Nachfrage steigend Rollatoren: Hilfreiche Stütze oder schädliche Gehhilfe?

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In Reih und Glied stehen verschiedene Rollatoren-Modelle in einer Sammelunterkunft in Nordhausen. Immer mehr Menschen  in Deutschland greifen auf Gehhilfen mit Rädern zurück. Foto: dpa/Swen PförtnerIn Reih und Glied stehen verschiedene Rollatoren-Modelle in einer Sammelunterkunft in Nordhausen. Immer mehr Menschen in Deutschland greifen auf Gehhilfen mit Rädern zurück. Foto: dpa/Swen Pförtner

Osnabrück. Immer mehr ältere Menschen in Deutschland nutzen Rollatoren – auch, um noch am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Doch bei Medizinern gehen die Meinungen über Schaden und Nutzen der Gehhilfen stark auseinander.

Vom Esstisch zur Küche, von der Küche zum Sofa, vom Sofa zum Laufgerät, alle Wege in ihrer Wohnung legt Hildegard Kötter mit einem Rollator zurück. „Ohne Rollator könnte ich nichts mehr“, sagt die 86-Jährige. Als ihre Hüftprobleme Anfang 2017 schlimmer und die Wege immer mühseliger geworden waren, hatte sich die gebürtige Osnabrückerin auf Anraten ihrer Physiotherapeutin zwei der Gehhilfen gekauft, eine für draußen und eine für drinnen. „Damit war ich deutlich schneller und es war praktisch wegen der zusätzlichen Ablagefläche. Dadurch brauchte ich beispielsweise in die Küche nur noch drei statt acht Mal zu gehen.“

Ihre Kinder hätten das Hilfsmittel von Anfang an befürwortet. „Ich dachte erst, es wäre nur ein Übergang und dass ich nach ein paar Monaten wieder ohne klar kommen würde. Aber ich merke, dass meine Kräfte insgesamt weniger werden“, sagt die ehemalige Apothekerin. Mit dem Rollator läuft sie nun zum Wochenmarkt, Discounter oder zum Arzt. „Man muss sich entscheiden, ob man weiter am Leben teilhaben will oder nicht. Mir gibt der Rollator Selbstständigkeit“, sagt Kötter. Unabhängigkeit sei ihr wichtiger als das Aussehen. Zwar habe sie sich am Anfang mit dem Hilfsgerät ungewohnt gefühlt, aber sie fühle sich damit nicht beobachtet. „Weil das heute so viele haben“, wie sie sagt.

Nachfrage steigt

Die Nachfrage nach Rollatoren steigt hierzulande tatsächlich an. Beispiel AOK Niedersachsen: Dort ist die Zahl der von der Krankenkasse bezahlten Rollatoren von 43.858 im Jahr 2012 auf 48.407 in 2017 gestiegen. Auch andere gesetzliche Krankenkassen berichten von Zunahmen im zweistelligen Prozentbereich. „Eine älter werdende Gesellschaft hat einen höheren Bedarf an solchen Mobilitätshilfsmitteln“, heißt es von der Niedersächsischen Ärztekammer.

Branchenexperten gehen davon aus, dass jährlich etwa 650.000 Rollatoren neu verkauft werden. Davon entfallen rund 400.000 Stück auf die durch die Krankenkasse bezahlten Standardrollatoren. 2008 waren es noch geschätzt 335.000 Stück. Und die Zahl der Gehhilfen wird auch weiter wachsen. Aktuell ist jede fünfte Person hierzulande im Seniorenalter (21 Prozent). Der Blick in die Zukunft zeigt, dass die Bevölkerung künftig noch wesentlich stärker als heute von älteren Menschen geprägt sein wird. Laut des Statistischen Bundesamtes wird der Anteil der Generation 65 plus im Jahr 2030 bei 26 Prozent und im Jahr 2060 bei 31 Prozent liegen.

Angebot bei Discountern

Rollatoren werden nicht nur vom Arzt verordnet, sondern auch ohne Rezept gekauft. Selbst Discounter haben gelegentlich günstige Modelle im Angebot. So bietet der Supermarkt Lidl die Gehhilfen seit 2008 bei Aktionen in seinen Filialen an. Auch andere große Handelsketten wollen ein Stück vom Kuchen abbekommen: Aldi Süd etwa bot schon mehrmals Rollatoren zu Discount-Preisen an. Auf der anderen Seite bieten Hersteller Premiummodelle an, die über 500 Euro kosten und in Material und Farbe so individuell zusammengestellt werden können wie ein Auto.

Foto: dpa/Sebastian Willnow

Wenn vom Arzt verordnet, bekommen Patienten für meist fünf Jahre einen Rollator gestellt. Die Kassen zahlen aber lediglich Pauschalen zwischen 70 und rund 100 Euro für ein einfaches Standardmodell. Wer einen teureren Rollator wünscht, muss die Differenz selbst übernehmen. Je nach Modell und Kassenleistung macht das zwischen 100 und 300 Euro Eigenanteil. Vor allem Menschen, die sich auch ohne ärztlichen Rat für einen Rollator entscheiden, wählen aus dieser Preisklasse, heißt es bei verschiedenen Sanitätshäusern. Die Modelle, die Stiftung Warentest in ihrem letzten Vergleich 2014 für „gut“ befand, waren teurer als 200 Euro. Billigere Produkte schwächelten unter anderem bei der Sicherheit. 

„Der Peinlichkeitseffekt ist weg“

Seine Großmutter hätte nie einen Rollator benutzt, erzählt Sascha Bischoff vom deutschen Rollatorhersteller Bischoff & Bischoff. Weil sonst die Leute gedacht hätten, dass sie eine alte Frau sei, so der Enkel. „Dieses Schamgefühl gibt es heute nicht mehr. Der Peinlichkeitseffekt ist weg“, sagt Bischoff. Das mittelständische Familienunternehmen gehört neben dem norwegischen Konzern Topro zu einer Hand voll Premiumanbietern in Deutschland. Eine mittlere sechsstellige Stückzahl verkauft die Firma hierzulande pro Jahr. „Einen Rollator sucht man sich heute genauso aus wie ein Fahrrad oder Auto, er soll zum Wohnumfeld und zum Geschmack passen“, sagt der Leiter Marketing.

Das Unternehmen Topro hat 2002, damals noch über eine Vertriebsgesellschaft, erstmalig faltbare, leichtgewichtige Rollatoren wie das Modell Troja vertrieben und damit den Markt für privat gezahlte Hilfsmittel in Deutschland aufgebaut. „Rund 65 bis 70 Prozent unserer Kunden sind heute Frauen und die überwiegende Zahl der Rollatoren wird an Senioren über 70 Jahre, eher noch über 80 Jahre verkauft“, sagt Deutschland-Geschäftsführer Matthias Mekat.

Da Rollatoren anders als beispielsweise die Krankengymnastik keinem ärztlichen Budget unterliegen, steigt die Zahl der Verordnungen stetig an, so die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP). Bei der Verschreibung von sogenannten Heilmitteln wie Logopädie, Massagen und Physiotherapie sind Ärzte budgetiert, das heißt, jede Arztpraxis hat ein festgelegtes Budget für Verordnungen in diesem Bereich. Bei Überschreitung müssen Ärzte damit rechnen, Honorare zurückzahlen zu müssen. Krücken, Rollatoren und andere Hilfsmittel kann der Arzt dagegen so viele verschreiben, wie er will. Die Kosten für eine stationäre Reha bei einer Verweildauer von 21 Tagen liegen zwischen 2058 und 20.800 Euro pro Fall und damit deutlich über den Preisen für Rollatoren. „Ich würde nicht daran zweifeln, dass Ärzte das begründet verschreiben, was der Patient auch für seinen Alltag notwendigerweise braucht“, sagt ein Sprecher der Niedersächsischen Ärztekammer.

Training statt Rollator

Ingo Froböse, Universitätsprofessor für Prävention und Rehabilitation im Sport an der Deutschen Sporthochschule in Köln, sieht die Zunahme von Rollatoren in Deutschland dagegen kritisch. „Menschen bekommen viel zu früh einen Rollator verschrieben. Ihre Potenziale werden vorher gar nicht ausreichend ausgeschöpft“, sagt der Sportmediziner. Einen Rollator zu verschreiben sei billiger als eine Reha oder Physiotherapie. „Ich würde als Arzt Training statt eines Rollators verschreiben“, sagt er. Der Körper brauche zwei bis drei Monate Reha und Training, bis er nach einer Erkrankung vollständig alleine und sicher gehen kann. „Wir behandeln mit dem Rollator die Symptome einer Erkrankung, aber die eigentlichen Probleme sind Inaktivität und das Nichtnutzen von Muskeln.“ 

„Menschen bekommen viel zu früh einen Rollator verschrieben. Ihre Potenziale werden vorher gar nicht ausreichend ausgeschöpft.“Ingo Froböse, Sportmediziner

Froböses 86-jähriger Vater weigere sich seit Jahren einen Rollator zu benutzen und gehe drei Mal die Woche ins Fitnessstudio. Der Vater würde schon länger am Rollator hängen, wenn er das nicht tun würde, so Froböse, der für das Sportprogramm „Fit für 100“ wirbt, dessen Ziel es sei, die Fitness auch mit 80 und 90 Jahren noch aufrecht zu erhalten. „Der Alltag birgt in sich viele Trainingsmöglichkeiten für ältere Menschen. Auch das langsame Treppensteigen gehört dazu“, sagt der Experte.

Seiner Meinung nach bestehe in Deutschland auch kein großes Interesse daran, die Menschen im Pflegeheim mobil zu halten. „Das ist aufwendig. Ökonomisch ist es auch nicht so attraktiv. Pflegeheime werden nicht für die Wiederherstellung von Selbstständigkeit honoriert, sondern sie werden für kränkere Patienten höher vergütet. Der mobile Pflegeheimbewohner ist eine schlechtere Ertragsquelle als der wenig bewegliche am Rollator.“ Ambulante Pflegedienste, Pflegeheime oder Physiotherapeuten sollten honoriert werden, wenn sie es schaffen, dass ältere Menschen aus dem Pflegezustand oder Heim wieder herauskommen. „Das wäre ein besseres Anreizsystem.“

Rollatoren als „Pseudohilfe“

Für den Vorsitzenden der DGSP Klaus-Michael Braumann stellen Rollatoren oft nur eine „Pseudohilfe“ dar. Bei längeren Gehstrecken sei das Wägelchen zwar eine große Erleichterung, biete Halt bei Gangunsicherheit und diene auch dem Transport von Einkäufen. Doch der Rollator verführe viele Menschen dazu, sich weniger zu bewegen. „Und die Entwöhnung ist schwer, der Einsatz eines Rollators bleibt deshalb oft bis zum Lebensende erhalten. Auch weil viele Patienten nach kurzer Zeit der Meinung sind, dass es ohne Rollator im täglichen Leben nicht mehr geht“, sagt Braumann. Das Gehirn gewöhne sich an das Gehen mit Stütze, es verlerne das normale Laufen.

Foto: dpa/Sven Hoppe

Kritisch sieht Braumann ebenfalls, dass viele am Rollator nicht aufrecht genug, sondern zu stark nach vorn gebeugt gingen. Dies habe eine Überlastung der Rückenmuskulatur zur Folge, führe häufig zu Schmerzen und sei auch nicht ungefährlich. „Denn je weiter das Gerät vor dem Nutzer hergeschoben wird, desto eher rollt es davon und das Risiko eines Sturzes steigt erheblich an.“ Die Amerikanische und die Britische Gesellschaft für Geriatrie zählten die Nutzung von Gehhilfen zu den elf größten Risikofaktoren eines Sturzes, betont Braumann. 

Gute Prophylaxe

Viele Ärzte befürworten aber auch Rollatoren. Der Osnabrücker Sportmediziner Michael Karsch hält das Hilfsmittel beispielsweise für eine gute Prophylaxe gegen schwere Stürze. Diese hätten relativ häufig einen Schenkelhalsbruch zur Folge, der operiert werden müsste. Durch die dann folgende Immobilität im Krankenhaus zögen sich ältere Menschen eine Lungenentzündung zu, die in hohem Alter oft zum Tod führe. „Ein Sturz im Alter kann also tödlich enden, deswegen ist es so wichtig, Stürze zu vermeiden.“ Viele ältere Patienten fühlten sich sicherer, wenn sie mit einem Rollator unterwegs sind, sagt Karsch.

Die Knie- und Hüftgelenke seien bei älteren Menschen oft verschlissen und daher anfällig. Etwa ein Drittel aller über 65-jährigen noch selbstständig lebenden Senioren stürzten mindestens einmal pro Jahr, so der Arzt. In der Altersgruppe der 90- bis 99-Jährigen seien es mehr als die Hälfte. Die jährliche Sturzquote von Personen in Heimen liege deutlich über der von Menschen, die zu Hause leben. Frauen seien häufiger betroffen als Männer. Aber auch manche Fettleibige müssten schon teilweise mit 60 Jahren an der Stütze gehen. Angehörige hätten oft Angst, dass ihre Großeltern oder Eltern stürzten und fragten beim Arzt nach einem Rollator.

„Ohne Rollator wäre die Selbstständigkeit nicht mehr vorhanden."Sebastian Herkenhoff

Der Großvater von Sebastian Herkenhoff lebt mit 88 Jahren allein, seit zwei Jahren benutzt er einen Rollator zu Hause. Die Tochter hatte einen vorsorglich angeschafft und ihm hingestellt. Draußen wollte er sich nicht mit dem Hilfsmittel zeigen, erzählt der Enkel. Erst habe sich der Opa dagegen gewehrt und ihn aus Eitelkeit nicht benutzen wollen. Der Rollator sei unsexy, habe der Großvater gesagt. Nach Überwindung der anfänglichen Skepsis sei die Gehhilfe aber nun ein ständiger Begleiter. „Ohne Rollator wäre die Selbstständigkeit im Haus gar nicht mehr vorhanden. Er müsste in eine betreute Einrichtung, ein Leben allein zu Hause wäre nicht mehr möglich“, sagt Herkenhoff, der ihn auch schon gepflegt hat. Das Hilfswägelchen entlaste die Angehörigen enorm, die sonst permanent pflegend zur Seite stehen müssten. 


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