Rukwied beklagt gesellschaftliches Klima Nach dem Dürre-Sommer: Bauern bleiben auf Milliardenschaden sitzen

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Bauernpräsident Joachim Rukwied sagt, die Landwirte bleiben nach dem Dürresommer auf einem wirtschaftlichen Schaden von 2,5 Milliarden Euro sitzen. Foto: Christoph Schmidt/dpaBauernpräsident Joachim Rukwied sagt, die Landwirte bleiben nach dem Dürresommer auf einem wirtschaftlichen Schaden von 2,5 Milliarden Euro sitzen. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Osnabrück. Der Dürre-Sommer 2018 wirkt nach: Laut Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied bleiben die Landwirte auf einem Schaden von 2,5 Milliarden Euro sitzen. Vor Beginn der "Grünen Woche" bemängelt Rukwied aber auch das gesellschaftliche Klima, in dem Bauern arbeiten müssen.

Herr Rukwied, hinter uns liegt ein historisch trockenes Jahr. Hat die Landwirtschaft die Folgen schon überwunden?

Die Landwirtschaft kann die Folgen des Dürresommers noch nicht überwunden haben. Selbst wenn wir die in Aussicht gestellten Dürrehilfen in Höhe von 340 Millionen Euro abziehen, bleiben etwa 2,5 Milliarden Euro an Schäden. So eine Summe verkraften Sie nicht in so kurzer Zeit. Das belastet die Betriebe die nächsten Jahre. Dieser Sommer wirkt nach. Über 8000 Betriebe haben Anträge gestellt. Das zeigt auch die große Not.

Mittlerweile regnet es regelmäßig. Reicht das aus, um dem Boden zurückzugeben, was ihm an Feuchtigkeit im Sommer und Herbst abhanden gekommen ist?

Im Schnitt haben wir noch ein Niederschlagsdefizit. Das gilt nicht für alle Regionen Deutschlands. Dort, wo jetzt Schnee liegt wie in Bayern, werden die Reserven wohl bald wieder aufgefüllt sein. In weiten Teilen der Republik brauchen wir aber einen niederschlagsreichen Winter.

Es ist vermehrt von psychologischen Problemen bei Landwirten zu lesen. Wie steht es um die Psyche der Bauern? 

Ausnahmesituationen wie der Dürresommer verursachen auf vielen Betrieben erhebliche finanzielle Schwierigkeiten. Das kann natürlich ein Burnout begünstigen. Gerade dann, wenn die finanzielle Verantwortung für Bauernhof und Familie auf den Schultern des Landwirts lastet und keine weiteren Einnahmen da sind. Das geht natürlich an die psychische Substanz. Unsere Mitglieder melden uns aber auch zurück, dass ihnen die gesellschaftliche Debatte zu schaffen macht.

Inwiefern?

Wir Bauern fühlen uns und unser Tun nicht ausreichend gewertschätzt. Landwirte ernähren die Bevölkerung und sind gleichzeitig in Bereichen wie Umwelt- und Tierschutz aktiv und innovativ. Diese Leistung wird oftmals verkannt, da fehlt es an Anerkennung. Das belastet die Familien. Gerade dann, wenn es um die Hofnachfolge geht. Wir erleben es immer wieder, dass Hofnachfolger abspringen, weil sie von der gesellschaftliche Diskussion entnervt sind und lieber einen anderen Beruf ergreifen als die Eltern. Sie wollen nicht ständig Sündenbock sein.

Die Neuordnung der EU-Agrarsubventionen steht an. Die EU-Kommission will die Direktzahlungen für Flächen stärker an Umweltauflagen koppeln. Richtig so?

Bauern sind politische Realisten. Deswegen gehen wir davon aus, dass Umweltaspekte künftig eine noch wichtigere Rolle spielen werden. Wir verweigern uns dem nicht. Für uns ist aber eine Balance zwischen Umwelt und Wirtschaftlichkeit wichtig. Die finanzielle Zukunftsfähigkeit der Bauernhöfe darf nicht gefährdet werden. Für viele Betriebe sind die Direktzahlungen lebenswichtig.

Mutmaßlich wird nach dem Brexit aber weniger Geld zu verteilen sein…

Nicht zwangsläufig. Die verbleibenden Mitgliedsstaaten müssten mehr einzahlen. Derzeit sind es ein Prozent des Bruttonationaleinkommens im Jahr. Bei einer Erhöhung auf 1,25 Prozent wäre es möglich, den Agrarhaushalt stabil zu halten und zugleich neue Aufgaben wie den EU-Grenzschutz zu finanzieren.

Vor was haben Bauern eigentlich mehr Angst? Vor dem Wolf oder den Tierrechtlern, die heimlich in Ställen filmen?

Für Weidehalter ist das sicherlich der Wolf. Versetzen Sie sich doch einmal in deren Lage: Die Schäfer kümmern sich mit viel Herzblut um ihre Tiere. Denen tut das in der Seele weh, wenn beispielsweise Schafe gerissen werden. Die sind Teil ihres Lebens. Der finanzielle Schaden ist da schon fast sekundär. Insofern hat der Schutz der Nutztiere höchste Priorität.

Foto: Bernd Thissen/dpa

Bundesagrarministerin Klöckner will sich innerhalb der Bundesregierung für einen leichteren Abschuss von sogenannten Problemwölfen einsetzen, die Herden zu oft zu nahe kommen. Reicht das? 

Es muss möglich sein, Problemwölfe abzuschießen. Aber wir müssen mehr tun, das reicht nicht. Der Wolf ist in Deutschland nicht mehr gefährdet. Wenn wir die Weidehaltung in Deutschland – also auf den Deichen in Norddeutschland oder den Almen im Süden – erhalten wollen, dann kommen wir um eine Bestandsregulierung der Wölfe nicht umhin. Deutschland ist Kulturraum und keine Wildnis. Es kann nicht sein, dass der Wolf die Weidehaltung verdrängt.

In Niedersachsen gab es in den vergangenen Monaten zahlreiche Veröffentlichungen von Tierschutzskandalen durch Tierrechtler. Geht es in der Debatte um Tierschutz nicht ohne Tierrechtler?

Die Gesetze in Deutschland sind einzuhalten. Ich gehe davon aus, dass mit der Ausnahme von schwarzen Schafen, meine Bauern-Kollegen diese Gesetze einhalten.

Muss man als Verband nicht eine andere Art des Umgangs mit diesen sogenannten schwarzen Schafen finden? Immerhin reden wir seit Jahrzehnten über Tierschutzskandale.

Wir distanzieren uns von jedem Landwirt, der sich bewusst nicht gesetzeskonform verhält.

Und wie sieht es mit Rauswürfen aus dem Verband aus?

Das wird auf Ebene der Kreis- und Landesverbände entschieden. Zielführender als ein Rauswurf kann oftmals die Beratung und die Unterstützung der betroffenen Betriebe sein. Ich gehe davon aus, dass Tierschutzverstöße auf den meisten Betrieben nicht aus Böswilligkeit passieren, sondern einer Überforderung oder anderer Probleme geschuldet sind.

Es wird diskutiert, ob Vereine wie die „Deutsche Umwelthilfe“ zu Recht als gemeinnützig anerkannt sind und damit Steuervorteile genießen. Wie bewerten Sie das für Tierrechtsvereine?

Die Gemeinnützigkeit von Tierrechtsvereinen muss überprüft werden. Natürlich ist das Ergebnis offen. Aber wir sind der Meinung, dass hier einmal genauer hingeschaut werden muss.


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