"Feinstaub, Ammoniak und Nitrat" Hofreiter: Raus aus der Massentierhaltung

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Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, fordert mehr finanzielle Belohnung für Landwirte, die Naturschutz betreiben. Foto:dpaAnton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, fordert mehr finanzielle Belohnung für Landwirte, die Naturschutz betreiben. Foto:dpa

Berlin. Welche Aufgaben hat der Landwirt der Zukunft? Sind die Folgen der Massentierhaltung noch beherrschbar? Wie sollen sich verwirrte Verbraucher zurechtfinden im „Siegel-Urwald“? Dazu im Interview vor der Grünen Woche Anton Hofreiter, der Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion.

Herr Hofreiter, Luftverschmutzer Landwirtschaft? Mit einem Anteil von etwa 45 Prozent gilt diese Branche laut Max-Planck-Institut als Hauptverursacher für die in Deutschland hohe Feinstaubbelastung…. 

Neu ist das nicht. Im Landkreis Cloppenburg werden regelmäßig höhere Feinstaubwerte als in Großstädten wie Hannover festgestellt. Diese Region gilt als „Schweinehochburg“, und die Konzentration von industrieller Massentierhaltung auf engstem Raum hat verheerende Folgen. Das Grundwasser in dieser Region ist seit Jahrzehnten nitratbelastet, die Ammoniak-Emissionen sind regelmäßig überhöht, was Feinstaubbildung befördert. Dazu kommt der Nachweis von antibiotikaresistenten Keimen in Gewässern. Die Gesundheit der Menschen ist durch all diese Faktoren bedroht. Aber passiert ist nichts. Um die Belastung zu reduzieren, gibt es nur eins: Wir müssen raus aus der industriellen Massentierhaltung!

Zu Beginn der Grünen Woche, der Leistungsschau der deutschen Bauern, stellt sich generell die Frage: Welche Aufgaben haben die Landwirte der Zukunft?

  Die Ernährung der Menschen bleibt natürlich die zentrale Aufgabe der Bauern. Aber das Artensterben hierzulande sollte ein Weckruf sein. Es gibt zwar schon viele Landwirte, die beim Naturschutz Gutes leisten, aber es müssen deutlich mehr werden. Die Mittel für den Naturschutz müssen in Deutschland mindestens verdreifacht werden. Nur so können wir Insekten und Vögel retten. Die 536 Millionen Euro, die jährlich hierzulande für den Naturschutz bereitgestellt werden, reichen nicht aus.  

Wie ist Ihr Plan?

Die Lösung dafür liegt in einer nachhaltigen Ausrichtung der EU-Agrarpolitik. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner muss in Brüssel für einen Naturschutzfonds von mindestens 15 Milliarden Euro jährlich sorgen. Damit könnten dann auch endlich die Landwirte ordentlich für Naturschutzaufgaben bezahlt werden. In Zukunft muss gelten: Öffentliches Geld gibt’s nur noch für gesellschaftliche Leistungen – wie Tier-, Klima-, und Naturschutz. Ein Bauer, der sich etwa für den Artenschutz einsetzt, bekommt dann mehr Geld. 

Was muss die Bundesregierung tun?

Angesichts des Versagens von Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner fordere ich Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem klaren Bekenntnis für eine besseren Agrar-und Ernährungspolitik auf. Die Kanzlerin muss das zur Chefsache machen. Frau Klöckner hat sich zum Büttel der Agrarindustrie gemacht und ist leider ein Totalausfall für die Verbraucherinnen und Verbraucher. Auch wegen des katastrophalen Artensterbens ist schnelles Handeln dringend nötig. Die Landschaft ist ausgeräumt, es gibt keine Rückzugsräume mehr für Niederwild und Vögel. Die Bestände des Rebhuhns sind um 90 Prozent eingebrochen, bei der Feldlerche gibt’s einen Rückgang von über 30 Prozent. Das Artensterben muss gestoppt werden.

Tierwohllabel, Gütesiegel und Lebensmittelampel: Die Verbraucher werden durch eine Fülle von Maßnahmen eher verunsichert als aufgeklärt. Was läuft da falsch?

Wenn es einen Wald gibt, der gelichtet werden muss, dann ist es der „Siegel-Urwald“. Die Masse an Siegeln unterschiedlicher Qualität verwirrt mehr, als dass sie hilft. Außerdem sollte Verbrauchertäuschung endlich unterbunden werden. Wenn „Hofgut Dreieichen“ draufsteht, hat das nichts mit dem Produktionsort zu tun. Es ist nur eine Marke. Am wichtigsten ist eine Kennzeichnung bei tierischen Produkten, die plakativ und klar benennt: Wo kommt das Fleisch her? Wie sind die Tiere gehalten worden? Ganz sicher ist: Das von Frau Klöckner propagierte Tierwohllabel hilft absolut nicht weiter, weil es auf Freiwilligkeit setzt. Wenn es nach den Vorgaben der Ministerin geht, hat ein 100-Kilo-Schwein jetzt im schlimmsten Fall nur so viel Platz mehr, wie eine Getränkekiste groß ist. Hier ist auch die Kanzlerin gefragt. Vor fünfzehn Jahren wurde von der Grünen-Agrarministerin Renate Künast eine sehr präzise Kennzeichnung für Schaleneier eingeführt. Unter der Ägide ihrer Unions-Nachfolger hat sich seither nichts getan.

Lidl und Bioland haben eine enge Zusammenarbeit angekündigt. Bio-Produkte im Discounter – ist das der richtige Weg zu einer Breitenwirkung?

Ich finde es richtig, dass sich Bioland wie auch andere Öko-Betriebe bemühen, ökologisch wertvolle Produkte aus der Nische herauszuholen. Dabei muss gelten: Es darf nicht zum Preisdruck auf die Bauern kommen. Sowohl konventionell wie auch ökologisch produzierende Landwirte haben das Recht auf angemessene Bezahlung. Hier stehen die Supermärkte in der Verantwortung. Der Umgang mit Milchbauern war da ja ein abschreckendes Beispiel.

Bio-Kost ist teuer, also nur für Gutverdiener eine Option?

Nein, das darf nicht sein. Möglichst viele Menschen sollten sich eine anständige Ernährung leisten können. Wir fordern zum Beispiel einen angemessenen Mindestlohn, weil wir der Meinung sind, dass jeder Mensch sich gesund und gut ernähren können muss. Außerdem sind nicht alle Bio-Produkte teurer. Ja, für Bio-Fleisch und Bio-Käse muss deutlich mehr bezahlt werden, bei Gemüse, Obst und Nudeln sieht es dagegen besser aus.

Der Ernährungsreport der Agrarministerin offenbart die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Laut dieser Umfrage wollen 91 Prozent gesunde Kost, zugleich wird gern zu Fertiggerichten gegriffen…

Ich plädiere dafür, in Einrichtungen wie Kitas und Schulen besseres Essen aufzutischen, in dem auch regionale Produkte verwendet werden. Richtig gut ist es, wenn vor Ort gekocht wird. Der Wert von Lebensmitteln wird schon Kindern und Jugendlichen so auf die beste Weise vermittelt. Außerdem muss das Problem der Lebensmittelverschwendung angegangen werden. Hier braucht es verbindliche Reduktionsziele – auch für den Lebensmitteleinzelhandel und Lebensmittelproduzenten. Ein erster Schritt wäre die Abschaffung von Mindesthaltbarkeitsdaten bei langlebigen Produkten wie Nudeln, Reis und Tee.

Zum Schluss: Die Grünen gehen ab wie eine Rakete. Wird Ihnen dieser Umfrage-Höhenflug unheimlich?

Wir bleiben auf dem Boden – so sehr uns die Wahlergebnisse freuen. Als Bayer bin ich besonders glücklich über die 17,5 Prozent, die wir dort bei der Landtagswahl 2018 erreicht haben. Starke Grüne im CSU-dominierten Bayern – das wäre vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen.

Die FDP zeigt sich offen für eine Jamaika-Koalition: Schlagen Sie ein, wenn sich die Chance bietet?

Ich glaube, der FDP und ihrem Vorsitzenden Christian Lindner geht es vor allem um eines: um die Bewältigung eines Traumas, das die Liberalen wegen ihres abrupten und verantwortungslosen Ausstiegs aus den Sondierungen mit der Union und den Grünen verfolgt. Die FDP-Offerten haben nur wenig mit der Zukunft und sehr viel mehr mit der Vergangenheit zu tun.


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