"Abstoßend und kontraproduktiv" Protest gegen "Schnüffel-Fibel" für Suche nach "völkischen" Kindern

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In der Broschüre „Ene, mene, muh – und raus bist du!“ werden Beispiele konstruiert, anhand derer Erzieher auf Kinder aus „völkischen Elternhäusern“ aufmerksam gemacht werden sollen. Foto: dpa/Christian CharisiusIn der Broschüre „Ene, mene, muh – und raus bist du!“ werden Beispiele konstruiert, anhand derer Erzieher auf Kinder aus „völkischen Elternhäusern“ aufmerksam gemacht werden sollen. Foto: dpa/Christian Charisius

Berlin. In einer vom Familienministerium geförderten Broschüre für Erzieher wird gewarnt, "Mädchen mit Kleidern und Zöpfen" und "gedrillte Jungen" könnten aus "völkischen Elternhäusern" kommen. Pädagogen und Bildungspolitiker reagieren entsetzt.

Mittlerweile hat die Bundesfamilienministerin, deren Behörde das Projekt gefördert hat, auf die Kritik reagiert.

„Hier wird zu einer Gesinnungsschnüffelei aufgerufen, wie sie zuvor der AfD wegen ihres ‚Lehrer-Prangers‘ vorgeworfen worden war“, empört sich Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, im Gespräch mit unserer Redaktion. Die „Schnüffel-Fibel“ der Antonio-Amadeu-Stiftung müsse „schnellstens aus dem Verkehr gezogen werden.“ Albert Rupprecht (CSU), bildungspolitischer Sprecher der Unionsfraktion, sagt: „Hier liegt ein politischer Missbrauch von Erzieherinnen und Erziehern vor, der sofort beendet werden muss!" 

Die scharfe Kritik richtet sich gegen die Broschüre „Ene, mene, muh – und raus bist du!“, die an Kindergärten  verteilt wird. Darin werden Beispiele konstruiert, anhand derer Erzieher auf Kinder aus „völkischen Elternhäusern“ aufmerksam gemacht werden sollen. „Das Mädchen trägt Kleider und Zöpfe, es wird zu Hause zu Haus- und Handarbeiten angeleitet, der Junge wird stark körperlich gefordert und gedrillt“, heißt es auf Seite 13. Den Erziehern wird geraten, in solchen Fällen „die Eltern zum persönlichen Gespräch in die Kita einzuladen“.

"Feindbild Zopf-Mädchen"

„Ich bin entsetzt über das Argumentationsniveau“, sagt Lehrerverbandspräsident Meidinger. „Mit fragwürdigen Kategorien wird ein ‚völkischer Typus‘ kreiert. Das ist abstoßend, kontraproduktiv und entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage.“

Natürlich müssten Pädagogen extremistischen Ansichten von Schülern und Eltern in geeigneter Form offensiv begegnen, sagt Meidinger. Aber solche Ansichten kämen auch „in sehr gut bürgerlichen Familien vor“. Der Pädagoge beklagt: „Hier werden gezielt Mädchen mit Kleidern und Zöpfen und körperlich gedrillte Jungen zu Feindbildern gemacht. Das wird die Demokratie in unseren Kindergärten und Schulen nicht stärken, im Gegenteil.“ 

Grußwort von Familienministerin Giffey

Unions-Bildungsexperte Ruppert sagt: „Kein Mensch darf wegen seiner Kleidung, seiner Frisur oder seines Lebensstils stigmatisiert, verurteilt oder in Schubladen sortiert werden. Jeder Mensch hat das Grundrecht, sich in unserer Gesellschaft frei entfalten zu können." Es sei grundlegend falsch, dies mit einer Schnüffel-Fibel zu behindern. Die mit Steuergeld geförderte Broschüre sei „mit unseren Grundwerten unvereinbar“.

Im Grußwort für die Handreichung schreibt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD): "Für das Engagement aller an der Broschüre Beteiligten möchte ich mich herzlich bedanken. Ihnen und den Fachkräften, denen diese Broschüre in der Praxis an die Hand gegeben wird, wünsche ich viel Erfolg und Beharrlichkeit bei dieser so wichtigen Arbeit!"

Förderte die "Schnüffel-Fibel": Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD). Foto: dpa


Anmerkung der Redaktion: Im ersten Bericht über die Broschüre für Erzieher fehlte eine Stellungnahme der Amadeu-Antonio-Stiftung, die die Broschüre erstellt hatte. Wir liefern diese hier nach. Wir hatten zudem in unserer Berichterstattung nur eines von mehreren Fallbeispielen herausgegriffen. Darin ging es um den Umgang mit Kindern aus einem rechtsextremen Elternhaus. In diesem Zusammenhang wird ein Mädchen beschrieben, das Kleider und Zöpfe trägt. Tatsächlich geht es in der Broschüre nicht um das Enttarnen rechtsextremer Elternhäuser, sondern um den Umgang mit Kindern aus solchen Familien. Wir bitten, die missverständliche Darstellung zu entschuldigen.


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