BDI-Präsident Kempf im Interview Industrie drängt auf Fortschritte bei Digitalisierung und Klimaschutz


Osnabrück. Die Digitalisierung der Wirtschaft wird am Ende leicht positive Beschäftigungseffekte haben; und vor Künstlicher Intelligenz (KI) muss der Mensch sich nicht fürchten, sondern sollte sie gezielt nutzen: Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), betont die Chancen der digitalen Welt und fordert: „Es wird höchste Zeit, die KI-Strategie der Bundesregierung zügig umzusetzen.“ Auch beim Klimaschutz drängt der BDI-Präsident auf Fortschritte, warnt aber vor zu hoch gesteckten Zielen. Ein Interview zum Digitalgipfel der Bundesregierung in Nürnberg und zum Klimagipfel der Vereinten Nationen in Kattowitz.

Herr Kempf, die Cebit, einst die größte IT-Messe der Welt, wird nach mehr als 30 Jahren eingestellt. Was bedeutet das für den IT-Standort Deutschland? Ist er nun geschwächt?

Nein, es liegt einfach daran, dass Informationstechnologie längst eine Querschnittstechnologie geworden ist. Die gute Nachricht ist: Die Digitalisierung steht nicht mehr für sich alleine, sondern im Zentrum von Produkten und Prozessen in der gesamten Industrie. Daran passen sich die Aussteller an.

Dauerthema Internet: Deutschland hinkt bei Geschwindigkeit und Netzabdeckung im internationalen Vergleich immer noch hinterher. Welche Voraussetzungen braucht die Industrie, um weltweit wettbewerbsfähig zu bleiben?

Die Industrie braucht sehr, sehr schnelle und zugleich stabile Datenverbindungen, idealerweise per Glasfaser. Wo es keine Leitungen geben kann, benötigen wir sehr schnellen Mobilfunk, etwa bei der Kommunikation zwischen Maschinen in der Fabrik. Da geht es um den neuen 5G-Standard.

Den möchten natürlich auch alle Verbraucher gerne nutzen…

Die Politik hat mit dem Thema 5G bei den Bundesbürgern völlig falsche Erwartungen geweckt. Ein flächendeckender Ausbau mit 5G, wie der Koalitionsvertrag ihn verspricht, wird ökonomisch erst gehen, wenn wir andere Trägerfrequenzen versteigern, in den 2020er Jahren. Die nun zu versteigernden Trägerfrequenzen tragen nur etwa 500 Meter weit. Viele Zehntausende neuer Sendemasten wären kurzfristig nötig. Das wäre nicht nur wirtschaftlich völlig sinnlos, sondern auch für jeden vom Funkloch geplagten Handynutzer: Für die Bürgerinnen und Bürger ist schon viel gewonnen, wenn jetzt erst einmal 4G flächendeckend ausgebaut wird, wie es geplant ist. 4G reicht beispielsweise aus, damit vier Familienmitglieder eines Haushalts ohne Probleme parallel Filme streamen können.

Neben der Vernetzung der Produktion ist Künstliche Intelligenz, kurz KI, zum großen Thema der Digitalisierung geworden. Wie bewerten sie die KI-Strategie der Bundesregierung? Tut sie genug, um Entwicklung und Forschung zu fördern?

Es wird höchste Zeit, die KI-Strategie zügig umzusetzen. Die drei Milliarden Euro, welche die Bundesregierung für die kommenden Jahre ausgelobt hat, sind schon einmal ein Wort. Europa liegt trotzdem immer noch weit hinter China und den USA. Es kommt deshalb darauf an, das Geld richtig einzusetzen. Europa sollte nicht versuchen, die Amerikaner bei der Analyse von Konsumentendaten einholen zu wollen. Besser ist, das Forschungsgeld für die Weiterentwicklung industrieller Anwendungen zu nutzen. Denn da haben wir Europäer und vor allem der Standort Deutschland einen deutlichen Vorteil.

Wie steht es denn um die notwendigen Experten für Künstliche Intelligenz. Brauchen wir auch hier Verstärkung aus dem Ausland?

Ja, wir benötigen mehr Experten auf diesem Gebiet, und deshalb müssen wir weltweit auf die Suche gehen. Sicher gibt es den einen anderen enttäuschten Forscher an der Westküste der USA oder auch in China, der für einen guten Lehrstuhl mit anwendungsnaher Forschung gerne nach Europa geht. Sicher ist: Gerade in der anwendungsnahen Forschung eröffnen sich enorme Möglichkeiten. Ein großes Thema ist KI in der Medizin. Auf diese Weise kann es gelingen, Krankheiten wie Krebs deutlich besser als heute zu diagnostizieren und zu therapieren.

Künstliche Intelligenz ist auch das Schwerpunktthema des bevorstehenden Digitalgipfels in Nürnberg. Was kommt da auf die Arbeitnehmer zu, wenn ihnen nicht nur Roboter und Automaten, sondern auch noch selbstlernende Maschinen und Rechner Konkurrenz machen?

Viele Menschen denken bei diesem Thema an humanoide, also menschenähnliche Roboter, die selbst lernen und sich eines Tages gegen den Menschen auflehnen könnten. Doch ist das eine völlig falsche Vorstellung von dem, was Künstliche Intelligenz kann. Der Mensch ist und bleibt in sehr vielen Dingen überlegen. KI erkennt aber - wenn sie genügend Daten hat - Muster viel besser als wir Menschen. Sie findet zum Beispiel in kürzester Zeit in Millionen von Daten Übereinstimmungen – ein wichtiger Punkt für die Qualitätssicherung in der Produktion oder in der Medizin.

Wird die fortschreitende Digitalisierung der Wirtschaft am Ende Jobs kosten?

Nein. Das erwarte ich nicht. Die Anforderungen in der Arbeitswelt werden sich sicher verändern. Aber wenn wir es richtig machen, wird es leicht positive Beschäftigungseffekte geben, wie aktuelle Studien zeigen. Dazu müssen wir massiv in Bildung investieren, um die Basis für das Erlernen digitaler Grundtechniken zu legen. Noch können wir die Chancen der Digitalisierung gar nicht vollständig übersehen, aber das ist überhaupt nicht erstaunlich. Vor 20 Jahren hatte ja auch niemand eine Vorstellung davon, was wir heute mit einem tragbaren Telefon alles machen.

Angesichts der fortschreitenden digitalen Transformation der Wirtschaft und der großen Gewinne international operierender digitaler Unternehmen wie Google, Facebook und Co drängt die EU auf eine Digitalsteuer. Einverstanden?

Nein, auch wenn ich jeden gut verstehe, der sich über die geringe Steuerlast dieser hoch profitablen Konzerne ärgert. Weil man an das Einkommen nicht rankommt, schlägt die EU einen niedrigen Steuersatz auf den Umsatz vor. Das würde aber zu Doppelbesteuerungen führen und unsere Industrieunternehmen zusätzlich treffen. Wegen der Digitalisierung braucht der Staat kein anderes Besteuerungskonzept. Vielmehr muss die Staatengemeinschaft entschiedener etwas gegen Steueroasen tun. Damit sollte Europa anfangen.

Die EU hat eine Strategie vorgeschlagen, um bis 2050 „klimaneutral“ zu sein. Bis dahin soll der Netto-CO2-Ausstoß in der Europäischen Union auf Null sinken. Ist das aus Sicht der Industrie realistisch?

Der BDI hat dazu eine eigene Studie vorgelegt. Ergebnis ist, dass beim CO2 ein 80-Prozent-Einsparziel möglich ist. Und es ist klar, dass wir alle eine Verantwortung für das Klima haben. Doch eine weitestgehend oder völlig emissionsfreie Volkswirtschaft hat einen enormen Preis. Es wird Anschubfinanzierungen brauchen. Erforderlich ist ein dauerhaft verlässlicher Rahmen für sichere Versorgung und wettbewerbsfähige Preise.

Was kann kurzfristig geschehen?

Es gibt eine Reihe einfach zu erreichender Ziele, etwa bei der Gebäudesanierung. Die steuerliche Förderung ist das Instrument, was fehlt, um den Prozess in Gang zu bringen. Zwei Drittel der rund 19 Millionen Wohngebäude in Deutschland sind sanierungsbedürftig. Mit dem Verzicht auf diese Förderung handelt die Bundesregierung absolut fahrlässig.

Welche Signale sollten aus Ihrer Sicht vom Weltklimagipfel in Kattowitz in dieser Woche ausgehen?

Wir in der deutschen Industrie stehen fest zum Pariser Klimaabkommen. Aber die Lücke zwischen Anspruch und Handlungen der Unterzeichnerstaaten ist noch immer groß. Auf dem Klimagipfel muss die Staatengemeinschaft als Ganzes stärker vorankommen. Entscheidend ist, dass eine Überprüfbarkeit der jeweiligen Anstrengungen möglich wird. In Kattowitz muss das Regelbuch entstehen, auf das nicht nur die Wirtschaft wartet.

Welche Rolle spielt Europa?

In Europa sollten wir vorsichtig sein, dass wir aus ambitionierten Zielen nicht überambitionierte Ziele machen. Es ist richtig, dass wir uns bemühen, voranzuschreiten. Aber es ist falsch zu glauben, unser Kontinent könnte allein das Weltklima retten. Denn die gesamte EU ist nur für knapp zehn Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich, mit stark abnehmender Tendenz. Die Länder, die für die übrigen 90 Prozent verantwortlich sind, müssen jetzt mitziehen.

Und wie sind die wirtschaftlichen Erwartungen beim Blick auf den Klimaschutz?

Natürlich haben unsere Unternehmen Interesse, neue Technologien zu entwickeln, welche die Welt künftig braucht und wir in den nächsten Jahrzehnten exportieren. Aber noch einmal: Einsparziele dürfen kein Wunschdenken sein. So kann heute niemand abschätzen, wie es nach der Abschaltung der Kernkraftwerke um die Versorgungssicherheit in Deutschland stehen wird. Heute profitieren wir noch von einem innereuropäischen Ausgleich in der Stromversorgung. Weil aber andere EU-Länder ebenfalls ihre Energieversorgung umstellen, droht die Versorgungssicherheit in Gefahr zu geraten. Klimaschutz ist nur dann erfolgreich, wenn er auch Versorgungssicherheit, Preisstabilität und verträglichen Strukturwandel im Auge behält.

Last but not least: Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem Wechsel an der Spitze der CDU?

Ein Vertreter der Industrieinteressen hat natürlich immer die Hoffnung, dass die Regierung wirtschafts- und steuerpolitische Akzente setzt. Egal wer am Ende der Woche an der Spitze der CDU steht: Unsere Unternehmen erwarten einen klaren wirtschaftspolitischen Kurs. Davon haben wir in der Vergangenheit zu wenig gesehen. Die Politik hat sich viel zu viel mit Umverteilen beschäftigt – und viel zu wenig nach vorne geschaut. Die große Aufgabe besteht darin, Wohlstand für kommende Generationen zu sichern. Da muss sich die Regierung endlich heranwagen. Die Ungeduld in der Wirtschaft wächst.


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