Neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer: Die Siegerin bricht in Tränen aus

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Es grüßt die Neue: Annegret Kramp-Karrenbauer ist jetzt CDU-Vorsitzende. Foto: John Macdougall/AFPEs grüßt die Neue: Annegret Kramp-Karrenbauer ist jetzt CDU-Vorsitzende. Foto: John Macdougall/AFP

Hamburg. Das ist zu viel für Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie bricht in Tränen aus, als auf dem CDU-Bundesparteitag in Hamburg ihr Sieg bekannt gegeben wird. In einem zweiten Wahlgang wollen 517 von 999 Delegierten – gerade einmal 17 mehr als nötig – die Saarländerin als Nachfolgerin von Angela Merkel auf dem CDU-Chefposten sehen. Kann „AKK“ die Spaltung der Union verhindern?

Sehr knapp hat die 56-Jährige den Wettbewerb dreier Kandidaten um den Spitzenposten – den ersten seit 47 Jahren – für sich entschieden. Die Ersten, denen die dreifache Mutter weinend um den Hals fällt, sind ihre Konkurrenten: Erst Friedrich Merz, dann Jens Spahn umarmt Kramp-Karrenbauer. Sichtlich aufgewühlt, steigt sie anschließend auf die Bühne, wo die Kanzlerin auf sie wartet. Blumen, Gratulation und wieder eine Umarmung. Merkel strahlt: Sie hat mit Kramp-Karrenbauer die von ihr favorisierte Nachfolgerin an der CDU-Spitze bekommen. (Zum Nachlesen: Der Liveticker der Wahl)

Herzliche Umarmung: Angela Merkel gratuliert der frisch gewählten CDU Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Foto: AFP

Ganz großes Kino bot die CDU, erst in einer Stichwahl setzte sich „AKK“ gegen den früheren Unionsfraktionschef Merz durch. 482 Delegierte wollten ihn als Chef. Die Stimme des 63-Jährigen klingt ein wenig belegt, es ist wieder eine politische Niederlage für den erfolgreichen Wirtschaftsanwalt. Er hatte nach einer zehnjährigen Polit-Auszeit ein spätes Comeback versucht. „Natürlich hätte ich gern gewonnen, aber es hat auch so viel Spaß gemacht“, sagt der Sauerländer, der mit Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble einen starken Förderer hatte. Dessen Wahlaufruf zugunsten von Merz brachte allerdings nicht den erhofften Erfolg. 

Der Kommentar: Annegret Kramp-Karrenbauer, die nächste deutsche Kanzlerin

Unterlegen: Friedrich Merz verlor in der Stichwahl um den CDU-Parteivorsitz. Foto: Kay Nietfeld/dpa

 Die CDU sei ein „Muster an Demokratie“ und anderen Parteien ein Vorbild, sagt ein erstaunlich gefasster Merz nach seiner Niederlage. Und er zeigt Sportsgeist: Er sichert auch künftig seine Mitarbeit in der CDU zu. Alles andere hätte die vielen Delegierten, die ihm die Stimme gegeben haben, wohl auch enttäuscht. Und: Merz bittet den Parteitag, seinen Mitbewerber Spahn erneut ins Präsidium und damit auf einen Führungsposten zu wählen. Nobel, dieser Abgang – keine Frage. (Weiterlesen: Annegret Kramp-Karrenbauer im Porträt)

„Wir sind ein bisschen wie eine Rockband durch Deutschland getingelt und uns dabei nähergekommen“, witzelt Spahn. Er hat im ersten Wahlgang immerhin 15 Prozent der Stimmen bekommen – ein Achtungserfolg und eine Empfehlung für künftige Aufgaben. Der Gesundheitsminister kämpfte wie David gegen Goliath – der 38-Jährige hatte in diesem Ringen aber von vornherein nur Außenseiterchancen. „Ja, auch ich lese Umfragen. Aber ich kann Ihnen sagen, es fühlt sich richtig an, hier zu stehen“, sagte Spahn in seiner Bewerbungsrede. Durch seine Kandidatur habe er viel über sich und seine Partei gelernt. „Und ich kann Ihnen sagen, ich bin etwas gelassener geworden in den letzten Wochen.“

Achtungserfolg: Jens Spahn bekam 15 Prozent der Stimmen. Foto: Michael Kappeler/dpa

Fast staatsmännisch trat dagegen Merz auf. Seine Bewerbungsrede klang so, als ginge es ihm zugleich um die Kanzlerschaft. Der Ukraine-Konflikt, die innere und äußere Sicherheit, das transatlantische Verhältnis – der Top-Jurist spielte seine internationale Erfahrung aus. Besorgt zeigte er sich um die „Stabilität unseres Landes“. Aber: Merz, der sonst immer frei spricht, klammerte sich an sein Manuskript. Das hemmte die Wirkung seiner Rede, er bekam zunächst nur maßvollen Beifall. 

Begeisterung kam erst auf, als Merz den Parteitag dazu aufrief, „ein Signal des Aufbruchs und der Erneuerung auszusenden“. Die CDU brauche einen Strategiewechsel im Umgang mit Bürgern und Wählern sowie mit dem politischen Gegner. Man bemühe sich zwar, AfD-Wähler zur CDU zurückzuholen. „Es gelingt uns aber nicht. Dies ist ein unerträglicher Zustand“, klagte Merz. Energisch wies er Vorwürfe zurück, dass mit seiner Wahl zum Vorsitzenden die Partei weiter auseinanderdriften und es zu Neuwahlen kommen könnte. Natürlich gehe es gut, wenn er als Parteichef mit Kanzlerin Merkel zusammenarbeiten werde, bekräftigte er und sprach die „liebe Angela“ an anderer Stelle auch direkt an. 

Vor Merz war Annegret Kramp-Karrenbauer ans Rednerpult getreten – begleitet von viel Vorab-Applaus. Sie sprach davon, warum sie 1981 in die CDU eingetreten sei. „Die CDU hat mich fasziniert, weil sie damals die Partei war, die nicht den Schwarzmalern hinterhergelaufen ist, die nicht ängstlich geschaut hat.“ Die Partei habe Kurs gehalten, etwa beim Nato-Doppelbeschluss oder später bei der Deutschen Einheit. Auch heute gehe es darum, dass die CDU wieder eine „Strahlkraft" entwickeln müsse. Sie forderte den Mut, „die Komfortzone zu verlassen“. Immer wieder kam spontaner Beifall auf, vor allem wenn „AKK“ Alltagsprobleme benannte. Der höchste Mobilfunkstandard 5G, betonte sie zum Beispiel forsch, sei überall nötig – „auch an jeder Milchkanne“.  

Begeisterung pur: Die Delegierten feierten Angela Merkel für ihre Abschiedsrede. Foto: Michael Kappeler/dpa

Die Christdemokraten zeigten sich in Hamburg emotional wie lange nicht mehr – auch zu Beginn des Parteitags beim Abschied von Merkel. Die Partei, die Steuern und Ordnen bekanntermaßen wichtig findet, ließ ihren Gefühlen freien Lauf. Dankbarkeit, Hochachtung und bei manchen gewiss auch schlechtes Gewissen rissen die Delegierten zu Ovationen hin für die ausscheidende Chefin. Über neun Minuten lang applaudierten die Christdemokraten einer Frau, die Ende Oktober auf Druck der Basis nach zweistelligem CDU-Verlust in Hessen eilig ihren geordneten Teilrückzug organisierte. Das Schicksal ihres Getreuen Volker Kauder, der wegen der ungelösten Problem-Themen Migration und AfD handstreichartig abgelöst wurde, hatte Merkel offenkundig als Warnung verstanden. Selbst in einst sehr Merkel-treuen Unions-Regionen wie Osnabrück-Emsland oder Baden-Württemberg war der Rückhalt für die Kanzlerin rapide geschwunden. Dazu kam der Asyl-Dauerstreit mit der CSU, der erst Unverständnis und zuletzt nur noch Abscheu auslöste.

Nun aber schwenkten die Delegierten orangefarbene Plakate. „Danke, Chefin“ stand darauf – sie meinten damit sicher auch den starken Abgang, den Merkel hinlegte. Unter den Delegierten wischte mancher eine Träne fort, als die 64-Jährige ihre Rede mit den Worten beendete: „Es war mir eine Ehre.“ Als eine Art Vermächtnis hinterließ die Kanzlerin – bis 2021 will sie in diesem Amt bleiben – der CDU den beschwörenden Appell zur Einigkeit. „Wohin uns nicht enden wollender Streit führt, das haben CDU und CSU in den letzten Jahren bitter erfahren“, sagte Merkel in ihrer letzten Rede als Parteichefin. Wohin dagegen Einigkeit die Christdemokraten führe, sei auch klar: In den 70 Jahren der Bundesrepublik hätten CDU und CSU 50 Jahre lang den Bundeskanzler gestellt.

Abschied: Nach 18 Jahren an der CDU-Spitze trat Angela Merkel ab. Foto: John Macdougall/AFP

Mit Blick auf die Sorge in der CDU, dass sich nach der Kampfabstimmung die Gräben zwischen verschiedenen Flügeln der Partei vertiefen könnten, betonte Merkel das von ihr bestimmte Motto des Parteitages: „Zusammenführen. Und zusammen führen.“ Nach 18 Jahren im Parteivorsitz und 72 Wahlkämpfen, die sie seit ihrer ersten Kür im Jahr 2000 bestritt, habe die CDU weiterhin als Volkspartei der Mitte den Führungsanspruch in Deutschland. Viel Applaus erhielt Merkel, als sie die teils überraschenden Siege bei den Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr hervorhob. Diese seien „der entscheidende Schlüssel“ dafür gewesen, bei der Bundestagswahl 2017 Rot-Rot-Grün zu verhindern.

„Typisch Merkel“, wie sie selbst anmerkte, war allerdings, dass sie die Partei umgehend in die Gegenwart zurückholte: Erfolg sei „kein Anlass zu Stolz, sondern zu Demut“, rief sie den Delegierten zu. „Wir haben verstanden, dass wir die Weisheit nicht gepachtet haben und dass es sich lohnt, die Welt mit den Augen der anderen zu sehen. Die Welt ist nicht schwarz und weiß“, mahnte Merkel Weltoffenheit und Toleranz an. Mit dem Taktstock, den der Maestro Kent Nagano 2017 beim Hamburger G-20-Gipfel in der Elbphilharmonie führte, würdigte die CDU Opernfreundin Merkel zum Abschied als „Dirigentin der Weltpolitik“. Bis 2021 ist sie als Regierungschefin gewählt – die Wahl von Kramp-Karrenbauer dürfte dabei nun eine gute Zusammenarbeit mit der Partei garantieren.

Merkel selbst hatte schon bei der Ankündigung ihres Rückzugs vom CDU-Vorsitz bekräftigt, dass sie als Kanzlerin volle vier Jahre im Amt bleiben wolle. Beobachter sehen in ihrem Durchhaltewillen auch Ehrgeiz: Merkel ist Europas dienstälteste Regierungschefin. Nach ihrer Wiederwahl am 24. September 2017 hat sie die Chance, Deutschlands ersten Kanzler und CDU-Mitbegründer Konrad Adenauer an Amtsjahren zu überholen – und sogar mit dem Rekordhalter Helmut Kohl gleichzuziehen. Adenauer war 14 Jahre, Kohl 16 Jahre Kanzler. Merkel würde dies bei voller Amtszeit auch schaffen. Dann ginge die erste Frau und erste Ostdeutsche im Kanzleramt wohl endgültig in die Geschichte ein.


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