Studie des Max-Planck-Instituts Feinstaubbelastung: Zahl der Todesfälle deutlich höher als bislang angenommen?

Laut einer Studie des Max-Planck-Instituts für Chemie ist die Landwirtschaft Hauptverursacher der Feinstaubbelastung. Foto: dpa/Philipp SchulzeLaut einer Studie des Max-Planck-Instituts für Chemie ist die Landwirtschaft Hauptverursacher der Feinstaubbelastung. Foto: dpa/Philipp Schulze

Osnabrück. Laut einer Studie des Max-Planck-Instituts für Chemie sterben deutlich mehr Menschen als bislang angenommen an den Folgen der Feinstaubbelastung. Als Hauptverursacher gilt demnach die Landwirtschaft. Doch was ist dran an den Erkenntnissen der Forscher und, wie aussagekräftig sind die Ergebnisse?

Was steht in der Studie?

Wie das ARD-Magazin „Monitor“ berichtet, sterben laut einer Studie des Max-Planck-Instituts (MPI) für Chemie mit Sitz in Mainz pro Jahr rund 120.000 Menschen in Deutschland an der Belastung durch Feinstaub in der Luft – doppelt so viele wie bislang angenommen. Hauptverantwortlich für diese Entwicklung ist nach Erkenntnissen der Forscher die Landwirtschaft, insbesondere die Massentierhaltung. Weltweit, so heißt es, seien bislang rund neun Millionen vorzeitige Todesfälle durch Feinstaub bekannt.

Worauf basiert die Studie?

Die Forscher beziehen sich bei ihrer Untersuchung auf 40 internationale Studien aus 16 Ländern, die über mehrere Jahrzehnte Daten erhoben hätten. Die gestiegene Datengrundlage sei einer der Gründe, dass die Forscher nun zu höheren Zahlen kämen, sagte Studienleiter Jos Lelieveld in dem ARD-Bericht. Damit sei Feinstaub für etwa ebenso viele vorzeitige Todesfälle verantwortlich wie das Rauchen.

Was gilt als Feinstaub und warum ist er so gefährlich?

Feinstaub bildet sich unter anderem bei der Verbrennung von Diesel, Kohle oder Holz sowie bei der Reaktion von Gasen. Dabei entstehen winzige Teilchen, die bis zu einer Größe von zehn Mikrometern, entsprechen 0,01 Millimetern, vom menschlichen Körper aufgenommen werden können. Feinstaub besteht aus zahllosen festen und flüssigen Partikeln in der Luft, zum Beispiel Ruß, Reifen- und Bremsabrieb, Pollen, Sandkörnchen oder auch Glasstaub. Je kleiner die Teilchen, desto tiefer können sie in die Lunge und den Blutkreislauf eindringen. Als Folge können Atemwegserkrankungen und Herz-Kreislaufprobleme auftreten.

Was hat das mit der Landwirtschaft zu tun?

Nach Angaben der Forscher ist die Landwirtschaft der größte Feinstaub-Verursacher überhaupt. Insbesondere die Massentierhaltung trage einen Anteil von 45 Prozent an der Feinstaubbelastung, heißt es in der Studie. Durch die Zersetzung von Gülle und durch die Düngung von Nutzpflanzen gelange demnach Ammoniak in die Atmosphäre und verbinde sich mit anderen Gasen wie Schwefel- und Salpetersäure. "Die Massentierhaltung führt zu Ammoniak, Ammoniak führt zu Feinstaub, und Feinstaub führt zu vorzeitigen Todesfällen", erklärt Lelieveld. 

Wie aussagekräftig sind die Ergebnisse?

Schwer zu sagen. Schon in der Vergangenheit gab es immer wieder Studien, die sich mit der Sterberate durch Feinstaubbelastungen befasst haben. Einige Studien belegen, dass mehr Menschen durch Feinstaub in der Luft krank werden und sterben als bisher gedacht. Die Mainzer Studie ist noch nicht als begutachteter Artikel in einem Fachjournal erschienen. Das Institut wollte auf Anfrage weder Einblicke in die Studie geben, noch Fragen dazu beantworten. Das macht eine Einschätzung der Untersuchung schwierig. Auch das Umweltbundesamt wollte sich nicht dazu äußern, weil die Studie noch nicht im Detail bekannt sei. Aber: Studien haben es an sich, sich zu widersprechen oder zu unterschiedlichen Schlüssen zu kommen. Ein Beispiel: Die Europäische Umweltagentur EEA teilte 2017 mit, dass in Deutschland von rund 66.000 Todesfällen, verursacht durch Feinstaub hierzulande, ausgegangen werden müsse. Deutlich weniger, als die Mainzer Studie angibt.

Wie bewerten Mediziner die Studie?

Erhebliche Kritik an der Studie des Max-Planck-Instituts äußert Dieter Köhler, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie. "Das ist alles Humbug. Auf einmal sollen 120.000 Menschen an Feinstaub sterben, mehr als jährlich durch das Rauchen", so der Medizin-Professor. "Das ist alles nicht beweisbar und kann sehr gut widerlegt werden." Für ihn fehle es der Studie an Kausalität und der Berücksichtigung wichtiger Lebensumstände, wie dem Konsum von Alkohol oder Tabak. Laut seiner Einschätzung sei die Gefahr, die durch den Rauch von Zigaretten entstehe, deutlich höher einzuschätzen. 

(Mit AFP)


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