsächlich dem neuesten medizinischen Kenntnisstand entsprechen. 

Die Thesen des Papiers

Das Positionspapier von Köhler greift drei Punkte auf. Wissenschaftler kritisieren diese unter anderem als haltlos und überholt.

1. Korrelation und Kausalität: Laut Köhler und Unterzeichnern gibt es trotz Warnungen und Grenzwerten nicht einen Feinstaub-Toten, während jährlich Tausende an Lungenkrebs und -krankheiten sterben, die durch das Rauchen ausgelöst werden.

Es gibt keine Todesursache Feinstaub – ebenso wenig gibt es eine Todesursache Rauchen oder Bewegungsmangel. Wenn ein Patient an Lungenkrebs sterbe, "dann ist es ein Tod durch Lungenkrebs und nicht durch Tabak, der erfasst wird," sagte Michael Brauer, Professor an der kanadischen Universität von British Columbia in Vancouver. Und weiter: "Die geschätzte Zahl der Todesfälle durch Rauchen wird auf der Grundlage statistischer Zusammenhänge aus epidemiologischen Studien ermittelt, genau wie wir die Todesfälle durch Luftverschmutzung schätzen.“ Es gebe zahlreiche wissenschaftliche Studien über den Zusammenhang von Luftverschmutzung und Gesundheit, die einen Zusammenhang nachweisen würden. (Weiterlesen: Feinstaubbelastung: Zahl der Todesfälle deutlich höher als bislang angenommen?)

2. Störfaktoren: Laut Köhler und Unterstützern wiegen Faktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum oder körperliche Bewegung "meist hundertfach stärker" als die Gefahren der Luftverschmutzung.

Verschiedene internationale Forscher halten entgegen, dass diese sogenannten Störfaktoren bei den Studien stets berücksichtigt würden und diese die beobachteten Zusammenhänge zwischen Luftverschmutzung und Gesundheit nicht erklärten. Der kanadische Forscher Brauer verwies auf den Unterschied zwischen Einzel- und Bevölkerungsrisiko. "Glücklicherweise rauchen die meisten Menschen nicht. Im Gegensatz dazu ist fast jeder der Luftverschmutzung ausgesetzt. Obwohl sie für jeden Einzelnen etwas weniger gefährlich ist, können so die Auswirkungen insgesamt größer sein als beim Rauchen", so Brauer.

3. Schwellenwert und Toxizitätsmuster: Köhler bemängelt, dass es für die angeblich gefährliche Luftverschmutzung weder einen Schwellenwert – ab dem ein Gift schädlich ist – noch ein typisches Vergiftungsmuster gebe, wie bei praktisch jedem anderen Gift.

Brauer verweist darauf, dass Luftverschmutzung kein einzelner Stoff sei, sondern "eine Mischung aus Hunderten von verschiedenen Verbindungen, genau wie Zigarettenrauch." Deshalb könne man sie nicht wie ein klassisches Gift behandeln. Die Folge von Luftverschmutzung sei "eine Entzündung, die in der Lunge als Reaktion auf den Fremdstoff beginnt und dann ‚überläuft‘ in den gesamten Kreislauf." Dieses Muster bestehe auch für Zigarettenrauch und betreffe mehrere Organsysteme.

Einen Schwellenwert für die Luftverschmutzung gebe es nicht, da Menschen unterschiedlich empfindlich auf Schadstoffe reagierten. Das Forum der Internationalen Lungengesellschaften (FIRS) stimme den nationalen deutschen Standards, den europäischen Standards und denen der WHO nachdrücklich zu. Die Grenzwerte seien so gewählt, dass selbst für chronisch Kranke wesentliche negative Effekte auf die Gesundheit ausgeschlossen werden können. (mit dpa)


Welche Grenzwerte gibt es für Feinstaub und Stickoxide?

Feinstaub entsteht beispielsweise im Verkehr durch Verbrennungsmotoren, aber auch Reifenabrieb. Die Grenzwerte für Feinstaub hängen von der Partikelgröße ab. Als besonders gefährlich gelten Teilchen mit weniger als 2,5 Mikrometern Durchmesser (PM2,5), die sich in Bronchien und Lungenbläschen festsetzen oder sogar ins Blut übergehen können. Für sie gilt in Europa ein Wert von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel. Für Teilchen mit einem maximalen Durchmesser von 10 Mikrometer (PM10) liegt der Tagesgrenzwert bei 50 Mikrogramm pro Kubikmeter und darf nicht öfter als 35 Mal im Jahr überschritten werden. Bei den Stickoxiden (NO2) darf gemäß dem EU-weiten Grenzwert im Jahresmittel die Belastung im Freien nicht über 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Stickoxide sind Reizgase, die ebenfalls bei Verbrennungsprozessen etwa im Straßenverkehr entstehen. (dpa)

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