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Grünen-Chef im Interview Habeck: „Wölfe, die sich an Menschen gewöhnen, sind ein Problem“

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Grünen-Chef Robert Habeck sagt, die Zahl der Wölfe sei noch weit davon entfernt, dass man in die Bestände eingreifen müsste. Foto: dpaGrünen-Chef Robert Habeck sagt, die Zahl der Wölfe sei noch weit davon entfernt, dass man in die Bestände eingreifen müsste. Foto: dpa

Osnabrück. Welchen Platz soll der Wolf in Deutschland haben? Diese Frage stellt sich mal wieder, nachdem ein Wolf einen Friedhofsmitarbeiter in Steinfeld gebissen haben soll. Raubtiere gehören zur Natur dazu, sagt Grünen-Chef Robert Habeck im Interview. Die Zahl der Wölfe sei noch weit davon entfernt, dass man in die Bestände eingreifen müsste. Allerdings sei manches Mal der Mensch an Zwischenfällen Schuld.

Herr Habeck, in Steinfeld nordwestlich von Bremen soll ein Wolf an einem Friedhof einen Mann gebissen haben. Das löst bei vielen Menschen Ängste aus, die Artenschützer aber für übertrieben halten. Leiden wir an Hysterie?

Seitdem der Wolf in Deutschland zurück ist, polarisiert er. Auf der einen Seite gibt es Faszination über ein so wildes und sagenumwobenes Tier. Auf der anderen Seite sind da die Ängste und das Gefühl von Bedrohung. Dass Wolfsrudel Probleme mit sich bringen, ist bereits aus anderen Ländern bekannt. Jetzt muss es darum gehen, dass die berechtigte Besorgnis nicht in eine radikale Ablehnung übergeht. Die Wahrheit zum Wolf liegt irgendwo in der Mitte.

Betreiben Artenschützer und Grüne da nicht Öko-Populismus?

Der Wolf ist tief in den Ur-Mythen verankert: Da gibt es einmal den bösen Wolf in „Rotkäppchen und der Wolf“, auf der anderen Seite den lieben Wolf aus dem Dschungelbuch oder als Wappentier aus „Game of Thrones“. Der Wolf muss für viele Projektionen des Menschen herhalten: Einerseits Stärke, Kraft und Ausdauer, andererseits gilt er aber auch als hinterhältiger, gnadenloser Jäger und ist damit Sinnbild für Gefahr. Deshalb ist die Debatte so emotional aufgeladen. Aber das hilft nur bedingt, vielmehr müssen wir uns an konkrete Lösungen machen und einen fairen Ausgleich zwischen Nutzen und Schützen schaffen.

Aber müssen Raubtiere denn im dichtbesiedelten Deutschland einen Platz haben?

Raubtiere gehören zur Natur dazu. Wenn wir alle Tiere, die uns Probleme bereiten, ausrotten wollen, dann hätten wir keine Biber, keine Fischotter und keine Kormorane mehr. Aber klar ist: Schäfer und Bauern, deren Arbeitsgrundlage der Wolf gefährden kann, brauchen die Unterstützung – beim Schutz ihrer Tiere und schnelle, unbürokratische Hilfen, wenn es zu Rissen kommt.

Prompt mehren sich nun Forderungen nach dem Abschuss von Wölfen. Die Union will den Schutzstatus von Wölfen so weit senken, dass eine Jagd bei Überschreiten bestimmter Bestandsgrenzen erlaubt wäre. Bisher dürfen nur verhaltensauffällige Tiere in Einzelfällen erlegt werden. Was halten sie von einer solchen Ausweitung?

Die Zahl der Wölfe ist noch weit davon entfernt, dass man in die Bestände eingreifen müsste. Und für den Umgang mit verhaltensauffälligen Tieren haben wir ja Regelungen: Zur Gefahrenabwehr dürfen dem Artenschutzrecht entsprechend Tiere in Einzelfällen vergrämt oder getötet werden, also etwa Wölfe, die die natürliche Scheu verloren haben. Viele mutmaßliche Wolfs-Angriffe kommen übrigens von Hunden und nicht von Wölfen, was sich durch DNA-Untersuchungen herausstellt. Wir müssen auch in diesem Fall abwarten, bis die Untersuchungsergebnisse vorliegen. Erst dann lässt sich ein Urteil fällen.

Aber der Wolf rückt den Siedlungen der Menschen immer näher, oder?

Wölfe, die sich an Menschen gewöhnen, sind ein Problem. Wölfe sind Raubtiere, die von Natur aus sehr menschenscheu sind. Aber es gab Fälle, wo Wölfe auf Truppenübungsplätzen von Soldaten gefüttert wurden. Sie haben ihre Wurstbrote mit ins Gelände genommen und mit den Wölfen quasi gespielt. Dann verlieren die Wölfe ihre Angst vor Menschen. Das ist schon jetzt strafbar, weil man wilde Tiere nicht anfüttern darf, und sollte von jedem tunlichst unterlassen werden.

Wie kann man Angriffe auf Herdentiere verhindern?

Das ist in der Tat eine Herausforderung. Hier muss es einen funktionierenden Ausgleich geben zwischen dem Schutz des Wolfes und den Interessen der Schäfer. Viele Schafe, gerade in meinem Bundesland Schleswig-Holstein, laufen über Wiesen und Marschen, die keine Zäune haben, sondern nur durch Gräben abgetrennt sind. Da wo Wölfe regelmäßig auftreten, muss man Schafherden einzäunen, um Konflikte zu minimieren.


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