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Bundeswehr Zahl der minderjährigen Rekruten geht deutlich zurück

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Die Bundeswehr hat im vergangenen Jahr 1679 Soldatinnen und Soldaten eingestellt, die bei Dienstantritt noch nicht volljährig waren. Dies ist ein Rückgang um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Foto: Kai HasseDie Bundeswehr hat im vergangenen Jahr 1679 Soldatinnen und Soldaten eingestellt, die bei Dienstantritt noch nicht volljährig waren. Dies ist ein Rückgang um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Foto: Kai Hasse

Osnabrück. Sie sind noch nicht volljährig, aber schon bei der Truppe aktiv. Die wachsende Zahl an Minderjährigen in der Bundeswehr löst seit Jahren viel Kritik aus. Nun ist der Trend vorläufig gestoppt: 2018 gab es erstmals wieder weniger 17-jährige Rekruten. Der Linken reicht das nicht, sie fordert einen generellen Rekrutierungsstopp für Minderjährige.

Erstmals seit fünf Jahren ist die Zahl der minderjährigen Rekruten in der Bundeswehr 2018 wieder gesunken. Im vergangenen Jahr wurden 1679 Soldatinnen und Soldaten eingestellt, die bei Dienstantritt noch nicht volljährig waren. Das zeigen Zahlen des Bundesverteidigungsministeriums, die unserer Redaktion vorliegen. Dies waren deutlich weniger (minus 20 Prozent) als im Rekordjahr 2017, als die Truppe mit 2128 so viele Minderjährige wie noch nie ausgebildet hatte.

Viele wurden während der Ausbildung volljährig

Im vergangenen Jahr befanden sich unter den Minderjährigen nach Ministeriumsangaben 313 junge Frauen. Nach dem Absolvieren ihrer sechsmonatigen Probezeit seien im vergangenen Jahr 60 Prozent der 17-jährigen Rekruten volljährig gewesen. 

Nicht nur die absolute Zahl ging 2018 zurück. Auch der prozentuale Anteil der Minderjährigen an den insgesamt 20.012 eingestellten Soldaten sank 2018 im Vergleich zum Vorjahr von 9,1 auf 8,4 Prozent . Zum Vergleich: 2011, dem Jahr der Aussetzung der Wehrpflicht, hatte der Anteil nach früheren Zahlen erst 4,7 Prozent betragen.

Trend gestoppt

Damit ist der langjährige Trend vorerst gestoppt. In den Vorjahren war die Verpflichtung von Minderjährigen kontinuierlich angewachsen. 2013 waren es erst 1.152, 2014 dann 1.463, 2015 bereits 1.515, 2016 genau 1.908 und 2017 mit 2.128 Minderjährigen so viele wie nie zuvor.

Vielfältige Gründe

Gründe für den Rückgang im vergangenen Jahr nannte das Verteidigungsministerium nicht. Eine Sprecherin sagte: „An der Einstellungspraxis der Bundeswehr hat sich nichts geändert."

Nach Ansicht der Linke hat die öffentliche Kritik der vergangenen Jahre Wirkung gezeigt. Die Bundeswehr wolle sich nicht laufend rechtfertigen müssen. Zudem habe die Kritik sicher „so manche Jugendliche oder deren Eltern von der Idee wieder abgebracht“, sagte der kinder- und jugendpolitische Sprecher der Linken-Fraktion, Norbert Müller, unserer Redaktion. Ein weiterer Grund könnte sein, dass auch Arbeitgeber mit einem ähnlichen Anforderungsprofil nachgelegt hätten wie etwa die Bundespolizei oder der Zoll.

Junge Rekruten bekommen Sonderbehandlung

Wie aus der Truppe verlautete, fühlen sich viele Vorgesetzte mit der zuletzt immer weiter gestiegenen Zahl an Minderjährigen überfordert. Denn die Vorgesetzten müssen sich intensiv um die jungen Rekruten kümmern, ihnen besondere Fürsorge zukommen lassen und in vielen Fragen – etwa wenn es um die Impfung durch den Truppenarzt geht - die Erlaubnis der Eltern einholen. Die 17-Jährigen sind nicht so einsetzbar wie andere Soldaten, sie dürfen weder für den Wachdienst eingeteilt werden noch an Auslandseinsätzen teilnehmen und Waffen nur zu Ausbildungszwecken benutzen.

Wehrbeauftragter: "Das muss Ausnahme bleiben"

Ob es sich um eine echte Trendumkehr oder nur ein einmaliges Phänomen handelt, ist abzuwarten. Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels, begrüßte die rückläufige Entwicklung und sagte unserer Redaktion: „Der Trend geht in die richtige Richtung.“ Zugleich mahnte er aber: „Die Einstellung von Minderjährigen in der Bundeswehr muss die Ausnahme bleiben und darf nicht zur Regel werden.“ Der SPD-Politiker verwies darauf, dass in den Wehrpflichtzeiten laut Grundgesetz erwachsene, mündige Staatsbürger in Uniform zum Wehrdienst verpflichtet waren – mindestens 18-Jährige: „Diesen Maßstab sollte die Regierung immer im Auge behalten“, betonte Bartels.

Linke fordert Anwerbestopp für Minderjährige

Die Linke fordert, dass die Anwerbung von Minderjährigen bei der Bundeswehr unverzüglich gestoppt wird. Der Jugend-Linkenpolitiker Müller mahnte: „In dem Alter dürfen junge Menschen in der Regel weder wählen noch Autofahren, aber ausgerechnet die militärische Ausbildung wollen wir Ihnen erlauben.“ In einer Kaserne sei der Kinderschutz schlicht nicht gewährleistet: „Das gilt für den Schutz vor sexualisierter Gewalt ebenso wie für die physische Unversehrtheit.“ Müller sagte: „Wenn Deutschland endlich glaubwürdig den weltweiten Einsatz von Kindersoldaten anmahnen möchte, muss es die Rekrutierung eigener unterbinden - denn das sind die 17-jährigen Rekruten nach internationaler Definition.“

Truppe wirbt um junge Rekruten

Die Bundeswehr kämpft mit einer Reihe an Problemen. Die Truppe ist überaltert und braucht dringend Nachwuchs, vor allem Experten etwa für IT- und Cybersicherheit. Das Verteidigungsministerium wirbt deshalb verstärkt mit PR-Kampagnen und in sozialen Netzwerken um Rekruten. Das Argument lautet: Die Bundeswehr wolle bei der Suche nach Bewerbern gleiche Chancen wie Handwerksbetriebe oder Industrie haben – und drei Viertel aller Schulabgänger eines Jahres seien nun mal unter 18. Die Ministeriumssprecherin sagte: „Es muss Chancengleichheit herrschen zu Gleichaltrigen, die sich für eine Ausbildung in der zivilen Wirtschaft interessieren.“

Grundsätzlich sei die steigende Anzahl junger Rekruten zum großen Teil eine Auswirkung der G8-Schulzeitverkürzung, die das Durchschnittsalter der Abiturienten gesenkt habe. Die Sprecherin betonte, dass weder die Werbestrategie der Bundeswehr noch andere Maßnahmen speziell auf die Einstellung von 17-jährigen Bewerbern ausgerichtet sei.  

Fast jeder zehnte bricht Ausbildung ab

Dabei gelten für die Rekrutierung Minderjähriger besondere Regeln: Bewerber müssen mindestens 17 Jahre alt sein, die Zustimmung der Eltern haben und eine sechsmonatige Probezeit absolvieren. 2017 hatte fast jeder zehnte junge Soldat innerhalb dieser Zeit seine Ausbildung abgebrochen.

Während dieser Zeit dürfen die Soldaten ohne Angabe von Gründen jederzeit ihre Verpflichtung widerrufen und ihren Dienst beenden. Die Ministeriumssprecherin betonte: „Die bestehende Rekrutierungspraxis der Bundeswehr steht damit in vollem Einklang mit den völkerrechtlichen Verpflichtungen Deutschlands.“

Kritik vom Kinderhilfswerk

Das internationale Kinderhilfswerk Terre des hommes kritisiert die Praxis der Rekrutierung von Minderjährigen seit vielen Jahren. Dadurch werde die politische Funktion Deutschlands geschwächt. "Kritik gegenüber Ländern, die nicht nur Kinder rekrutieren sondern sogar in Kampfeinsätze schicken, ist nicht so glaubwürdig, wenn man selber unter 18-Jährige rekrutiert", lautet die Kritik von Terre des hommes. Zudem hätten Kinder auch angesichts von immer wiederkehrenden Berichten über entwürdigende Aufnahmerituale, sexuelle Übergriffe, rechtsextreme Vorfälle und erniedrigendes Verhalten von Vorgesetzten in Kasernen nichts zu suchen.


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