Steigende Mieten führen zu verstärktem Andrang Tafel-Chef: Hunderttausende Tafel-Kunden sind noch minderjährig

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Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel. Foto: dpa/CarstensenJochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel. Foto: dpa/Carstensen

Osnabrück. Die steigenden Mieten führen zu verstärktem Andrang bei den Tafeln in Deutschland. Bundesverbands-Vorsitzender Jochen Brühl sagt im Interview: „Viele müssen sich mittlerweile fragen: ,Zahle ich meine Miete oder esse ich?‘“.

Herr Brühl, in diesem Jahr wurden die Tafeln in Deutschland 25 Jahre alt, überschattet wurde 2018 aber vom Streit um die Essener Tafel und den dortigen Aufnahmestopp von Ausländern. Was ist geblieben von der hitzigen Debatte?

Geblieben sind die über 940 Tafeln in Deutschland mit ihren freiwilligen Helfern, die schon lange an der Leistungsgrenze arbeiten. Die umstrittene Reaktion der Tafel in Essen war eine Art Hilferuf angesichts der massiven Probleme am Rand unserer Gesellschaft. Die Probleme sind geblieben, die Empörungskarawane ist weitergezogen. Ich hatte gehofft, dass diese Empörung der Anfang eines Umdenkens in der Gesellschaft wird. So war es aber nicht und somit bleibt es dabei: Wir brauchen eine neue Aufmerksamkeit für Armut. Wir müssen weg von der gesellschaftlichen Gleichgültigkeit den Abgehängten gegenüber.

Wer sind diese Abgehängten?

1,5 Millionen Menschen besuchen regelmäßig Tafeln, um sich hier mit Lebensmitteln zu versorgen. Jeder dritte Kunde ist noch Kind oder Jugendlicher. Zudem steigt die Zahl der Senioren weiter an. Die Zahl der Rentner hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Das sind besorgniserregende Entwicklungen. Die steigenden Mietpreise haben daran ihren Anteil. Viele müssen sich mittlerweile fragen: ,Zahle ich meine Miete oder esse ich?‘

Was ist mit Ausländern und Flüchtlingen, die ja Auslöser der Essener Debatte waren?

Schlange stehen vor der Essener Tafel im Frühjahr. Foto: Roland Weihrauch/dpa

Die Tafeln leisten Integrationsarbeit unabhängig vom Pass. Zu uns kommen diejenigen, die von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt werden. Ja, das können Flüchtlinge und Ausländer sein, aber eben auch der Rentner, der von einer Mini-Rente leben muss. Wer zu uns kommt, dem wird geholfen, dessen Probleme werden ernst genommen. Dabei ist es egal, ob man nun Deutscher oder Ausländer ist. Das ist das deutliche Signal, das die Tafeln aussenden.  

Sie sagen, die Gesellschaft grenzt die Armen aus…

Ja, die Gesellschaft - und die Politik leistet dabei ihren Anteil. Es reicht eben nicht, wenn sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit einer Sozialhilfeempfängerin trifft. Nein, wir brauchen nachhaltige Ideen, sonst hängen wir noch mehr Leute ab. Jeder könnte wissen, welche Probleme es am Rand der Gesellschaft gibt. Dafür müsste man nur einmal bei der Tafel im Ort vorbeischauen. Unsere Ehrenamtler sehen Politiker aber immer nur im Wahlkampf. Wir fordern die Berufung eines Armutsbeauftragten durch die Bundesregierung sowie in allen 16 Landesregierungen.

Was könnte Politik konkret darüber hinaus machen?

Zunächst einmal Abstand nehmen von einigen Ideen. Wir reden ja viel über die Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Wenn die Menschen bis 70 arbeiten, dann verlieren die Hilfsorganisationen und Wohlfahrtsverbände diese Menschen als ehrenamtliche Helfer. Die Tafeln leben vom Engagement der Menschen ab dem 60. Lebensjahr. Wer sollte die Leistungen an ihrer Stelle erbringen? Da sollte sich der Staat sehr genau ausrechnen, was mehr kostet. Würde man die ehrenamtliche Arbeit bei den Tafeln mit dem Mindestlohn vergüten wollen, kämen wir auf 216 Millionen Euro im Jahr. Allein bei den Tafeln wohlgemerkt, deutschlandweit gibt es ja insgesamt 30 Millionen Menschen, die sich ehrenamtlich einbringen.

Ehrenamtliche helfen bei der Essensausgabe. Foto: dpa/Riedl

Wie wäre es mit der Einführung eines verpflichtenden Dienstjahres? 

Ein Pflichtjahr halte ich für schwierig. Es muss auch anders gehen als mit staatlichem Zwang. Wir müssen es als Gesellschaft hinbekommen, dass Menschen den Freiraum für ehrenamtliches Engagement haben. Ehrenamt gibt es nun einmal nicht umsonst. Ein Instrument, das wir haben, ist der sogenannte Bundesfreiwilligendienst, bei dem Teilnehmer eine kleine Vergütung bekommen. Seit 2011 haben über 4.000 Freiwillige einen Bundesfreiwilligendienst bei einer Tafel gemacht, darunter immer mehr Flüchtlinge, die als Freiwillige mit anpacken.

Sie schreiben an einem Buch zum Thema Tafeln. Worum wird’s gehen?

Ich bin gerade dabei und reise durch Deutschland. Ich will wissen, wie nehmen Außenstehende aus anderen Teilen der Gesellschaft die Armut und die Arbeit von Tafeln wahr. Der Arbeitstitel lautet „Genug ist genug“ – also genug im Sinne von ausreichend Lebensmittel, aber auch genug um Sinne von: Es reicht mit dem Beklagen, lasst uns endlich etwas machen. Das nehme ich nämlich als Signal von den Tafeln mit: Die Gesellschaft beklagt gerne Missstände, macht dann aber nichts effektiv dagegen. So wie eben in Essen. Auf die Empörung folgte genau: nichts.


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