Außenpolitik Außenminister Maas hat sich noch nicht freigeschwommen

Abwärts mit den Händen in den Taschen: Bundesaußenminister Heiko Maas verlässt das Hauptgebäude der Vereinten Nationen in New York. Foto: Xander Heinl/photothekAbwärts mit den Händen in den Taschen: Bundesaußenminister Heiko Maas verlässt das Hauptgebäude der Vereinten Nationen in New York. Foto: Xander Heinl/photothek

Osnabrück. Seit fast einem Jahr jettet Heiko Maas als Bundesaußenminister für deutsche Interessen um die Welt. Doch anders als viele seiner Vorgänger hat er das Prestige des Amtes bislang nicht in Popularität ummünzen können. Woran liegt das? Erklärungsversuche von der Opposition - und einer Psychologin.

„Hat er wirklich die Hände in den Taschen?“ Vor dem Abflug zu den Vereinten Nationen in die USA steht Bundesaußenminister Heiko Maas auf dem Rollfeld unweit des Regierungsflugzeugs. Und ja, er hat die Hände in seiner Anzughose vergraben. 

Was Lässigkeit demonstrieren soll, verstört offenbar Follower bei Twitter. Soeben hat der Bundesaußenminister Russland vor laufenden Kameras aufgefordert, seine neu entwickelten landgestützten nuklearen Mittelstreckenraketen abzurüsten. Mit den Händen in den Taschen. „Russland zittert schon“, raunt es umgehend im sozialen Netzwerk.

Im März wird Heiko Maas ein Jahr im Amt sein. Sonderlich beliebt bei den Bürgern ist er nicht. Das jüngste Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen rechnet ihn nicht mal mehr zu den zehn wichtigsten Politikern im Land. Auch bei Infratest Dimap sank sein Stern. Waren im September 2018 noch 47 Prozent der befragten Bürger mit Maas' Leistung zufrieden, sind es im Januar nur noch 40 Prozent. Das verwundert. 

Denn gemeinhin macht sich, wer den Posten des deutschen Chefdiplomaten ergattert, bei den Menschen beliebt. Das mit enormer Medienpräsenz verbundene und so prestigeträchtige wie staatstragende Amt gilt als Popularitätsbeschleuniger. Nicht so bei Maas. 


Die Reisen des Außenministers können ihn gar nicht weit genug wegbringen, als dass ihn die dramatische Lage der SPD nicht einholt.Bijan Djir-Sarai, außenpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion


„Die Reisen des Außenministers können ihn gar nicht weit genug wegbringen, als dass ihn die dramatische Lage der SPD nicht einholt“, versucht sich Bijan Djir-Sarai an einer Erklärung. Djir-Sarai ist außenpolitischer Sprecher der Liberalen im Bundestag und als solcher ein skeptischer Beobachter der Maas'schen Politik. 

„Objektiv spielt natürlich sicher die allgemein für die SPD ungünstige Stimmungslage eine Rolle“, diagnostiziert auch Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. Zudem verweist er auf die Tatsache, „dass das Amt des Außenministers und des Vizekanzlers und des Parteivorsitzenden in der Vergangenheit sehr oft in einer Person vereinigt war". Aktuell sind diese Ämter auf drei Personen aufgeteilt.

Doch reicht das als Erklärung dafür, warum aus Maas bis dato kein Außenminister der Herzen geworden ist? Liegt es nicht am schwierigen internationalen politischen Umfeld, in dem für Erfolgsnachrichten kaum Platz ist? Oder an „Altlasten“, die Maas aus seiner Zeit als Justizminister mit ins neue Amt gebracht hat, Stichwort Netzwerkdurchsuchungsgesetz? Fehlt das während einer langen außenpolitischen Karriere erworbene Gespür für die hohe Diplomatie? Im März 2018 war der Jurist Maas völlig überraschend von der Spitze des Justizministerium ins Außenamt gewechselt. 

Psychologin analysiert Körpersprache

"Sein Vorgänger Sigmar Gabriel hat sich im Amt des Außenministers schnell freigeschwommen. Das ist Heiko Maas bislang nicht gelungen", sagt der grüne Außenpolitiker Jürgen Trittin: "Er hat es im ersten Jahr seiner Amtszeit nicht geschafft, ein eigenes außenpolitisches Profil zu entwickeln und fremdelt nach wie vor im Amt wie einst der liberale Außenminister Westerwelle". Das im Auswärtigen Amt zur Verfügung stehende analytische Potenzial nutze der Ressortchef nur ungenügend. 

Die Psychologin Monika Matschnig macht noch einen ganz anderen Faktor für die bescheidene Beliebtheit bei den Bürgern aus - die Körpersprache nämlich. „In der Politik hat die Wirkungskompetenz die Sachkompetenz überholt. Heiko Maas wirkt nüchtern, analytisch, unnahbar. Alles Faktoren, mit denen man Menschen nicht erreicht“, sagt Matschnig, die zahlreiche Bücher über Körpersprache verfasst hat. Maas falle es offensichtlich schwer, Gefühle zu wecken und Menschen mitzureißen. 


Der Minister sollte ab und an die goldene Regel beherzigen: Ein freundliches Gesicht gewinnt Menschen.Monika Matschnig, Psychologin und Expertin für Körpersprache


„Die Stimme ist zu monoton, sein Gesichtsausdruck zu starr. Und dass der korrekte Einsatz von Gesten Gesagtes verstärken und gleichzeitig Aufmerksamkeit erzeugen kann, ist ihm wohl ein Fremdwort“, analysiert Matschnig und empfiehlt Maas, ab und an eine goldene Regel zu beherzigen: "Ein freundliches Gesicht gewinnt Menschen“.

Tatsächlich hat es der Saarländer auf internationaler Bühne mit Herausforderungen zu tun, die wenig Anlass bieten für ein freundliches Gesicht. Sie reichen vom Brexit und wachsendem Nationalismus in Europa über den Syrien-Krieg und den Ukraine-Konflikt bis zum drohenden Aus des INF-Vertrags zur Kontrolle von Mittelstreckenwaffen und dem Ausstieg der Amerikaner aus dem Atomdeal mit Iran. Ein immer selbstbewusster auftretendes China setzt auf die Ausweitung seiner Einflusssphäre in Afrika und Osteuropa. Nordkorea hat sein Atomprogramm immer noch nicht eingestellt. Und der angekündigte Abzug der Amerikaner aus Afghanistan ließe auch die deutschen Truppen dort im Regen stehen.

Überhaupt die USA: Wie geht man mit einem Partner um, wenn dieser das westliche Bündnis und multilaterale Absprachen ständig torpediert? Im vergangenen Jahr veröffentlichte Maas dazu ein Denkpapier; es sei höchste Zeit, die Partnerschaft neu zu vermessen. Das war den Einen zu pessimistisch. Andere witterten einen Hauch von Antiamerikanismus. 

Joggen im Central Park

Bereits zuvor hatte der Minister erfahren müssen, dass es unmöglich ist, es in der Außenpolitik allen recht zu machen. Mit seinem anfänglich harten Kurs gegen Russland stieß Maas viele in seiner eigenen Partei vor den Kopf.  

Nun erwartet niemand vom deutschen Außenminister, weltpolitische Probleme im Handstreich zu lösen. Wohl aber muss er der Selbstverpflichtung Deutschlands nachkommen, mehr internationale Verantwortung übernehmen zu wollen. 

"Für einen Außenminister reicht es nicht, öffentlichkeitswirksam durch den New Yorker Central Park zu joggen. Die Bürger spüren, ob sich ein Außenminister mit eigenen Initiativen international und auch in der eigenen Partei Respekt verschafft oder ob er von Krisen und Umständen getrieben bleibt. Bei Heiko Maas ist bislang Letzteres der Fall", sagt der Grüne Trittin.


Die Bürger spüren, ob sich ein Außenminister mit eigenen Initiativen international und auch in der eigenen Partei Respekt verschafft oder ob er von Krisen und Umständen getrieben bleibt. Bei Heiko Maas ist bislang Letzteres der Fall.Jürgen Trittin, Außenpolitiker der Grünen


„Maas verkörpert die mangelnde außenpolitische Strategie der Bundesregierung“, moniert Djir-Sarai. Als Beispiel nennt der Liberale den Streit um den INF-Vertrag zur Rüstungskontrolle: „Dass die USA aussteigen würden, hat sich lange angebahnt. Doch die Bundesregierung hat es einfach laufen lassen und versäumt, zwischen Russland und den USA zu vermitteln“. Und auch was die Nachkriegsordnung in Syrien anginge, stehe Deutschland mangels klarer Perspektive außen vor.

Oppositionspolitiker im Bundestag bemängeln zudem, Deutschlands Chefdiplomat fremdle mit dem parlamentarischen Betrieb. „Heiko Maas ist zu wenig kooperativ mit dem Auswärtigen Ausschuss und zu wenig durchsetzungsstark in der Bundesregierung beziehungsweise Koalition“, kritisiert Stefan Liebich, außenpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag. Maas‘ Haushaltsverhandlungen seien „desaströs“ gewesen. „Während Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen mit einem dicken Plus im Regierungsentwurf glänzte, gab es bei Maas de facto ein Minus, was das Parlament korrigieren musste“, sagte Liebich.

Minister macht sich im Ausschuss rar

Im Auswärtigen Ausschuss fühlen sich Parlamentarier nicht genügend informiert seitens des Ministers. Maas erscheine zu selten persönlich, und wenn er denn anwesend sei, würden die Ausschussmitglieder mit Zeitungswissen abgespeist, heißt es. Die Bereitschaft, große außenpolitische Debatten mit den Parlamentariern zu führen? Fehlanzeige. 

"Außerdem reagiert er überempfindlich und nicht eben souverän auf Kritik ", sagt ein Ausschussmitglied. Zwischen dem Vorsitzenden Norbert Röttgen und Maas stimme die Chemie nicht, davon zeugten zahlreiche Sticheleien. Als der Minister einmal den Raum betreten habe, soll Röttgen gescherzt haben: „Jetzt geht die Sonne auf“.

Seit Jahresbeginn ergibt sich für den Chefdiplomaten nun eine neue Gelegenheit, sich zu profilieren. "Gerade wenn Deutschland für die nächsten zwei Jahre einen Sitz im UN-Sicherheitsrat hat, muss Außenminister Maas eigene Initiativen entwickeln, die eine gesamteuropäische Außenpolitik voranbringen", fordert Grünen-Politiker Trittin. Es könne doch nicht sein, dass beispielsweise Italien und Frankreich in Libyen unterschiedliche Politiken betreiben: "Da ist es auch an Außenminister Maas, eine einheitliche Linie herbeizuführen." 

Ob er damit bei den Bürgern punkten kann?


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