Agrarkritische Demo in Berlin "Wir haben es satt": Ein Schweinebauer bei den Gegnern der Agrarindustrie

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Landwirt Maarten Heins auf der "Wir haben es satt"-Demo in Berlin. Foto: Dirk FisserLandwirt Maarten Heins auf der "Wir haben es satt"-Demo in Berlin. Foto: Dirk Fisser

Berlin. Tausende haben am Samstag in Berlin unter dem Motto „Wir haben es satt“ für eine alternative Landwirtschaft demonstriert. Mittendrin: Maarten Heins, 22 Jahre alt, Halter von 1000 Schweinen. Die meisten hier vor dem Brandenburger Tor sind gegen das, womit er sein Geld verdient.

„Wir sammeln Unterschriften für die Abschaffung der Massentierhaltung“, sagt der freundliche Herr im orangen Gewand samt Turban und hält Heins eine Liste unter die Nase. 4000 Unterstützer brauche er, dann könne er mit seiner Partei „Menschliche Welt“ zur Europawahl antreten. 

Foto: Dirk Fisser

Heins stutzt, dann legt er los: Was das denn sei, diese Massentierhaltung, will er wissen. „Ja, ein sehr allgemeiner Begriff“, räumt der Vorsitzende der Splitterpartei ein. Ein kurzer Wortwechsel folgt, dann zieht der Parteivorsitzende weiter. Ohne Unterschrift. 

Es sind zwei Welten, die an diesem Samstag in Berlin aufeinanderprallen: Die Welt der Gegner der sogenannten Agrarindustrie auf der einen Seite. 35.000 sollen sich hier vor dem Brandenburger Tor versammelt haben, sagen die Veranstalter. 

Und die Welt von Maarten Heins, dem Jungbauern aus Niedersachsen, der 1000 Mastschweine hält. Für ihn das normalste der Welt. Für die anderen der Ausdruck eines kranken Systems unter dem die Umwelt und die Tiere leiden.

Kontrastprogramm zur Grünen Woche

Seit mehreren Jahren veranstaltet ein breites Bündnis verschiedener Gruppen die Demo „Wir haben es satt“ in Berlin. Immer dann, wenn der Bauernverband auf der Agrar- und Ernährungsmesse „Grüne Woche“ sein Bild der modernen Landwirtschaft präsentiert: Es ist eine weitgehend heile Welt. Probleme wie Tierkrankheiten oder Umweltbelastung scheinen wie eine Momentaufnahme, die alsbald mit neuster Technik gelöst werden können. So das Fortschrittsversprechen. 

Die Demo-Teilnehmer glauben nicht daran. Umweltschützer von Nabu oder BUND sind dabei. Tierschützer vom Tierschutzbund. Anbauverbände wie Demeter oder Bioland. Kirchliche Gruppen wie „Brot für die Welt“. Die Politik vorrangig in Form der Grünen. Es ist ein buntes Bündnis.

Foto: Ralf Hirschberger/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Aber auch extremere Positionen sind vertreten: Menschen, die Tierhaltung aus ethischen Gründen komplett ablehnen. „Friede – Freude – eierfreier Kuchen“, heißt es auf einem Banner. Zwei Mal werden die Demo-Teilnehmer von der Bühne aus aufgefordert, keine Plakate zu zeigen, auf denen Tierställe mit Konzentrationslagern verglichen werden. „Das wollen wir hier nicht. Wir sind gegen Agrarindustrie. Wir sind gegen Rassismus.“ 

So schallt es von der riesigen Bühne unter dem Brandenburger Tor, die groß ist wie bei einem Rockkonzert. 24 Stunden zuvor ein ganz anderes Bild: Eine vergleichsweise kleine Gruppe Bauern hat sich vor dem Brandenburger Tor versammelt. 

Foto: Dirk Fisser

Über ein Megafon richten sie den Appell an Verbraucher, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Miteinander reden nicht über einander. Es hört nur kaum jemand zu. Der Aufruf geht im Krach des freitäglichen Berliner Autoverkehrs unter. 

Am Samstagmittag ist die Straße des 17. Juni abgesperrt für die Antiagrar-Demo. Die einzigen, die heute fahren, sind etwa 150 Traktoren, die die „Wir haben es satt“-Demo anführen. Vom Fußvolk auf der Straße werden die Bauern bejubelt. „Wir sind stolz auf euch“, sagt ein Redner auf der Bühne. Die Bauern hupen. Berufskollege Heins schaut ein wenig ungläubig auf die Menge an Traktoren.

Foto: Dirk Fisser

Tatsächlich herrscht auch unter Landwirten eine gewisse Unzufriedenheit mit der Entwicklung ihres Wirtschaftszweiges. Immer weiter wachsen muss der Betrieb, nie Zeit zum Luftholen - das frustriert viele. Einige steigen auf Bio-Produktion um, andere geben auf und wiederum andere suchen sich neue Absatzwege oder Produktionszweige.  

Schweine und Algen für die Zukunft

Die Familie Heins hat das auch gemacht. Sie hält nicht mehr nur Schweine. „1000 Tiere sind auch fast zu wenig, um zwei Familien zu ernähren“, sagt Maarten Heins. Deswegen macht er jetzt in Algen, die er auf dem Hof züchtet und die später zu Nahrungsergänzungsmitteln verarbeitet werden. Und einen Lieferservice für regionale Lebensmittel baut er auch auf. Heins hat sich Gedanken gemacht, wie es mit dem Betrieb weitergehen soll.

Sein Telefon klingelt. „Ich höre mir gerade an, was die so gegen uns haben“, sagt er. Ja, was eigentlich? Ein Redner ruft, man wolle die Agrarindustrie besiegen. Heins wundert sich, was das sein soll. Sein Betrieb? Vermutlich auch. Tiere müssten anständig gehalten werden, sagt ein Redner. „Aber mit Würde und Anstand hat Agrarindustrie nichts zu tun. Gebt den Bauern genug Geld, aber dreht der Agrarindustrie den Geldhahn zu“, fordert er. Heins wundert sich: „Auf der einen Seite will man hier Bauern unterstützen. Auf der anderen Seite ist man gegen das, was sie machen.“

Ja, das Feindbild der Teilnehmer ist ebenso wenig definiert, wie das, was danach kommen soll. Fest steht nur: Besser werden muss es. Für Menschen, Tiere und Umwelt. Der Demo-Zug zieht durch Berlin. Immer den Traktoren hinterher. 

Landwirt Heins eilt derweil zur Grünen Woche. Hier ist die Agrarwelt noch in Ordnung. 


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